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  • Walter Gasperi

Der Fuchs


Adrian Goiginger erzählt in seinem dritten Spielfilm von seinem Urgroßvater, der im Zweiten Weltkrieg als Motorradkurier einen Fuchswelpen fand und ein Jahr lang pflegte: Ein feinfühlig inszenierter und stark gespielter historischer Film.


Nachdem Adrian Goiginger in seinem starken, autobiographisch geprägten Debüt "Die beste aller Welten" (2017) von seiner schwierigen Kindheit mit seiner drogensüchtigen Mutter erzählte, widmet er sich in seinem dritten Spielfilm einem weiteren Stück Familiengeschichte. Schon seit Jugendtagen an hat ihn die Geschichte seines 2016 im Altern von 100 Jahren verstorbenen Urgroßvaters Franz Streitberger fasziniert und klar war für Goiginger, dass er daraus einmal einen Film machen würde.


Vier Jahre nahmen die Recherchen in Anspruch, mit denen 2017 begonnen wurde, im Juni 2021 wurde schließlich gedreht. Mit dem Auftakt in der Pinzgauer Bergwelt knüpft Goiginger gewissermaßen an seine Felix Mitterer-Verfilmung "Märzengrund" (2022) an, in deren Zentrum ein junger Tiroler Bauernsohn steht, der sich in den späten 1960er Jahren vom elterlichen Hof auf eine Alp zurückzieht.


Mit diesem Interesse an einer abgeschiedenen bäuerlichen Bergwelt stehen Goigingers Filme im Kontext einer gewissen Tendenz im europäischen Film, spielen doch auch Michael Kochs großes Liebesdrama "Drei Winter" und Felix Van Groeningens und Charlotte Vandermeerschs Freundschaftsgeschichte "Le otto montagne – Acht Berge" in einem solchen Ambiente.


Wie van Groeningen / Vandermeersch hat auch Goiginger im engen 4:3 Format gedreht. Die kleinen Fotos des Urgroßvaters aus der Kriegszeit haben ihn nach eigener Aussage zur Wahl dieses Formats bewogen, gleichzeitig wird dadurch aber auch einerseits der mögliche Kitsch von prächtigen Cinemascopebildern unterbunden und andererseits der Blick stärker auf den Protagonisten gelenkt.


In fünf Kapiteln und einem Epilog spannt der 31-jährige Salzburger der Bogen von 1927 bis 1946. Statt im Schnelldurchlauf mit kurzen Szenen die zwei Jahrzehnte nachzuzeichnen, arbeitet Goiginger mit großen Ellipsen und fokussiert ganz auf zentralen Momenten im Leben Franz Streitbergers (Simon Morzé).


Indem diese entscheidenden Ereignisse breit auserzählt werden können, entwickeln sie große emotionale Kraft. Gesteigert wird diese durch den Wechsel zwischen ruhigen Einstellungen und dem Einsatz einer dynamischen und nah geführten Handkamera, die direkt ins Geschehen versetzt. So wird im ersten Kapitel ("Pinzgau 1927) in der Tradition des kitschfreien kritischen Heimatfilms dicht und bedrückend das harte Pinzgauer Bergbauernleben in den 1920er Jahren und die Armut vermittelt, die den Vater (Karl Markovics) schließlich veranlasst, Franz als das jüngste seiner zehn Kinder an einen reicheren Bauern als Knecht abzugeben.


Nach diesem Auftakt überspringt "Der Fuchs" mit einem Schnitt zehn Jahre und blickt auf den soeben aus der Knechtschaft entlassenen jungen Mannes, der aus wirtschaftlicher Not ins Bundesheer eintritt. Übersprungen wird auch der Anschluss Österreichs ans Deutsche Reich und der Polenfeldzug, an dem Franz offensichtlich teilnahm.


Erst drei Jahre später setzt im Mai 1940, kurz vor Beginn des Frankreichfeldzugs, an der deutschen Westgrenze die Haupthandlung ein, als Franz im Wald vor der Kaserne einen Fuchswelpen findet, dessen Mutter in einer Falle verendet ist. Seine innige Beziehung zu dem schutzlosen Tier, das er heimlich pflegt und das er als Motorradkurier auch auf dem Frankreichfeldzug mitnimmt, steht dabei im Kontrast zum grausamen Krieg.


Mit seiner Pflege und Liebe will er aber auch einen Kontrapunkt zur Weggabe durch den Vater setzen. Nie ist Franz darüber hinweggekommen und eindrücklich vermittelt Simon Morzé mit seinem Spiel, wie diese Erfahrung bei dem wortkargen Mann, der innerhalb der Soldaten ein Außenseiter bleibt, eine lebenslange Wunde hinterlassen hat. Der Fuchs geht Franz über alles, für die ausgelassenen Feiern seiner Kollegen interessiert er sich nicht. Nicht einmal eine zarte Beziehung zu einer jungen französischen Bäuerin hat gegen diese Tierfreundschaft eine Chance.


Auf direkte Kriegsszenen verzichtet Goiginger, doch der Schrecken ist in Leichen am Straßenrand oder im fernen Geschützfeuer spürbar. Gegenpol dazu ist der fürsorgliche und feinfühlige Franz, der sich nicht nur um den Fuchs kümmert, sondern schon als Kind und später auch nochmals als Soldat einen achtsamen Umgang mit einem Käfer an den Tag legt.


Indem Goiginger, inspiriert von László Nemes´ Holocaust-Film "Son of Saul", konsequent aus der Perspektive von Franz erzählt, bleibt "Der Fuchs" ein bewusst unpolitischer Film. Das NS-Regime und die Verbrechen des Krieges sind ihm kein Thema, der Fokus liegt ganz auf der persönlichen Geschichte des Protagonisten. Mit sorgfältiger Ausstattung, der Verwendung von Dialekt, der teilweise deutsch untertitelt ist, und vorwiegend dunklen Farben beschwört Goiginger intensiv die Stimmung der Zeit und bietet klassisches Erzählkino.


Unübersehbar ist auch, dass der junge Regisseur sich in der Bildsprache von den Filmen des Altmeisters Terrence Malicks beeinflussen ließ. Wie Kopien von Einstellungen aus "A Hidden Life - Ein verborgenes Leben", "To The Wonder" oder auch "Tree of Life" wirken hier Momente auf einer lichtdurchfluteten Wiese oder am weiten Sandstrand der Normandie. Doch diese Orientierung an einem großen Vorbild stört hier nicht, denn diese Bilder sind organischer und stimmiger Teil dieser sehr rund, gefühlvoll und mit großer Bildkraft erzählten Geschichte, die berührend mit einem Foto und einer Tonaufnahme des realen Franz Streitberger endet.



Der Fuchs Österreich 2022 Regie: Adrian Goiginger mit: Simon Morzé, Karl Markovics, Karola Niederhuber, Marko Kerezovic, Joseph Stoisits Länge: 117 min.

Läuft derzeit in den österreichischen Kinos, z.B. im Cinema Dornbirn und im Kino GUK in Feldkirch (ab März in den deutschen Kinos)


Trailer zu "Der Fuchs"





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