Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke
- Walter Gasperi

- vor 2 Stunden
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Simon Verhoeven verbindet in seiner Verfilmung von Joachim Meyerhoffs autobiographischem Roman die Selbstfindung eines Schauspielschülers mit einer Familiengeschichte: Eine von einem lustvoll aufspielenden Ensemble getragene Tragikomödie, die leichthändig und sicher zwischen humorvollen und berührenden Szenen pendelt.
Vor drei Jahren erzählte Sonja Heiss in der Verfilmung von Joachim Meyerhoffs autobiographischem Roman "Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war" (2023) von Kindheit und Jugend Joachims, der in den 1970er Jahren mit Eltern und Geschwistern in Schleswig aufwächst. Die Fortsetzung spielt um 1990 und konzentriert sich auf Joachims (Bruno Alexander) Besuch der Otto-Falckenberg-Schauspielschule in München sowie seine Beziehung zu seinen Großeltern, bei denen er während des Studiums lebt.
Weitgehend außen vor bleiben seine Geschwister und Eltern. