top of page
  • AutorenbildWalter Gasperi

The Boy and the Heron - Der Junge und der Reiher


Noch einmal legt der 82-jährige Hayao Miyazaki einen großen Animationsfilm vor, begeistert mit Einfallsreichtum und Liebe zum Detail ebenso wie mit einer berührenden Geschichte um Trauer, Verlust und Neubeginn, bei der er auch wieder in eine fantastische Parallelwelt abtaucht.


Schon mehrfach hat Hayao Miyazaki, der in den 1970er Jahren wesentlich an der Fernsehserie "Heidi" beteiligt war und im Kino 2001 mit "Chihiros Reise ins Zauberland" auch im Westen den Durchbruch schaffte, seinen Rückzug vom Kino angekündigt. Doch immer wieder hat er nach einigen Jahren dann doch wieder einen neuen Film vorgelegt.


Zehn Jahre sind nun seit "Wie der Wind sich hebt" (2013) vergangen. Erzählte der Großmeister des Animé darin die Lebensgeschichte eines Flugzeugkonstrukteurs, der während des Zweiten Weltkriegs in die Rüstungsindustrie hineingezogen wird, so steht im Zentrum von "The Boy and the Heron" der zwölfjährige Mahito.


Wieder spielt aber von Anfang an das Trauma des Zweiten Weltkriegs herein, wenn bei einem Luftangriff Mahitos in einem Krankenhaus arbeitende Mutter getötet wird. Wie hier Funken teils poetisch durch die Nacht fliegen, gleichzeitig aber auch Tod und Vernichtung bringen, zeigt schon die Meisterschaft Miyazakis.


Knapp gehalten ist dieser Einstieg, auf den sogleich, begleitet von Mahitos Voice-over, der Umzug von Vater und Sohn von Tokio aufs Land folgt. Wenn der Vater wie der Protagonist von "Wie der Wind sich hebt" hier als Flugzeugkonstrukteur arbeitet, kommt wieder die Begeisterung Miyazakis fürs Fliegen ins Spiel. Als Sohn eines Flugzeugunternehmers war ihm diese Leidenschaft, die auch einen Film wie "Porco Rosso" durchzieht, quasi in die Wiege gelegt. Aber auch der Kriegshintergrund verleiht "The Boy and the Heron" eine semi-autobiographische Note, wuchs doch auch der 1941 geborene Miyazaki in dieser Zeit auf.


So kann man in Mahito, der über den Tod der Mutter, von der er sich nicht verabschieden konnte, nicht hinwegkommt, auch ein älteres Alter Ego des Regisseurs sehen. Immer wieder holt diesen Jungen in Alpträumen die verheerende Brandnacht ein, während der Vater in der jüngeren Schwester der Verstorbenen eine neue Partnerin findet. Übermächtig ist Mahitos Trauer, auch in der Schule findet er keinen Anschluss, wird gemobbt und verletzt sich bald auch selbst.


Ganz realistisch und einfach ist dieser Auftakt gehalten, einzig ein Reiher, der immer wieder ums Haus kreist oder ans Fenster klopft und ein verwachsener unzugänglicher Turm im Wald, den der Großonkel von Mahitos Stiefmutter erbaut haben soll, sorgen für märchenhaft-poetische Momente.


Geführt vom Reiher steigt Mahito aber schließlich in diesen Turm, der an Märchen der Brüder Grimm erinnert, und taucht so wie "Alice im Wunderland" in ein fantastisches Paralleluniversum ab. Fern der Realität scheint diese Welt und ist doch gleichzeitig wieder mit ihr verbunden, wenn einerseits daraus die noch ungeborenen Kinder in Form von weißen Kugeln aufsteigen, andererseits Mahito hier auch auf seine Mutter trifft.


Wenn Miyazaki dabei mehrfach zwischen den Welten switcht, dann hebt er auch wieder die klaren Trennlinien von Gut und Böse auf. So verwandeln sich nämlich die nicht nur mächtigen, sondern auch sehr gefräßigen Sittiche der Parallelwelt beim Übertritt in die Realität in putzige Wellensittiche und ein Perspektivenwechsel macht auch deutlich, dass die scheinbar aggressiven Pelikane nur aus Hunger stets auf Beute aus sind.


Im Zentrum stehen zwar Mahito und der Graureiher, die als ungleiches und sich immer wieder streitendes Duo auch immer wieder für Komik sorgen, doch daneben schafft Miyazaki mit seiner Fabulierfreude freilich wieder zahlreiche weitere einprägsame Figuren. Der Bogen reicht dabei von alten Hausangestellten, die in der Parallelwelt als Puppen auftauchen, über einen Jungen, mit dem Mahito übers Meer fährt und einen Fisch ausnimmt, bis zu einem schrulligen Weltenbauer, der mit seinen zerzausten Haaren an Albert Einstein erinnert.


Wenn dieser alte Mann einen labilen Turm aus Klötzchen bastelt, verweist dies auch auf die Labilität der Welt und die Verantwortung des Einzelnen, der sich für die Erhaltung der Schöpfung einsetzen soll. Das Bedrohliche spart Miyazaki dabei nie aus und Geburt und Leben lässt er aufeinandertreffen, wenn der verstorbenen Mutter die Schwangerschaft der Stiefmutter gegenübersteht und dem Aufsteigen der neuen Menschen deren Bedrohung durch die Pelikane.


In genau getimter Balance wechseln ruhige und heitere Momente mit düsteren Szenen, wenn Mahito in einem Gebärsaal plötzlich durch einen Sturm von Papierschnipsel förmlich zugeklebt wird oder von den Sittichen durch den Turm verfolgt wird. Doch durch die mit spürbarer Liebe zum Detail gestalteten, zarten Bilder und die Intensität der genau gewählten Farben, mit denen auch die Elemente Feuer und Wasser aufeinandertreffen, bewahrt "The Boy and the Heron" auch in diesen beunruhigenden Szenen und trotz der bedrückenden Themen Verlust und Trauer immer Leichtigkeit.


In Kauf nehmen muss man dabei zwar, dass die Handlung teils sprunghaft verläuft und Wendungen sich nicht immer logisch erklären lassen, aber Bildkraft und Einfallsreichtum lassen darüber hinwegsehen. Denn im Kern beschwört Miyazaki hier nochmals auch die Kraft der Fantasie, die mit den Begegnungen und Erlebnissen in dieser Parallelwelt Mahito schließlich das Trauma überwinden und zuversichtlich in die Zukunft blicken lässt.


The Boy and the Heron – Der Junge und der Reiher Japan 2023 Regie: Hayao Miyazaki Animationsfilm Länge: 124 min.



Läuft derzeit in den Schweizer Kinos, z.B. im Kinok St. Gallen und im Skino Schaan. - Ab 4.1. 2024 in den österreichischen und deutschen Kinos.


Trailer zu "The Boy and the Heron - Der Junge und der Reiher"


Opmerkingen


bottom of page