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Diagonale ´26: Zeitreisen

  • Autorenbild: Walter Gasperi
    Walter Gasperi
  • vor 4 Minuten
  • 3 Min. Lesezeit
Diagonale ´26: Ruth Beckermanns "Wax and Gold" und Jola Wieczoreks "Die noch unbekannten Tage"
Diagonale ´26: Ruth Beckermanns "Wax and Gold" und Jola Wieczoreks "Die noch unbekannten Tage"

Zwei Essayfilme bei der Diagonale: Ruth Beckermann spürt in "Wax and Gold" der Geschichte Äthiopiens und dem ambivalenten Bild Kaiser Haile Selassies nach, während Jola Wieczorek in "Die noch unbekannten Tage" die Emigration ihrer Familie von Polen nach Österreich Ende der 1980er Jahre aufarbeitet.


Michael Gülzow hat für die heurige Diagonale gleich mehrere Trailer gestaltet. Wie in seinem hinreißenden Mockumentary "Der tote Winkel der Wahrnehmung" spielt er dabei mit popkulturellen Elementen. Während bei einem der Trailer zwei Mitglieder von "Star Trek – Raumschiff Enterprise" beim Beamen bei der Diagonale landen, kopiert Gülzow bei einem anderen Trailer den Science-Fiction-Film "Die Zeitmaschine" (1960) und lässt den Protagonisten aus der Zukunft zurück oder aus der Vergangenheit vor zur Diagonale 2026 reisen.


Auch Ruth Beckermann taucht in ihrem Essayfilm "Wax and Gold" ausgehend von einem von Kaiser Haile Selassie erbauten Luxushotel in Addis Abeba, das sie zwischen 2022 und 2024 mehrfach besuchte, in die Vergangenheit ein. Zwar verlässt der Film räumlich erst ganz am Ende das Hotel, doch mit ihrem Voice-over und Archivmaterial zeichnet sie ein ambivalentes Bild nicht nur des 1974 nach 44-jähriger Herrschaft gestürzten Herrschers, sondern auch der Geschichte Äthiopiens und seiner Beziehungen zu Europa.


Persönliches und Politisches fließt dabei ineinander, wenn Beckermann sich an ihr jugendliches Bild von Haile Selassie als Lichtgestalt erinnert, das erst Risse bekam durch Ryszard Kapuścińskis 1984 auf Deutsch erschienenes Buch "König der Könige" , in dem dem Prunk an Selassies Hof die bittere Armut der Bevölkerung gegenübergestellt und Korruption angeprangert wird.


Den Begegnungen mit Hotelgästen und dem Blick auf Festlichkeiten im Hotel von einer Hochzeit über eine Konferenz von Oberhäuptern verschiedener Religionsgemeinschaften bis zu einer Modeschau, bei der auch auf chinesische Geschäftsleute als die großen Player im heutigen Afrika hingewiesen wird, stehen historische Reminiszenzen gegenüber, in denen ein breites Netz gespannt wird.


An die mythische Abstammung Haile Selassie vom biblischen König Salomon erinnert Beckermann ebenso wie an seine zahlreichen Reisen, auf denen er beispielsweise als erstes internationales Staatsoberhaupt nach dem Zweiten Weltkrieg die Bundesrepublik Deutschland besuchte oder vor der UNO eine Rede gegen Rassismus hielt, die Bob Marley zu einem Song anregte.

Aber auch die Eroberung Äthiopiens durch Italien, bei der die Faschisten die gleiche Brutalität wie die Nationalsozialisten an den Tag legten, und der Sturz Selassies, bei dem die Herrscher nicht nur die Paläste, sondern auch gleich die Dienerschaft übernahmen, wird angesprochen.


Zusammengehalten wird dieser Essayfilm, der auch einen Gegenpol zur begleitenden Beobachtung und der Fokussierung auf eine Schulklasse in Beckermanns letztem Film "Favoriten" bildet, allein durch das Hotel als Schauplatz und das Voice-over der Filmemacherin. Stringenz darf man hier nicht erwarten, sondern weitschweifig ist "Wax and Gold" in seinem Gedankenreichtum, aber auch anregend in der Hinterfragung des persönlichen und öffentlichen Geschichtsbilds.


Wenn Beckermann einmal "Dies ist kein Dokumentarfilm" auf ein Blatt Papier schreibt, verweist das auch auf den Anspruch des Films, der eben nicht Wahrheit abbilden oder aufdecken will, sondern vielmehr nach dieser suchen oder – wie es in Äthiopien heißt - das Gold der Fakten im Wachs der Fiktion aufspüren will.


Im Gegensatz zu Beckermann erzählt Jola Wieczorek in "Die noch unbekannten Tage", der beim heurigen Max Ophüls Preis den Preis für den besten Dokumentarfilm erhielt, eine ganz persönliche Geschichte. Ausgehend vom Gegensatz zwischen Sehverlust und einsetzender Demenz ihrer Mutter und eigener Schwangerschaft und somit den Polen eines langsamen Weichens aus dem Leben auf der einen und Neubeginn auf der anderen Seite begibt sich die Filmemacherin auf eine Spurensuche nach der Migration ihrer Familie von Polen nach Österreich.


Begleitet von ihren Eltern und ihrem Bruder wiederholt sie die Reise von Polen nach Österreich aus dem Jahre 1989, besucht die Orte dieser Migration und ergänzt die aktuellen Aufnahmen durch alte Super 8-Filme, die durch Filmformat und Körnung von den neuen Aufnahmen klar abgehoben sind, Gespräche mit den Eltern und ihr eigenes persönliches Voice-over.


Bewegend wird so an die bedrückenden Verhältnisse in Polen und die großen Hoffnungen, die die Emigration weckte, aber nicht erfüllte, erinnert. Denn statt ins Wunschland Kanada oder Australien zu gelangen, blieb man in Österreich stecken, wo man zunächst im Flüchtlingslager Traiskirchen lebte und schließlich in Bad Goisern, das ironischerweise auch der Geburtsort von Jörg Haider ist, eine neue Heimat fand.


In der detailreichen Nachzeichnung dieses schweren Neubeginns, der nicht nur von einer prekären wirtschaftlichen Situation, sondern für die damals sechsjährige Filmemacherin auch von einem Gefühl der Fremdheit und der Zerrissenheit zwischen alter und neuer Heimat gekennzeichnet war, verdichtet sich das persönliche Schicksal zum eindrücklichen und universellen Bild der vielfältigen Folgen einer Migration.

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