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  • AutorenbildWalter Gasperi

76. Locarno Film Festival: US-Indie und iranischer Untergrundfilm

Aktualisiert: 12. Aug. 2023


Auf US-Indie-Filme ist fast immer Verlass: Auch Bob Byingtons "Lousy Carter" bietet mit schrulligen Figuren und trockenen Dialogen 80 unterhaltsame Kinominuten. Bei "Critical Zone – Mantegheye bohrani" des Iraners Ali Ahmadzadeh muss man dagegen den Mut der Produktion bewundern, wirklich überzeugen kann der Film aber nicht. – So ist das Leopardenrennen auch kurz vor Schluss des Wettbewerbs immer noch offen.


Nur noch sechs Monate Lebenszeit gibt der Arzt in Bob Byingtons "Lousy Carter" dem von David Krumholtz großartig gespielten College-Professor. Wie ein Countdown verstärken mehrere Inserts zur verbleibenden Zeit das Gefühl des nahen Endes, doch Lousy scheint das Leben weitgehend so wie bisher fortzusetzen, bis er, angeregt durch eine junge Studentin, seinen früheren Plan wieder aufnimmt, Vladimir Nabokovs frühen englischsprachigen Roman "Laughter in the Dark" als Animationsfilm zu adaptieren.


Keine Empathie bringt ihm gegenüber nicht nur der Arzt bei der Mitteilung der tödlichen Krankheit auf, auch dessen Sekretärin interessiert sich allein für die Begleichung der Rechnung von rund 6000 Dollar. Wenig ergiebig sind aber auch die Sitzungen beim Psychiater und auch der Arzt im Pflegeheim, in dem Lousys Mutter untergebracht ist, glänzt nicht gerade mit Einfühlungsvermögen.


Aber gerade aus dem Stoizismus und der Gleichgültigkeit dieser leicht schrulligen Figuren sowie weiterer Bekannter des Todkranken wie seiner Ex-Frau, seinem besten Freund und dessen Frau, mit der er ein Verhältnis hat, oder der Studentin entwickelt diese US-Independent-Produktion ihren Witz.


Keine stringente Geschichte erzählt Byington, vielmehr reiht er Szenen aneinander, die allein durch die Person Lousy Carters zusammengehalten werden. Die pointierten, herrlich trockenen und auch makabren Dialoge sorgen dabei immer wieder für Lacher, gleichzeitig bewahrt der Film dadurch trotz des im Grunde ernsten Themas Leichtigkeit.


Da wird zwar mit dem nahenden Tod auch an die Zuschauer:innen die Frage nach Lebenssinn und Wertigkeit der Dinge gerichtet und doch verbreitet dieser Film, der sich auch selbst nicht so wichtig nimmt und sich nie aufplustert, durch seine unsentimentale Erzählweise das Gefühl, dass man im Leben nicht alles so ernst und nicht so schwer nehmen sollte, sondern die Zeit, die einem gegönnt ist, genießen sollte, da sich am Unvermeidlichen sowieso nichts ändern lässt. – Das macht "Lousy Carter" zwar nicht zu einem großen, aber zu einem sehr sympathischen und trotz seiner äußeren Trockenheit und seines Zynismus warmherzigen und menschlichen Film.


Ohne staatliche Erlaubnis drehte dagegen der Iraner Ali Ahmadzadeh "Critical Zone – Mantagheye bohrani" und das Regime versuchte auch mit Druck zu erreichen, dass der Film aus dem Wettbewerb von Locarno zurückgezogen wird. Sieht man den Film, ist das einerseits nachvollziehbar, denn Ahmadzadeh folgt einem Drogendealer durch eine Teheraner Nacht, andererseits ist die Handlung aber auch so eng geführt, dass sich "Critical Zone" kaum zu einem komplexen gesellschaftskritischen Bild des Irans fügt.


Im Zentrum steht der bärtige Amir. Vom GPS seines Wagens geleitet, fährt dieser Drogendealer durch die Nacht. Nachdem er den Stoff zuhause aufbereitet hat, verfüttert er im Pflegeheim Hasch-Muffins an die Insassen, bringt eine Frau, die ausreisen will, zum Flughafen und verkauft einer Flugbegleiterin eine größere Menge Haschisch, während er an Prostituierte und Homosexuelle kleine Säckchen gratis verteilt, oder "behandelt" mit Drogen den drogensüchtigen 20-jährigen Sohn einer Frau, die mehr ihm als einem Krankenhaus vertraut.


In langen Einstellungen filmt Ahmadzadeh Amir bei seinen Fahrten durch die Metropole immer wieder durch die Windschutzscheibe seines Wagens. Solche Autofahrtszenen sind ein bekanntes und zentrales Element vieler iranischer Filme von Abbas Kiarostami bis Jafar Panahi.


Obwohl dabei aber die Kamera ganz auf Amir fokussiert ist, erfährt man dennoch fast nichts über diesen Mann, sondern er dient im Grunde nur als Träger für die Fahrt durchs nächtliche Teheran. Kaum Profil gewinnen aber auch die Leute, denen er begegnet, und manche Szenen wie die im Pflegeheim oder die "Behandlung" des drogensüchtigen Sohnes wirken ebenso unrealistisch wie die teils atemberaubend schnelle und hochriskante Fahrt durch die Stadt.


Phasenweise entwickelt "Critical Zone – Mantagheye bohrani" durch Amirs ständige Bewegung durchaus Drive, aber als echter Actionfilm funktioniert er letztlich so wenig wie als überzeugendes Panorama der Schattenseiten der iranischen Hauptstadt.


So fehlt kurz vor Schluss des Wettbewerbs immer noch ein klarer Favorit für den Goldenen Leoparden. Der Sieg eines der renommierten Namen wie Radu Jude mit "Do Not Expect Too Much of the End of the World" oder Lav Diaz mit "Essential Truths of the Lake" scheint so ebenso möglich wie ein Goldener Leopard für Maryna Vrodas "Stepne", den man dann auch als Bekenntnis zur Ukraine lesen könnte, oder Sofia Exarchous "Animal". – Gut möglich ist aber auch, dass die von Lambert Wilson geleitete Jury am Samstag eine ganz andere und überraschende Entscheidung fällt.


Weitere Berichte zum 76. Locarno Film Festival: - Vorschau - Eröffnung: L´étoile filante - The Falling Star"


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