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76. Berlinale: Das Kreuz mit den Eröffnungsfilmen

  • Autorenbild: Walter Gasperi
    Walter Gasperi
  • vor 57 Minuten
  • 2 Min. Lesezeit

76. Berlinale: Start mit Shahrbanoo Sadats uneinheitlichem "No Good Men"
76. Berlinale: Start mit Shahrbanoo Sadats uneinheitlichem "No Good Men"

Die Afghanin Shahrbanoo Sadat mischt in ihrem von eigenen Erfahrungen beeinflussten Eröffnungsfilm "No Good Men" nicht nur Kritik an der patriarchalen afghanischen Gesellschaft mit einer Liebeskomödie, sondern erinnert auch an den Rückzug der Amerikaner und die dramatische Machtübernahme der Taliban im August 2021.


Schwierig ist immer die Programmierung des Eröffnungsfilms eines Filmfestivals. Einerseits soll er so attraktiv sein, dass die Medien darüber auch ausführlich berichten, andererseits auch die bei der Eröffnung meist zahlreich erschienene Prominenz aus Politik und Gesellschaft begeistern. Statt schwerer Filmkunst suchen Festivals für diesen Termin so meist massenkompatible Werke, die oft entweder mit einem berühmten Regisseur – wie letztes Jahr mit Tom Tykwer und "Das Licht" – oder einem gesellschaftlich relevanten Thema Aufmerksamkeit generieren.


Heuer fiel bei der Berlinale die Wahl auf den dritten Spielfilm der in Hamburg lebenden Afghanin Shahrbanoo Sadat. Wie Sadats Langfilmdebüt "Wolf and Sheep" (2016) von ihren Kindheitserfahrungen im ländlichen Afghanistan inspiriert war, so flossen ihre Erfahrungen als Erwachsene in Kabul und die Flucht während der Machtübernahme der Taliban im August 2021 in "No Good Men" ein.


Mit bunten Blüten von Kakteen und einem beschwingten Song stimmt die 36-jährige Regisseurin im Vorspann auf ein Feelgood-Movie ein. Im Mittelpunkt des 2021 spielenden Films steht dabei die von Sadat selbst bespielte Naru, die als einzige Kamerafrau beim wichtigsten Fernsehsender von Kabul arbeitet.


Darf sie zunächst nur im Studio eine Frauensendung filmen, wird sie ernstgenommen, als erkannt wird, dass sich bei einer Straßenumfrage die Frauen sich nur ihr, aber nicht ihren männlichen Kollegen öffnen. So darf sie auch einen Reporter begleiten, als dessen Kameramann ausfällt, und langsam entwickelt sich eine Liebe zwischen der in Scheidung lebenden, alleinerziehenden Mutter und dem verheirateten Mann.


In episodischer Erzählweise deckt Sadat in vielen Szenen die Diskriminierung der Frau in Afghanistan auf, lässt einerseits Frauen der Kamerafrau in Interviews von häuslicher Gewalt erzählen und macht in Narus Angst, dass ihr Noch-Mann ihr ihren dreijährigen Sohn entziehen könnte, ebenso wie in einer Restaurantszene die Ungleichbehandlung sichtbar.


Der didaktische Gestus dieser Szenen ist zwar nicht zu übersehen, doch die leichthändige Erzählweise und Sadats starke Verkörperung der couragierten Naru verleihen ihnen - wenn auch sanft abgefederten - gesellschaftskritischen Biss. Wie diese Ebene mit stärkerer Betonung der romantischen Beziehung in den Hintergrund tritt, so ist andererseits eine Krise in dieser Liebesgeschichte aufgrund der Ehe des Reporters vorhersehbar.


Schwerer wiegt aber, dass die Erzählweise gegen Ende hin nicht nur sprunghaft wird, sondern sich mit Näherrücken des Abzugs der US-Truppen im August 2021 auch abrupt die Tonlage ändert. Nicht nur ein dramatisches Ereignis, sondern auch ein Umschwung in der Beziehung Narus zu ihrem Mann werden so nur noch kurz angerissen, aber nicht breiter ausformuliert und die Schlussszene verarbeitet zwar durchaus packend die realen Ereignisse im August 2021, führt aber zu einem massiven erzählerischen Bruch, der spürbar macht, dass der Regisseurin Belehrung wohl wichtiger war als überzeugendes Storytelling. 

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