76. Berlinale: Sehnsucht nach Selbstbestimmung
- Walter Gasperi
- vor 15 Minuten
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Zwei Anwärter:innen zumindest für die Schauspieler:innenpreise: Sandra Hüller in Markus Schleinzers starkem historischem Drama "Rose" und Caner Cindoruk in Emin Alpers "Kurtuluş – Salvation".
Auf die Vornamen der Protagonist:innen beschränken sich die Titel der bisherigen drei Filme von Markus Schleinzer. Auf das beklemmende Porträt eines pädophilen Kindesentführers in "Michael" (2011) folgte mit "Angelo" ein stilisiertes Drama über den im 17. Jahrhundert nach Wien verschleppten Afrikaner Angelo Soliman. Auch in "Rose" versetzt Schleinzer in dieses Jahrhundert, doch nicht an den Wiener Hof, sondern in ein protestantisches Dorf in Deutschland entführt der Film.
An die Stelle der strengen Stilisierung tritt hier auch eine realistischere und fließende, gleichzeitig aber auch zurückhaltende Erzählweise. Nichts wird aufgebauscht, sondern in großartigen Schwarzweißbildern von Kameramann Gerald Kerkletzt erzählt Schleinzer in langen statischen Einstellungen, dennoch entwickelt sein Film bewegende Kraft. Genau kontrolliert ist der Erzählrhythmus, der durch eine Off-Erzählerin, die teilweise in ihrer altertümlichen Sprache die Ereignisse schon vorwegnimmt oder zumindest andeutet, unterstützt wird.
Mit einer Totalen eines verwüsteten und noch qualmenden Feldes sowie menschlichen Skeletten evoziert "Rose" knapp die Schrecken des Dreißigjährigen Kriegs, in dem die fiktive Protagonistin, die Schleinzer und sein Drehbuchautor Alexander Brom aus zahlreichen dokumentierten Berichten entwickelt haben, als Soldat gedient hat. Aus dem Krieg kommt die Frau, die sich als Mann ausgibt, um in der Männergesellschaft akzeptiert zu werden, in ein Dorf, in dem sie mit einem Dokument ihren Anspruch auf einen verfallenen Hof durchsetzt.
Trotz anfänglichem Misstrauen findet sie sich langsam in der Gemeinschaft ein, doch als sie ein benachbarter Großbauer drängt, eine von dessen Töchtern zu heiraten, droht ihre wahre Identität aufzufliegen.
Unterstützt von einer großartigen Sandra Hüller in einer Titelrolle, die beispielsweise in einem furiosen Monolog die Dorfbewohner herausfordert, als diese ihr Geschlecht prüfen wollen, entwickelt Schleinzer ein ruhiges, aber sehr präzises historisches Drama. Erschütternd deckt er die Unterdrückung der Frau in der von der Religion geprägten Gesellschaft auf und vermittelt bewegend den Wunsch nach Freiheit und Selbstbestimmung.
Scharf kontrastiert wird das kurze Glück, das sich dabei durch weibliche Solidarität für eine kurze Zeit einstellt, durch die bald folgende drastische gesellschaftliche Repression. Dennoch lassen auch die letzten Szenen durch die Unbeirrbarkeit von Rose, die an Carl Theodor Dreyers "La passion de Jeanne d´Arc" erinnern, trotz ihres Schicksals nie zum hilflosen Opfer werden.
Einen Gegenpol zu Rose stellt der machtvoll auftretende Protagonist von Emin Alpers ("Burning Days") "Kurtuluş – Salvation" dar. In einem türkischen Dorf befürchtet ein Clan, der durch seinen Einsatz für den Staat im Kampf gegen Terroristen, Land und Macht gewonnen hat, von einem anderen, einst mächtigeren Clan wieder verdrängt zu werden. Während ein Anführer des Clans für friedliches Zusammenleben plädiert, schürt dessen Bruder mit Verweis auf seine religiös grundierten Träume Ängste. So kann er bald den Bruder aus seiner Machtposition verdrängen und beginnt die Dorfgemeinschaft zunehmend massiver gegen den anderen Clan aufzuhetzen.
Wie "Rose" von Sandra Hüller getragen wird, so drückt auch Caner Cindoruk als Mesut "Kurtuluş – Salvation" den Stempel auf. Genau zeichnet Alper in dem sehr klassisch, aber konzentriert erzählten Drama, das atmosphärisch dicht in einem eindrucksvollen Bergdorf mit labyrinthartig verwinkelten Gassen verankert ist, die langsame Eskalation der Ereignisse nach. Packend wird so einerseits eine konkrete Geschichte erzählt, andererseits werden darin auch allgemein die Strategien von Volksverführern und die Mechanismen von Manipulation, Propaganda und religiösem Fanatismus sichtbar.
