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  • AutorenbildWalter Gasperi

76. Locarno Film Festival: Philippinische Gegenwart und niederländische Kolonialherrschaft

Aktualisiert: 12. Aug. 2023


Der Philippino Lav Diaz lässt in "Essential Truths of the Lake" einen Polizisten in einem seit 15 Jahren ungelösten Fall ermitteln, Ena Sendijarević taucht in "Sweet Dreams" dagegen in die koloniale Welt Niederländisch-Ostindiens, also Indonesiens, ein.


Verglichen mit früheren Filmen von Lav Diaz ist "Essential Truths of the Lake" mit seinen 215 Minuten fast schon ein Kurzfilm. Wie schon bei seinem letzten Film "When the Waves Are Gone" steht dabei der von John Lloyd Cruz gespielte Polizist Hermes Papauran im Zentrum, doch Diaz spinnt die Geschichte nicht weiter, sondern erzählt vielmehr die Vorgeschichte des letzten Films.


Kritik an Präsident Rodrigo Duterte (2016 - 2022) und seinem brutalen Krieg gegen Drogensüchtige, Drogenhändler und Kriminelle wird dabei nicht nur geübt, wenn am Beginn ein Toter gefunden wird, der zu Unrecht per Schild als Dealer diffamiert wird, sondern auch wenn der Austritt der Philippinen aus dem Internationalen Strafgerichtshof im März 2019 angesprochen wird. Eine klare Haltung gegen Duterte nimmt der Protagonist auch ein, wenn er erklärt, dass die Polizei nicht dem Präsidenten, sondern dem Volk und dessen Wohl dienen sollte.


Da Herms unter diesen Bedingungen keine Fortschritte im aktuellen Fall erzielen kann, verlegt er sich darauf den Fall der vor 15 Jahren verschwundenen Esmeralda Stuart wieder aufzugreifen. Die Ermittlungen im Fall dieser Umweltaktivistin und Künstlerin führen ihn zu einem Gangsterboss, doch abrupt bricht die Handlung ab, und setzt nach TV-Nachrichten über den Ausbruch des Vulkans Taal 2020 in dem von Asche und Sand bedeckten Gebiet mit weiteren Ermittlungen von Hermes neu ein.


Das klassische, aus Filmen wie David Finchers "Zodiac" oder Dominik Molls "In der Nacht des 12." bekannte Motiv des Ermittlers, der sich in einen Fall verbeisst und nicht mehr davon ablassen kann, verbindet Diaz so mit gesellschaftskritischem Impetus. Unverkennbar bleibt dabei freilich die Erzählweise des Philippinos, der in endlos langen, zumeist statischen Totalen und Halbtotalen, die nicht den Figuren, sondern auch ihrer Trauer und ihrem Schmerz viel Raum lassen, die Handlung in meditativem Rhythmus entwickelt.


Großen Sog können diese meisterhaften komponierten Schwarzweißbilder hier allerdings nur in gewissen Phasen entwickeln, denn abrupt abrechende Handlungsstränge reißen die Zuschauer:innen immer wieder aus dieser Welt heraus.


Während Diaz auf die gegenwärtigen Philippinen blickt, setzt sich Ena Sendijarević in "Sweet Dreams" mit der niederländischen Kolonialherrschaft im heutigen Indonesien auseinander. Nicht nur inhaltlich ist das eine doch überraschende Wahl der in Amsterdam lebenden Bosnierin, sondern auch formal beschreitet Sendijarevic ganz andere Wege als in ihrem an die frühen Filme Jim Jarmuschs erinnernden Debüt "Take Me Somewhre Nice", in dem sie eine bosnische Jugendliche auf eine Reise durch ihr Heimatland schickte.


Wie bei einer Versuchsanordnung lässt sie in ihrem 1900 angesiedelten Film niederländische Kolonialherren und indigene Bevölkerung aufeinandertreffen. Die Grenzen verwischen sich dabei freilich, wenn der weiße Plantagenbesitzer nicht nur ein Verhältnis mit seiner indigenen Hausangestellten Siti, sondern mit dieser auch einen Sohn namens Karel hat. Als dieser Patriarch, der nicht nur gegenüber den Indigenen, sondern auch gegenüber seiner niederländischen Gattin ausgesprochen herrisch auftritt, stirbt, reist sein zweiter Sohn mit seiner hochschwangeren Gattin an, um das Erbe anzutreten. Vom Notar muss er aber erfahren, dass der Vater seinen ganzen Besitz Karel vermacht hat.


Dieser ist aber in der westlichen Kolonialgesellschaft schon so sozialisiert, dass er im indigenen Reza, der einen Aufstand gegen die Kolonialherren plant, einen Feind sieht. Seine Mutter Siti wiederum scheint zerrissen zwischen der Kolonialherrschaft und ihren Wurzeln und auch die Frau des verstorbenen Plantagenbesitzers hat sich schon so sehr an diese neue Heimat gewöhnt, dass sie sich eine Rückkehr in die Niederlande nicht mehr vorstellen kann.


An Bildkraft fehlt es "Sweet Dreams" mit langen statischen Einstellungen von immer wieder in dunkles Rot getauchten Räumen oder Dschungelbildern, die dem Ganzen auch einen märchenhaft-surrealen Touch verleihen, nicht. Differenziert wird auch das komplexe Beziehungsgefüge ausgelotet, doch durch seine stilisierte Erzählweise hält der durch Inserts in Kapitel gegliederte Film die Zuschauer:innen auch durchgängig auf Distanz und lässt dadurch ziemlich kalt.



Weitere Berichte zum 76. Locarno Film Festival: - Vorschau - Eröffnung: L´étoile filante - The Falling Star"


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