• Walter Gasperi

Le Daim - Deerskin (Monsieur Killerstyle)

Aktualisiert: Juni 19


Ein Mann kauft eine Wildlederjacke, doch statt sie wirklich zu besitzen, scheint bald das wertvolle Stück Macht über den Besitzer zu gewinnen. – Klingt völlig durchgeknallt und ist es auch, aber gerade das macht diese knochentrockene schwarzhumorige Komödie von Quentin Dupieux so unterhaltsam und außergewöhnlich.


Nachdem der Franzose Quentin Dupieux, der um die Jahrtausendwende unter dem Pseudonym Mr. Oizo als Musiker Erfolge feierte, vor neun Jahren in „Rubber“ einen Autoreifen in der kalifornischen Wüste eine Mordserie begehen ließ, rückt er nun in seinem neuesten Film eine Wildlederjacke ins Zentrum.


Wenn Georges (Jean Dujardin) seine alte Allerweltsjacke ablegt und in der Toilette einer Autobahnraststätte hinunterspült, scheint er mit der Hülle auch sein altes Leben abzulegen. Über eine private Anzeige ist er auf eine echte Wildlederjacke gestoßen, die der Mittvierziger unbedingt haben muss.


In einem abgelegenen Haus in den Bergen findet er den Verkäufer. Sofort begeistert ist Georges von dem hellbraunen Prunkstück mit seinen Fransen. 7500 Euro blättert er dafür hin, bekommt dafür auch noch eine kleine Digitalkamera geschenkt.


Seine Frau sperrt wegen dieser Ausgabe sein Konto, grob zu stören scheint das Georges aber nicht, setzt er doch ganz selbstverständlich den Ehering als Kaution fürs Hotelzimmer ein, das er irgendwo in den winterlich kalten französischen Alpen bezieht. Immer wieder bestaunt er im Zimmer die Jacke, beginnt nicht nur mit ihr zu sprechen, sondern die Jacke scheint mit der Bauchrednerstimme von Georges auch mit ihm zu reden.


Gleichzeitig beginnt er seine Digitalkamera auszuprobieren und erklärt der Kellnerin Denise (Adèle Hanel), die gerne Cutterin wäre, dass er einen Film drehe. Keine Ahnung hat Georges freilich vom Filmgeschäft, filmt einfach die Berge und vor allem seine geliebte Jacke, zu der bald noch ein Wildlederhut, Lederstiefel, eine Hose und schließlich auch Handschuhe dazukommen. Aber die Jacke entwickelt eben auch ein Eigenleben, träumt davon die einzige Jacke auf der Welt zu sein und fordert Georges auf dafür zu sorgen, dass dieser Traum wahr wird.


Zu zunehmend drastischeren Maßnahmen greift Georges dabei und hält auch alles mit der Kamera fest, die Kellnerin wiederum, die privat schon Tarantinos „Pulp Fiction“ völlig umgeschnitten hat, sieht das filmische Material ganz anders und glaubt daraus etwas machen zu können.


So absurd die Handlung scheint, so trocken und ernst präsentiert sie Quentin Dupieux. Gerade aus dem Wiederspruch von Absurdität und Selbstverständlichkeit der Darstellung entwickelt „Le daim“ seinen umwerfenden, aber auch sehr schwarzen Witz. Herrlich trocken spielen auch Jean Dujardin und Adèle Hanel diese beiden reichlich schrägen Protagonisten.


Dazu kommt, dass diese Komödie einerseits zwar in der Gegenwart spielt, andererseits aber die Ausstattung des Hotelzimmers und die Dominanz der Brauntöne, die mit der Lederjacke korrespondieren, an die 1960er Jahre erinnern. Auch der gesamte visuelle Look mit stets Ton in Ton gehaltenen Szenen und fahlen ausgewaschenen Farben erzeugt eine seltsame Atmosphäre.


Leicht könnte man das wohl als raffiniert gemachten Blödsinn abtun, andererseits bieten sich aber auch vielfältige Interpretationsmöglichkeiten. Geht es zunächst scheinbar um die Erfindung einer neuen Identität durch eine neue Jacke, entwickelt sich die Begeisterung für das Accessoire doch bald zur Besessenheit und Sucht. Nicht mehr Georges ist Herr über die Jacke, sondern die Jacke bestimmt sein Handeln.


Mit Georges Filmaufnahmen bringt Dupieux, der auch für Kamera und Schnitt verantwortlich zeichnet, auch noch die Auseinandersetzung mit dem Filmgeschäft ins Spiel. Georges selbst erscheint dabei als Regisseur, der wiederum von Geldgebern abhängig ist. Eine Förderin findet er in der Kellnerin, die freilich wiederum als Cutterin aus seinem dokumentarischen Material, in dem man auch eine Reverenz an Michael Powells legendären „Peeping Tom“ sehen kann, einen ganz anderen Film machen kann.


Irritieren können dazwischen auch mehrmals eingeschnittene Bilder eines Rehs - quasi der Jacke im Naturzustand - und die letzte Szene lässt auch die Interpretation zu, dass die Kellnerin/Cutterin im Grunde nur hinter der Jacke her ist. – Wunderbar vertrackt ist dieser Film, so schräg und anders als alles andere, dass er pures Vergnügen bereitet, sofern man sich auf dieses irre Spiel einlässt.


Läuft derzeit im St. Galler Kinok


Trailer zu "Le daim - Deerskin"