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  • Walter Gasperi

Le otto montagne - Acht Berge


Anhand einer sich über 30 Jahre spannenden Männerfreundschaft erzählen Felix van Groeningen und Charlotte Vandermeersch von unterschiedlichen Lebensentwürfen und der Suche nach Selbstfindung: Ein Film aus einem Guss, der dank genau kontrolliertem, unaufgeregtem Erzähltempo, großartigen Landschaftsaufnahmen und natürlichen Schauspieler:innen mühelos den emotionalen Spannungsbogen über 147 Minuten aufrecht hält.


Als Vorlage für seinen achten Spielfilm diente dem Belgier Felix van Groeningen, der hier erstmals zusammen mit seiner Lebensgefährtin Charlotte Vandermeersch Regie führte, Paolo Cognettis mehrfach preisgekrönter, autobiographisch inspirierter Roman "Acht Berge" (2016). Mit dem Voice-over Pietros (Luca Marinelli) zu prächtigen Bildern der Berglandschaft um das fiktive, im Aostatal gelegene Bergdorf Grana, wird schon die Erzählperspektive festgelegt. Gleichzeitig ergibt sich mit seinen im Präteritum gehaltenen Erklärungen ein retrospektiver Blick auf seine Freundschaft zu Bruno (Alessandro Borghi).


Von 1984 bis in die 2010er Jahre spannen van Groeningen, dem schon vor zehn Jahren mit "The Broken Circle" ein hochemotionales Drama gelang, und Vandermeersch in 147 Minuten den Bogen und lassen den Film mit der Begegnung der beiden 12-jährigen Jungen einsetzen. Gegensätze prallen dabei aufeinander, wenn Pietro mit seinen Eltern aus Turin zum einmonatigen Sommerurlaub ins Aostatal kommt, Bruno dagegen hier seit Geburt lebt.


So wie das Problem der Abwanderung aus der abgeschiedenen Region nur kurz angesprochen wird, wenn Bruno erwähnt, dass einst 184 Menschen im Dorf lebten, nun aber nur noch 14, so bleiben trotz des sich über 30 Jahre spannenden Handlungsbogen gesellschaftliche und weltgeschichtliche Entwicklungen weitgehend ausgespart. Der Fokus liegt ganz auf der Freundschaft von Pietro und Bruno.


Während der Städter Pietro in dieser Bergregion mit seinem Vater wandern geht, ist dies für Bruno ein Arbeitsraum, denn er muss melken oder auf der Alm helfen. Und während Pietro im Teenageralter in Turin mit seinem Vater bricht, wird Bruno für Pietros Vater quasi zum Ersatzsohn. Letzteres sieht man freilich nicht, denn der Film folgt konsequent Pietro. Erst nach dem Tod von Pietros Vater erfährt man davon durch Brunos Erzählung.


Für 15 Jahre verlieren sich die beiden Buben nach dem ersten gemeinsamen Sommer aus den Augen, erst nach dem Tod von Pietros Vater begegnen sie sich im Bergdorf wieder. Wortkarg sind sie nicht nur hier, wenn sie den Bart des jeweils anderen loben, sondern auch sonst, sind die Pausen bei den Gesprächen entscheidend.


Wie die wunderbar natürlich agierenden Schauspieler:innen Luca Marinelli (Pietro) und Alessandro Borghi (Bruno) strahlen auch die Dialoge dadurch Echtheit aus und wirken dem Leben abgeschaut. Dazu trägt freilich auch der Dreh an Originalschauplätzen und der genaue Blick auf die bäuerliche Welt bei.


Viel Zeit lässt sich das Regieduo so für die Schilderung des Baus eines Steinhauses und immer wieder rückt die Kamera von Ruben Impens die großartige unberührte Gebirgswelt von Almwiesen über Bergsee bis zu vergletscherten Gipfeln eindrücklich ins Bild. Gleichzeitig verhindert dabei aber das enge 4:3-Format, dass sich das Gefühl von Postkartenbildern einstellt, denn nie wirken diese Landschaftsaufnahmen selbstzweckhaft, sondern sind immer mit der Handlung verbunden.


Während man Pietro kurz bei Partys oder später bei einem Job in einer Restaurantküche sieht und aus dem Dialog erfährt, dass er sein Studium abgebrochen hat und Dokumentarfilmer und Schriftsteller werden möchte, erfährt man von Bruno nur retrospektiv, dass auch er mit seinem Vater gebrochen hat und gegen dessen Willen ins heimatliche Bergdorf zurückgekehrt ist. – Gemeinsam ist beiden, dass sie sich von den Lebensentwürfen ihrer Väter distanzieren, keinen großen Wert auf Job und Geld legen, sondern ihr individuelles Glück und Erfüllung finden wollen.


Während Bruno nie seine vertraute Umwelt verlässt und im Bergdorf und auf der Alm seinen Lebenssinn als Bauer findet, sucht Pietro sein Glück im fernen Nepal, kehrt aber immer wieder zu Bruno ins Aostatal zurück. Der langen Sinnsuche Pietros steht wiederum die Gefährdung von Brunos Glück durch ökonomische Zwänge und seine eigene Sturheit gegenüber. – Nichts ist hier je gewonnen, immer scheint das Glück zerbrechlich.


Auf den Punkt gebracht werden diese gegensätzlichen Lebensentwürfe mit einem nepalesischen Mandala, bei dem die Frage aufgeworfen wird, ob man acht Berge am Rand eines Kreises - oder eben der Welt - besteigen müsse oder nur den einen im Zentrum, um den Lebenssinn zu finden. Alles andere als neu ist freilich diese Frage, doch van Groeningen und Vandermeersch gelingt es dennoch bewegend und frisch davon zu erzählen. Auf Wertungen verzichten sie dabei und stellen beide Lebensentwürfe gleichwertig einander gegenüber.


Großartig verdichtet das Regie-Duo einerseits mit unauffälligen Ellipsen und einem immer wieder geschickt eingesetzten Voice-over die 30 Jahre auf meisterhaft ruhig und unaufgeregt dahinfließende zweieinhalb Stunden. Andererseits verstärken sie die Emotionalität der Geschichte immer wieder mit Songs des schwedischen Singer-Songwriters Daniel Norgren. Mögen da die englischen Texte zunächst unpassend für das italienische Ambiente wirken, so entwickeln sie doch einen Sog und eine Kraft, die ein Gänsehautgefühl erzeugen können.


Und schließlich gibt es diese kernigen und völlig natürlichen Schauspieler, die in dieser Berglandschaft förmlich verwurzelt scheinen. Wie in "Drii Winter", mit dem "Acht Berge" das bergbäuerliche Ambiente ebenso verbindet wie mit Adrian Goigingers "Märzengrund", wirkt hier nichts gestellt, sondern alles echt und natürlich. Nicht zuletzt aus dieser "Authentizität" heraus entwickelt diese zurückhaltend inszenierte Geschichte einer Freundschaft ihre bewegende emotionale Kraft.



Acht Berge - Le otto montagne Italien / Frankreich / Belgien 2022 Regie: Felix van Groeningen, Charlotte Vandermeersch mit: Luca Marinelli, Alessandro Borghi, Elena Lietti, Filippo Timi, Gualtiero Burzi, Elisa Zanotto, Surakshya Panta Länge: 147 min.

Läuft derzeit in den österreichischen Kinos (5.1.: Filmforum Bregenz im Metrokino Bregenz) und demnächst in den Schweizer (ab 5.1.) und Deutschen Kinos (ab 12.1.), z.B. im Kinok St. Gallen und im Skino Schaan.


Trailer zu "Le otto montagne - Acht Berge"


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