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76. Berlinale: Wendepunkte im Leben

  • Autorenbild: Walter Gasperi
    Walter Gasperi
  • vor 2 Tagen
  • 3 Min. Lesezeit

Zwei durch die Konzentration auf eine kurze Zeitspanne und starke Schwarzweißbilder beeindruckende Filme: Während im Wettbewerb der Brite Grant Gee in "Everybody Digs Bill Evans" vor dem Hintergrund eines schweren Verlusts ein Porträt des legendären Jazzpianisten Bill Evans zeichnet, fokussiert Juan Pablo Sallato in "Hangar Rojo", der in den "Perspectives" läuft, auf einem hohen chilenischen Offizier, der sich während des Militärputschs 1973 zwischen Befehlsausführung und Gewissen entscheiden muss.


Bill Evans (1929 – 1980) gilt als einer der einflussreichsten Pianisten des Modern Jazz, doch der Dokumentarfilmregisseur Grant Gee zeichnet in seinem Spielfilmdebüt "Everybody Digs Bill Evans", dessen Titel er von einem 1958 erschienenen Album von Evans übernahm, nicht dessen Leben nach, sondern konzentriert sich fast ausschließlich auf das Jahr 1961.


Nachdem Evans 1959 im Bassisten Scott LaFaro und im Schlagzeuger Paul Motian zwei kongeniale Partner gefunden hatte, stand das Trio 1961 mit zwei legendären Alben, die aus Live-Aufnahmen im New Yorker Jazzclub Village Vanguard entstanden, am Höhepunkt ihrer Karriere. Doch nur zehn Tage nach diesem Auftritt starb LaFaro bei einem Autounfall und Evans stürzte in eine schwere persönliche Krise.


In großartiger Montage verbindet Grant Gee zum Vorspann dieses legendäre Konzert mit dem Autounfall LaFaros, auch wenn der Schnitt von dem sich drehenden Band des Aufnahmegeräts auf einen Autoreifen geschmäcklerisch wirkt. Diesem von Jazz bestimmtem Auftakt steht der anschließende Rückzug von Evans gegenüber.


Er vegetiert in seiner New Yorker Wohnung dahin, bis ihn sein Bruder Harry in seine Familie aufnimmt. Als Harry aber erkennt, dass er seinem Bruder, der zudem heroinsüchtig ist, nicht helfen kann, sorgt er dafür, dass Bill vorübergehend zu ihren pensionierten Eltern nach Florida zieht.


In kontrastreichen Schwarzweißbildern evoziert Gee, unterstützt von starken Darsteller:innen, in dem in Irland gedrehten Film, dicht nicht nur die Stimmung der frühen 1960er Jahre, sondern auch die Verlorenheit von Evans. Nur Harrys neunjährige Tochter kann ihn einmal zu einem kurzen Klavierspiel bewegen, doch nach wenigen Tönen bricht er das Spiel schon wieder ab. Auch bei den Eltern scheint sich sein Zustand nicht zu bessern, doch mit den dortigen Alltagsroutinen, Begegnungen in einer Kneipe, sowie einem Treffen mit seiner Freundin Ellaine, die ihm ein Angebot für einen Plattenvertrag bringt, kehrt doch langsam das Leben wieder zurück.


Unterbrochen werden diese Szenen mehrfach von kurzen, in kräftige Farben getauchten Szenen, die den bärtigen Evans in späteren Jahren am Klavier zeigen, aber mit der Datierung auf 1972 und 1979 und 1980 auch an die Selbstmorde seines Bruders Harry, seiner Freundin Ellaine und seinen eigenen Tod erinnern. So fügen sich diese beiden Ebenen zu einem dichten Porträt eines Künstlers, dessen Zerbrechlichkeit ebenso spürbar wird wie seine Genialität, wenn er erst in der letzten Szene wieder gelöst an einem Klavier sitzt und Nachspanninserts informieren, wie viele Platten Evans bis zu seinem Tod noch aufgenommen hat.


Auf eine Nacht und einen Tag beschränkt sich dagegen der Chilene Juan Pablo Sallato in seinem Langfilmdebüt "Hangar rojo", das in der Schiene "Perspectives" gezeigt wird. Mit dem 10. und 11. September 1973 handelt es sich dabei freilich um einen ganz zentralen Moment in der chilenischen Geschichte, putschte an diesen Tagen doch das Militär unter Augusto Pinochet gegen den gewählten Präsidenten Salvador Allende.


Die große Politik bleibt aber außen vor, denn Sallato konzentriert sich ganz auf Captain Jorge Silva, der in der Luftwaffenakademie Kadetten ausbildet. Führt er am Abend noch einen neuen Kadetten in die folgenden Aufgaben ein, so sieht er sich am nächsten Tag schon mit einem General konfrontiert, der ihm Befehle zum Verhör und zur Folterung Oppositioneller erteilt.


Hautnah folgt die Kamera von Diego Pequeño Silva bei seinen Wegen und die kontrastreichen Schwarzweißbilder sowie die geringe Schärfentiefe, die den Hintergrund meist in Unschärfe taucht, verstärken noch diese Fokussierung. Unaufdringlich, aber doch beklemmend wird dabei auch der Terror des Regimes vermittelt, wenn man Schreie aus dem "Roten Hangar" und später aus dem Nationalstadion hört, wo Gegner inhaftiert und gefoltert werden, aber auf entsprechende Bilder verzichtet wird.


Intensiv wird so auch durch das zurückhaltende Spiel Nicolás Zárates die Anspannung Silvas und seine Zerrissenheit zwischen Pflichterfüllung und Gewissen spürbar. Aber auch die persönliche Ebene wird sichtbar, wenn Silva mehrfach zutiefst besorgt versucht seine als Geschichtslehrerin an der Universität arbeitende Frau telefonisch zu erreichen.


Gerade weil hier nichts breit ausformuliert, aber sehr dicht die Zeitstimmung vermittelt wird, packt dieses Debüt, das in Nachspanninserts über das weitere Schicksal Silvas, aber auch das eines von ihm verhörten Oppositionellen informiert. - So werden in diesem kleinen Film die lebenslangen Auswirkungen der Ereignisse dieses einen Tages eindrücklich erfahrbar.

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