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76. Berlinale: Körperhorror und Gesellschaftssatire

  • Autorenbild: Walter Gasperi
    Walter Gasperi
  • vor 1 Stunde
  • 3 Min. Lesezeit
"Nightborn - Yön Lapsi" von Hanna Bergholm und "Rosebush Pruning" von Karim Aïnouz im Wettbewerb der 76. Berlinale
"Nightborn - Yön Lapsi" von Hanna Bergholm und "Rosebush Pruning" von Karim Aïnouz im Wettbewerb der 76. Berlinale

Mit Hanna Bergholms "Nightborn – Yön Lapsi" fand auch ein ebenso blutiges wie schwarzhumoriges Horrordrama den Weg in den Wettbewerb der Berlinale, während Karim Aïnouz mit "Rosebush Pruning" Marco Bellocchios Klassiker "Mit der Faust in der Tasche" in die Gegenwart transponiert.


Was letztes Jahr Johanna Moders "Mother´s Baby" war, ist heuer Hanna Bergholms "Nightborn – Yön Lapsi". In beiden Filmen geht es um die Belastungen einer Mutter durch die Geburt eines Kindes, doch während Moder subtile Töne anschlug, setzt die 46-jährige Finnin in ihrem weitgehend in einem Waldhaus spielenden zweiten langen Spielfilm von Anfang an auf Körperhorror, der in der Überzeichnung freilich weniger Schrecken erzeugt als vielmehr zum Lachen reizt.


Schon die drastische Inszenierung der Geburt des Babys, bei der auch Blut spritzt, kann Zartbesaitete irritieren. Die Hebamme versichert aber, dass der Neugeborene zwar ungewöhnlich stark behaart, sonst aber kerngesund sei. Die Mutter aber kann keine Beziehung zu ihrem Kind aufbauen, das beim Stillen weniger Milch saugt, als vielmehr in die Brustwarze beißt, um Blut zu kosten. So spricht sie bald nur noch vom "Monster" und von "es", während Mann und Bekannte zunehmend in der Mutter das Monster sehen.


Doch langsam kippen die Beziehungen, denn während die Mutter beginnt, ihr Kind schließlich so zu akzeptieren, wie es ist und auch entsprechend zu füttern, will der lange so liebevolle und fürsorgliche Ehemann es dann doch in die gesellschaftlich-zivilisatorischen Muster hineinpressen.


Verpackt ins Horrorgenre erzählt Bergholm nicht nur von der Komplexität einer Mutter-Kind-Beziehung und der Belastung der Beziehung der Eltern durch das Neugeborene, sondern auch vom Spannungsfeld von Natur und Zivilisation. Eine mythische Ebene spielt dabei herein, wenn das Waldhaus von der wuchernden Natur bedroht zu werden scheint, bald durch einen morschen Zimmerboden ein Baum wächst und auch um das Haus die Bäume beginnen, ihr Territorium zurückzuerobern. – Das ist sicher kein großer Film, sorgt aber doch im Berlinale-Wettbewerb für unterhaltsame Abwechslung.  


Kontrast zum düsteren finnischen Haus stellt das lichtdurchflutete Setting in Karim Aïnouz´ "Rosebush Pruning" dar. Aïnouz hat dafür zusammen mit Yorgos Lanthimos´ bevorzugtem Autor Efthymis Filippou als Drehbuchautor nicht nur Marco Bellocchios Klassiker "Mit der Faust in der Tasche" (1965) vom Italien der 1960er Jahre in die Gegenwart verlegt, sondern die mittelständische italienische Familie auch durch eine sehr vermögende US-Familie ersetzt.


Vor sechs Jahren hat sich der blinde Vater, der als Immobilienmakler reich wurde, mit seiner Frau, seinen drei erwachsenen Söhnen und der erwachsenen Tochter eine Luxusvilla in Spanien gekauft. Die Ehefrau soll inzwischen einem Rudel Wölfen zum Opfer gefallen sein, während der Rest der Familie dem Nichtstun frönt, sich höchstens mit Musik und Mode beschäftigt oder sich gegenseitig sexuell befriedigt. In sommerlich hellen und in kräftige Farben getauchten Hochglanzbildern beschwört Aïnouz dieses oberflächliche Leben, dem jeder Sinn abhanden gekommen ist.


Bewegung kommt in das Familiengefüge, als Jack mit seiner Freundin, die nur hinter dem Geld der Familie her zu sein scheint, ausziehen will. Weil sich der Vater, aber auch die Geschwister dagegen stellen, beschließt Jack dafür zu sorgen, dass sich die anderen Familienmitglieder gegenseitig beseitigen.


Bildkraft und starker Soundtrack, der immer wieder mächtig anschwillt, sind dem Film nicht abzusprechen, doch im kalten Blick auf die unsympathischen Protagonist:innen entwickelt diese ziemlich platte Satire auf pervertierte Familienbeziehungen und ein auf Materialismus reduziertes Leben einerseits wenig Spannung und bleibt letztlich so hohl wie das vorgeführte Leben.

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