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76. Berlinale: Sorgfalt statt Risikobereitschaft

  • Autorenbild: Walter Gasperi
    Walter Gasperi
  • vor 40 Minuten
  • 3 Min. Lesezeit
76. Berlinale: "Gelbe Briefe" von Ilker Çatak und "À voix basse - In the Whisper" von Leyla Bouzid
76. Berlinale: "Gelbe Briefe" von Ilker Çatak und "À voix basse - In the Whisper" von Leyla Bouzid

Der Wettbewerb um den Goldenen Bären startete mit Leyla Bouzids "À voix basse - In a Whisper" und İlker Çataks "Gelbe Briefe": Zwei sorgfältig inszenierte und stark gespielte, aber filmisch wenig aufregende und überraschungsarme Dramen.


Der Erfolg des dichten Kammerspiels "Das Lehrerzimmer" (2023) schraubte die Erwartungen an den neuen Film von İlker Çatak in die Höhe. Ganz kann er diese mit "Gelbe Briefe" nicht erfüllen, ein starkes Drama ist ihm aber dennoch gelungen. Dynamik erzeugen Çatak und seine Kamerafrau Judith Kaufmann mit beweglicher Kamera schon in der ersten Szene, in der die Schauspielerin Derya (Özgü Namal) bei der Premiere des von ihrem Mann (Tansu Biçer) inszenierten Stücks bejubelt wird.


Weil Derya sich aber nicht mit dem Gouverneur, der sich im Publikum befand, aber mehrfach während der Aufführung das Handy benützte, fotografieren lassen will, wird das Stück bald abgesetzt und sie selbst nach ihrem Protest entlassen. Aber auch ihr Mann, der nicht nur als Regisseur arbeitet, sondern auch an der Universität unterricht, sowie seine Kolleg:innen und Freund:innen erhalten von der Universität in einem gelben Kuvert die Entlassung, weil sie in ihren Vorlesungen die Student:innen zu politischem Engagement und Teilnahme an einer Friedensdemonstration aufforderten.


Çatak zeichnet detailreich nicht nur die Methoden der Repression nach, sondern auch, wie diese und der Verlust der Arbeit zu finanziellen Problemen führen. Wenn sich damit langsam die Frage verdichtet, ob man sich vielleicht doch mit den politischen Machthabern arrangieren oder sich selbst treu bleiben soll, beginnt die Beziehung des Paares Risse zu bekommen.


Konzentriert auf die Beziehungen des Ehepaares zu seiner 13-jährigen Tochter, zur Mutter des Mannes, die ihnen Unterkunft gewährt, den konservativen Bruder der Frau sowie zu ihren politischen Mitstreitern entwickelt sich ein dichtes Drama. Dass dabei – wie durch Inserts betont - Berlin als Ankara und Hamburg als Istanbul fungieren und dementsprechend die Autos deutsche Nummernschilder tragen und in einem Gerichtssaal die Aufschrift "Dem Deutschen Volk" zu lesen ist, sorgt nicht nur für einen Verfremdungseffekt, sondern enthebt "Gelbe Briefe" auch dem türkischen Kontext und verleiht ihm Universalität.


So handwerklich sicher das aber auch inszeniert ist und vor allem in Familienszenen immer wieder große Intensität entwickelt, so sehr vertraut Çatak doch auf sein starkes Ensemble, lässt aber filmisch aufregende Ansätze vermissen. Auch die Kompaktheit und Dichte von "Das Lehrerzimmer" kann "Gelbe Briefe" aufgrund des weiter gespannten Netzes an Figuren und Schauplätzen nicht aufbauen.


Die Tunesierin Leyla Bouzid lässt in ihrem dritten Spielfilm "À voix basse – In a Whisper" dagegen die 32-jährige Ingenieurin Lilia (Eya Bouteraa) nach jahrelanger Abwesenheit anlässlich des Begräbnisses ihres Onkels in ihre Heimat zurückkehren. Begleitet wird sie von ihrer Partnerin Alice (Marion Barbeau), doch diese bringt Lilia in einem Hotel unter, denn sie traut sich nicht, ihrer Familie zu gestehen, dass sie lesbisch ist.


Parallel dazu fördert ein Besuch von zwei Polizisten nicht nur die Homosexualität des Verstorbenen zu Tage, sondern bewegt Lilia auch zum Tod des Onkels zu recherchieren. Die Begegnung mit dessen großer Liebe sowie mit seinem letzten Partner bietet ebenso einen Einblick in die Diskriminierung von Homosexuellen in Tunesien wie das Agieren der Polizei. Gleichzeitig stellt sich für Lilia zunehmend die Frage, wie lange sie ihr Verhältnis zu Alice ihrer Familie noch verheimlichen will.


Weder ist die Rückkehr in die Familie angesichts eines Todesfalls ein neues Filmthema noch das langsame Aufdecken von Familiengeheimnissen und die Verheimlichung einer homosexuellen Orientierung. Ziemlich vorhersehbar ist "À voix basse – In a Whisper" damit und auch hier können die sorgfältige Inszenierung mit genau kadrierten und in warme Farben getauchten Bildern sowie bruchlos in die Gegenwart einfließende Erinnerungen an die Kindheit und das starke Ensemble nicht über die fehlende Originalität und die allzu betuliche Erzählweise hinwegtäuschen.

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