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Alles ist im Fluss: Die filmische Welt von Hayao Miyazaki

  • Autorenbild: Walter Gasperi
    Walter Gasperi
  • vor 2 Stunden
  • 4 Min. Lesezeit
"Spirited Away - Chihiros Reise ins Zauberland": Hayao Miyazaki erschafft an Einfallsreichtum überbordende filmische Welten
"Spirited Away - Chihiros Reise ins Zauberland": Hayao Miyazaki erschafft an Einfallsreichtum überbordende filmische Welten

Hayao Miyazaki gilt als der Großmeister des Animé. Nicht nur in Japan waren seine Filme Kassenerfolge, sondern auch in den europäischen Kinos reüssierten sie und in Hollywood wurde seine Meisterschaft mit Oscars für "Spirited Away – Chihiros Reise ins Zauberland" (2001) und "Der Junge und der Reiher" (2023) gewürdigt. Das St. Galler Kinok widmet dem 85-Jährigen im Februar eine Filmreihe.


Überbordend an Einfallsreichtum sind die Welten, die der am 5. Januar 1941 in Tokio geborene Hayao Miyazaki in seinen Animé kreiert, stupend ist der Detailreichtum. Ständig ist dabei alles im Fluss, flüchtig wie der Wind, der in den Filmen Miyazakis immer wieder eine zentrale Rolle spielt.


Stets neue Gestalt nehmen die Geister und Fabelwesen an, denen die kleine Chihiro in "Spirited Away" (2001) im phantastischen Zauberland begegnet. Auch die Grenzen zwischen Gut und Böse sind alles andere als klar gezogen, denn der grässlich stinkende Faulgott entpuppt sich als ein nur durch menschlichen Zivilisationsmüll verpesteter gütiger Flussgott, während Chihiros kleiner Helfer Haku andererseits zum gefährlichen Drachen mutieren kann.


Alles ist beseelt in der vom Shintoismus geprägten Welt von Miyazaki, doch so sehr viele seiner Filme auch in der japanischen Kultur verankert sind, so sehr finden sich in seinem Werk auch westliche Einflüsse. So beziehen sich Szenen in "The Wind Rises - Wie der Wind sich hebt" (2013) ebenso explizit auf Thomas Manns "Der Zauberberg" wie "Laputa – Castle in the Sky" (1986) auf Jonathan Swifts "Gullivers Reisen" und in "Ponyo – Das große Abenteuer am Meer" (2008) variierte er Hans Christian Andersens Märchen "Die kleine Meerjungfrau".


So fantastisch freilich die Welten von Miyazaki sind, so kommt er doch weitgehend ohne Computeranimation aus. In Handarbeit entstehen seine Filme und entwickeln wohl gerade dadurch ihren Charme. Ambivalent sind sie dabei nicht nur in der Figurenzeichnung, sondern auch in der Position zur Technik.


Denn einerseits ist der Sohn eines Flugzeugunternehmers seit seiner Kindheit vom Fliegen und Flugmaschinen begeistert, und drehte einen Film über einen italienischen Kampfflieger ("Porco Rosso", 1992) und einen über den Konstrukteur des japanischen Jagdflugzeugs Zero ("The Wind Rises - Wie der Wind sich hebt", 2013), andererseits übt er in seinen Filmen immer wieder scharfe Kritik an Technisierung und Umweltzerstörung.


Auf Umwegen kam Miyazaki erst zum Film, studierte zunächst Politik und Wirtschaftswissenschaften, ehe er 1963 seine Karriere als Zeichner diverser Animationsfilme und –serien begann. Er gehörte – vorwiegend als Hintergrundgestalter – zum Stab der TV-Serien "Heidi" (1974) und "Marco" (1976), bei denen sein Kollege Isao Takahata Regie führte und die mit großem Erfolg auch in den deutschsprachigen Ländern ausgestrahlt wurden.


