Filmbuch: Martin Scorsese – Die Graphic Novel Biographie
- Walter Gasperi
- vor 7 Stunden
- 3 Min. Lesezeit

Der französische Comic-Zeichner Amazing Ameziane lässt – wie in seinem Buch zu Quentin Tarantino - Martin Scorsese selbst über sein Leben und Schaffen erzählen: Angesichts des umfangreichen Œuvres kann vieles nur angerissen werden, dennoch bietet der Band mit Amezianes abwechslungsreichem Zeichenstil einen idealen Einstieg in die Welt des Meisterregisseurs.
Während Ameziane seine Graphic Novel zu Quentin Tarantino als Interview mit dem Kultregisseur anlegte, lässt er Martin Scorsese nach einer Pre-Title-Sequenz, die 2005 während der Dreharbeiten von "The Departed" spielt, einleitend mit dem Satz "soweit ich mich erinnern kann, wollte ich immer Filmregisseur werden" auf sein Leben und Schaffen zurückblicken. Mit Zitaten von Federico Fellini, Paul Schrader, Orson Welles, Stanley Kubrick sowie Martin Scorsese selbst wird die Graphic Novel dabei in fünf Kapitel gegliedert.
Rund 80 Seiten lässt sich der französische Comic-Zeichner Zeit für die Kindheit und Jugend Scorseses, ehe er zu dessen erstem Spielfilm "Who’s That Knocking at My Door?" (1967) kommt. Er beleuchtet die Herkunft der Familie des 1942 geborenen New Yorkers ebenso wie seine Asthma-Erkrankung, die ihn statt auf Spielplätze ins Kino und vor den Fernseher trieb.
Ausführlich und atmosphärisch dicht schildert Ameziane das teils kriminelle Milieu der Wohngegend der italoamerikanischen Familie als Grundlage seiner Filme und die prägende Sozialisation durch katholischen Glauben und Kinoleidenschaft. Mitreißend wird diese Leidenschaft mit Scorseses Verweis auf frühe Filmerfahrungen von "Duel in the Sun" als Vierjähriger bis zu "The Searchers" und "Citizen Kane" oder das Filmstudium bei Haig Manoogian vermittelt.
Knapp wird mit Begegnungen mit Brian de Palma, dem Drehbuchautor Mardik Martin und der Cutterin Thelma Schoonmaker sowie John Cassavetes Einblick in ein Netzwerk geboten, das sich langsam entwickelte. Prägnant wird aber auch ein Bild des New Hollywood um George Lucas und Francis Ford Coppola evoziert.
Immer wieder wird dabei nicht nur die Schwierigkeit Scorseses angesprochen Produzenten für seine Filme zu finden, sondern in der frühen Erwähnung von "The Last Temptation of Christ" (1988), "Gangs of New York" (2002) und "Silence" (2016) wird auch sichtbar, wie lange er diese Projekte mit sich trug, ehe er sie realisieren konnte.
Während die ersten rund 100 Seiten schwarzweiß gehalten sind, kommt mit einer Krise Scorseses Anfang der 1970er Jahre Farbe dazu. Immer wieder wechselt Ameziane dabei den Zeichenstil. Großformatigen schwarzweißen Bildern, die Einstellungen aus "Raging Bull" (1980) kopieren, stehen beispielsweise von kräftigem Braun und Rot dominierte Bilder zu "The Last Temptation of Christ" gegenüber.
Der Kampf mit den Produzenten um die Schnittfassung von "Taxi Driver" (1976) wird ebenso beleuchtet wie sein Versuch mit "New York, New York" (1977) das Musical der 1940er Jahre wiederzubeleben. Während manche Filme wie "King of Comedy" (1982) , "The Color of Money" (1986), "Bringing Out the Dead" (1999) oder "Cape Fear" (1991) nur beiläufig erwähnt werden und seine dokumentarischen Arbeiten weitgehend unberücksichtigt bleiben, werden beispielsweise "Taxi Driver", "Raging Bull" und "GoodFellas" (1990) sehr ausführlich vorgestellt.
Die teilweise wortlosen, mehrseitigen und großflächigen Bildseiten machen diese Graphic Novel dabei zu einer ausgesprochen flotten und visuell aufregenden Lektüre. Nur kurz gestreift werden seine gescheiterten Ehen, darunter die mit Isabella Rossellini, während sich der Kampf um oder dann auch mit Produzenten und die Bedeutung von Stars wie Robert DeNiro oder Leonardo DiCaprio für die Finanzierung eines Films durch das Buch zieht.
Auffallend ist auch, wie viel Raum Ameziane angesichts der knappen Behandlung zahlreicher Filme der Begegnung Scorseses mit Akira Kurosawa und dessen Rolle als Van Gogh in "Dreams" (1990) oder den zahlreichen Oscarnominierungen bis zum Gewinn 2005 für "The Departed" widmet. Über mehrere Seiten wird aber auch das geplante, aber nie realisierte Biopic über Frank Sinatra vorgestellt, bei dem Ameziane mit klassischem Comic-Stil auch durch die visuelle Gestaltung in die 1940er und 1950er Jahre versetzt.
So bietet diese Graphic Novel, die durch eine ausführliche Bibliographie abgerundet wird, angesichts ihrer Knappheit zwar keinen tiefschürfenden Einblick, aber mit ihrer Fülle an Informationen einen guten Überblick über und Einstieg in Leben und Schaffen des 83-jährigen Meisterregisseurs. Gleichzeitig sorgen der abwechslungsreiche Zeichenstil und die zahlreichen wortlosen Bildseiten dafür, dass man nicht von Informationen erschlagen wird, sondern die Lektüre flott und unterhaltsam bleibt und große Lust auf die Filme Scorseses weckt.
Amazing Ameziane, Martin Scorsese. Die Graphic Novel Biographie, Splitter Verlag, Bielefeld 2025, 384 S., € 49,80, ISBN 978-3-68950-101-3
