Filmbuch: The Shark is not Working – Die größten Desaster der Filmgeschichte
- Walter Gasperi

- vor 21 Minuten
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Renatus Töpke bietet auf 350 Seiten Einblick in 55 Filme, deren Produktion sich äußerst schwierig gestaltete: Flott geschrieben und informativ, die US-Lastigkeit der Auswahl und die weitgehende Beschränkung auf die Zeit ab 1970 beeinträchtigen aber den Gesamteindruck.
Den Titel "The Shark is not Working" übernahm Renatus Töpke von der Produktionsgeschichte von Steven Spielbergs Blockbuster "Jaws – Der weiße Hai". Das nicht funktionierende Modell des Hais stellte dort die Crew vor große Probleme, andererseits erzielte dieser Klassiker des Tierhorrors letztlich wohl gerade dadurch seine Wirkung, dass vom Hai lange nur die Rückenflosse gezeigt wird.
Töpke bietet aber auch Einblick in das damals neuartige Marketing und Merchandising von Spielbergs erstem Welterfolg, während bei Francis Ford Coppolas Vietnamfilm "Apocalypse Now" (1979) detailliert der Wahnsinn des Drehs auf den Philippinen mit einem Sturm, der das Filmset zerstörte, sowie Alkohol- und Drogenexzessen der Crew geschildert wird.
Flott geschrieben und bestens recherchiert sind die jeweils vier bis zehnseitigen, mit schwarzweißen Filmplakten bebilderten Kapitel, in denen chronologisch Einblick in die Produktionsgeschichte von 55 Filmen geboten wird. Geschickt werden zur Unterstützung der Darstellung auch immer wieder Aussagen von Crewmitgliedern eingebaut
Töpke stellt dabei nicht nur inzwischen rehabilitierte Klassiker wie Michael Ciminos Western "Heaven´s Gate" (1980), bei dem der Regisseur mit seinem fanatischen Streben nach Authentizität Drehplan und Kosten hemmungslos überzog, vor, sondern berücksichtigt auch weitgehend vergessene Werke wie Stephen Kings Regiedebüt " RHEA M – Es begann ohne Warnung" (1986), bei dem der Bestsellerautor scheinbar völlig überfordert war, oder das wahnwitzige Familienprojekt "Roar" (1981), das mit zahlreichen wilden Tieren gedreht wurde.
Als wiederkehrende Probleme werden ein zu enger Drehplan, das Überziehen des Budgets und Besetzungsfragen, aber auch die Störung des Drehs durch technische Probleme oder Wetterkapriolen sowie maßlose Arroganz von Regisseuren sichtbar. Bedauern kann man hier, dass es neben den einzelnen Filmbeschreibungen keinen Abschnitt gibt, der eine zusammenfassende Schau dieser Faktoren bietet und damit für die Zukunft Möglichkeiten zum frühzeitigen Gegensteuern aufzeigt.
Andererseits muss man sich auch fragen, wo denn die Desaster bei Filmen wie "Jurassic Park" (1993) oder "Titanic" (1997) lagen. Unbestritten ist, dass es hier große technische Schwierigkeiten zu bewältigen gab und bei "Titanic" Drehzeit und Budget überschritten wurden, doch das Bild eines Desasters stellt sich in diesen Kapiteln nicht ein.
Auch die Auswahl der Filme kann man nicht nur, sondern muss man wohl kritisieren. Außer Wolfgang Petersens "Das Boot" (1981) und Werner Herzogs "Fitzcarraldo" (1982) werden ausnahmslos US-Filme vorgestellt. Fehlt beispielsweise bei den US-Filmen die für Wim Wenders zermürbende Produktion von "Hammet" (1982) , so blieben europäische Filme wie Andrej Tarkowskis "Stalker" (1979) oder Leos Carax´ "Die Liebenden von Pont-Neuf" (1991) – um nur zwei markante Beispiele zu nennen – völlig ausgespart.
Aber auch der sehr eingeschränkte Blick auf die Filmgeschichte beeinträchtigt den Gesamteindruck. Abgesehen von "Gone With the Wind" (1939) und "Cleopatra" (1963), bei denen die Probleme durch wechselnde Regisseure und die Schwierigkeit der Besetzung sowie die sich lange hinziehende Produktion beleuchtet werden, findet sich kein Film, der vor 1970 entstanden ist.
Fragen muss man sich hier, wieso in einem Buch mit dem Titel "Die größten Desaster der Filmgeschichte" die – um nur drei berühmte Beispiele zu nennen - berüchtigten Produktionsgeschichten von Fred Niblos Stummfilm "Ben Hur" (1925), von Max Ophüls´ "Lola Montez" (1955) oder von Henri-Georges Clouzots nie vollendetem "L´enfer" (1964) keine Berücksichtigung fanden.
Wesentlich spannender als die Entstehungsgeschichte doch weitgehend belangloser und missglückter Filme, für die sich heute niemand mehr interessiert, wie dem Action-Fantasyfilm "Master of the Universe" (1987) oder dem Horrorfilm "DNA – Die Insel des Dr. Moreau" (1996) nachzuzeichnen, wäre doch der Blick auf zeitlose Klassiker gewesen. Damit hätte auch Einblick in die Produktionsbedingungen beispielsweise in der Stummfilmzeit oder auch in anderen Ländern und Kulturkreisen geboten werden können.
Doch auch wenn die Auswahl der Filme insgesamt beliebig wirkt, so bietet "The Shark is not Working" zumindest beim Blick auf die Produktionsgeschichte etablierter Klassiker wie "Blade Runner" (1982) oder "Platoon" (1986) , aber auch von Terry Gilliams Langzeitprojekt "The Man Who Killed Don Quixote " (2018) und Orson Welles unvollendetem "The Other Side of the Wind" (2023) doch ebenso unterhaltsame wie informative Lektüre. Renatus Töpke, The Shark Is Not Working. Die größten Desaster der Filmgeschichte, Schüren Verlag, Marburg 2025, 352 S., € 28, ISBN 978-3-7410-0516-9




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