1978 inszenierte er mit "Future Boy Conan" seine erste eigene Fernsehserie und schon im Jahr darauf mit "Das Schloss des Cagliastro" (179) seinen ersten Kinofilm. Die Eröffnungssequenz dieses Animé über ein Abenteuer Lupins III., eines Enkels des Pariser Meisterdiebs Arsène Lupin, zählt für Steven Spielberg zu den besten Verfolgungsjagden der Filmgeschichte.


Unzufrieden mit der Situation bei den Studios, bei denen er angestellt war, gründete er 1985 zusammen mit Isao Takahata das Ghibli-Studio, das seither zum Inbegriff für den japanischen Animé wurde. Schon im Name kommt hier wieder Miyazakis Begeisterung fürs Fliegen und den Wind zum Ausdruck, denn "Ghibli" bezeichnet einen heißen Saharawind, nach welchem im Zweiten Weltkrieg italienische Kampfflugzeuge benannt wurden.


In eine fantastische Fantasy-Welt entführte er den Zuschauer im ersten Ghibli-Film "Laputa – Castle in the Sky" ("Das Schloss im Himmel", 1986), in dem er die bewegende Geschichte einer Freundschaft und des Erwachsenwerdens mit kulturphilosophischen Gedanken über Natur und Zivilisation verknüpfte und Geld-, Machtgier und Militarismus eine Absage erteilte.


Erzählte er in seinen beiden folgenden Filme "Mein Nachbar Totoro" (1988), in dem er auch die Tuberkuloseerkrankung seiner Mutter verarbeitete, und "Kikis kleiner Lieferservice" (1989) einfühlsam und unspektakulär von kindlichen Lebens- und Gefühlswelten, so folgte mit dem Fliegerdrama "Porco Rosso" (1992) ein Film, bei dem Miyazaki seiner Lust für die Fliegerei freien Lauf lassen konnte.


Während dieser Film zur Gänze im faschistischen Italien spielt, fokussierte "The Wind Rises - Wie der Wind sich hebt" (2013) auf dem japanischen Flugzeugkonstrukteur Jiro Horikoshi und spannt den Bogen vom Großen Erdbeben 1923 bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs. In diese Biographie bettet Miyazaki eine bewegende Liebesgeschichte, aber auch die Geschichte der zunehmenden Militarisierung Japans in den 1930er Jahren ein.


Und zwischen diesen beiden historischen "Flieger-Filmen" entstanden wiederum die vier herausragenden Fantasy-Filme "Prinzessin Mononoke" (1997), "Spirited Away - Chihiros Reise ins Zauberland" (2001), "Das wandelnde Schloss" (2004) und "Ponyo - Das große Abenteuer am Meer" (2008), in denen immer die Entwicklungsgeschichte einer jungen Protagonistin spielerisch leicht mit entschiedener Gesellschaftskritik verwoben wird.


Immer wieder werden dabei das Schöne und das Leben gefeiert und Zerstörung, Krieg und Gier angeprangert. Nicht nur visuell, sondern auch inhaltlich überbordende Märchen für Kinder gleichermaßen wie für Erwachsene sind die Filme Miyazakis. Viel Zeit erfordert die Gestaltung dieser filmischen Welten freilich und über sieben Jahre zog sich so die Produktion des wohl letzten Films des 85-Jährigen hin.


Dafür bekommt man auch mit "Der Junge und der Reiher" (2023) wieder sowohl mit seinem Einfallsreichtum und seiner Liebe zum Detail als auch mit einer berührenden Geschichte um Trauer, Verlust und Neubeginn begeisterndes Kino im Übermaß geboten, dessen Fülle sich bei einmaligem Sehen nicht erschließen lässt, sondern einlädt immer wieder gesehen und neu entdeckt zu werden.



Weitere Informationen und Spieldaten der Filmreihe im Kinok in St. Gallen finden Sie hier.



Trailer zu "Spirited Away - Chihiros Reise ins Zauberland"



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