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  • AutorenbildWalter Gasperi

76. Locarno Film Festival: Vom All-Inclusive-Hotel zum Theatersaal

Aktualisiert: 12. Aug. 2023


Der Wettbewerb um den Goldenen Leoparden startete mit Sofia Exarchous "Animal" und Quentin Dupieuxs "Yannick" stark. Während die Griechin in ihrem zweiten Spielfilm quasidokumentarisch den Alltag von Animateur:innen in einem All-Inclusive-Hotel schildert, reflektiert der französische Meister des absurden Humors über das Verhältnis von Theateraufführung und Publikum.


Wenn beim Titelinsert aus dem "Animal" das "l" verschwindet und "Anima" zurückbleibt, dann macht das schon eindrücklich deutlich, dass die Animateur:innen in dem griechischen All-Inclusive-Hotel eben keine Tiere sind, die man beglotzt, sondern Menschen mit einer Seele. Auf den Alltag dieser Menschen richtet Sofia Exarchou in ihrem zweiten Spielfilm den Blick, die Tourist:innen bleiben dagegen am Rande.


Statt eines touristischen Griechenlands mit blauem Himmel, glitzerndem Meer und Luxushotels bietet die 44-jährige Griechin so auch eher ein tristes Ambiente. Wolkenverhangen ist oft der Himmel und untergebracht sind die Animateur:innen in schäbigen Baracken. Statt durch die blitzblanken Hotelanlagen führt ihr Weg auch mehrfach durch schmutzige Vorratsräume und Kellergänge.


Im Mittelpunkt steht die Enddreißigerin Kalia, die schon neun Jahre im Geschäft ist. Mit nah geführter Kamera und dokumentarischem Blick fängt Exarchou die körperliche Schwerarbeit und den Einsatz ein, den die Auftritte abverlangen. Bauen kann sie dabei auch auf ihre Hauptdarstellerin Dimitra Vlagopoulou, die Kalia mit vollem Körpereinsatz spielt.


Nicht nur mit Evergreens wie "I Can Boogie" muss sie die Tourist:innen am Abend unterhalten, sondern auch zu einem Bingo-Nachmittag oder zum Wasserballett im Pool singen. Theaterspiel gehört ebenso zu ihren Aufgaben wie eine Tanzshow oder richtig ab geht es bei den Erwachsenen-Club-Abenden, bei denen auch reichlich Alkohol fließt.


Ausladend schildert Exarchou die vielfältigen Aufgaben Kalias, zeigt sie auch in der Freizeit mit ihren Kolleg:innen oder beim Einpacken von Kulissen während eines heftigen Regengusses. Man wartet darauf, dass sich ähnlich wie bei den Filmen von Tizza Covi und Rainer Frimmel, mit denen "Animal" der dokumentarische Blick und das randständige Milieu verbindet, eine Geschichte in den Film schleicht.


Dies scheint sich auch mit der Ankunft der jungen polnischen Animateurin Eva oder einer schmerzhaften Schienbeinverletzung Kalias anzudeuten, doch verflüchtigen sich diese Spuren weitgehend, auch wenn man ahnen kann, dass Eva bald Kalia als führende Animateurin ablösen wird.


Dass sich Exarchou weigert eine klassische Kinogeschichte zu entwickeln, kann man einerseits als Qualität von "Animal" ansehen. Andererseits lässt die Beschränkung auf die Zustandsschilderung, aus der sich freilich sukzessive doch das Porträt einer zunehmend zerrissenen und von ihrem Leben frustrierten Frau herauskristallisiert, trotz der atmosphärisch sehr dichten und stimmigen Schilderung dieser Arbeitswelt von Animateur:innen auch etwas unbefriedigt zurück. – Für einen Preis als beste Darstellerin empfiehlt sich aber Dimitra Vlagopoulou aber jedenfalls schon letzt.


Während Sofia Exarchou zu den Newcomerinnen im Wettbewerb zählt, gehört Quentin Dupieux, dessen nächster Filme "Daaaaaali!" schon in wenigen Wochen im Wettbewerb des Filmfestivals von Venedig seine Premiere feiern wird, zu den bekannten Namen. Mit dem furiosen Autoreifen-Killerfilm "Rubber" sorgte er 2010 in Locarno in der Piazza-Spätvorstellung für Aufsehen, mit Filmen wie "Le Daim – Deerskin (Monsieur Killerstyle)" (2019), "Mandibules" (2020) und "Incroyable mais vrai" (2022) erwarb er sich den Ruf als aktueller Großmeister des absurden Humors.


Mit "Yannick" fügt er nun diesem kohärenten Werk ein weiteres kleines Juwel hinzu. Wie gewohnt nur eine gute Stunde lang ist dieser Film, beschränkt sich gänzlich auf einen Abend und ein Theater als Schauplatz. Geboten wird im Theater ein schlechtes Boulevardstück, in dem sich der Protagonist in sich vielfach wiederholendem Monolog darüber beklagt, dass seine Frau einen Liebhaber hat.


Einem Zuschauer wird das zu viel. Kurzerhand steht er auf und unterbricht die Vorführung. Er erklärt, dass er Yannick heiße, Parkwächter sei, sich einen Tag freigenommen habe für diesen Theaterabend und 45 Minuten mit dem Zug gefahren und 15 Minuten zu Fuß gegangen sei, nun aber ein völlig inakzeptables Stück geboten bekomme.


Reagiert er zunächst mit Unverständnis darauf, dass weder Regisseur noch Autor des Stücks anwesend sind und für ein Gespräch zur Verfügung stehen, wird er bald des Saales verwiesen, kehrt dann aber mit einer Pistole zurück. So nimmt er Schauspieler:innen und Publikum als Geiseln, will ein eigenes Stück schreiben und zur Aufführung bringen, doch die Machtverhältnisse können sich auch verschieben.


Ein Vergnügen ist es zuzusehen, wie Dupieux sich über das Boulevardtheater lustig macht, selbst aber gleichzeitig mit dessen Mustern spielt, wie er die Schraube dieser Reflexion über das Verhältnis von Theateraufführung und Publikum immer weiter dreht und mit zahlreichen Wendungen und wechselnden Kontroll- und Machtverhältnissen herrlich absurden Witz erzeugt.


Wenn der Protagonist Schauspieler:innen und Publikum zu Geiseln macht, verweist das freilich auch auf die Situation des Kinopublikums, das quasi dem Geschehen auf der Leinwand ausgeliefert ist und sich ihm höchstens durch Flucht entziehen kann. – Bei "Yannick" besteht diese Gefahr freilich nicht, denn die treffsicheren Dialogen, die starken Schauspieler:innen und die kompakte Inszenierung sorgen dafür, dass kein Leerlauf aufkommt und 65 Minuten beste Unterhaltung geboten wird.


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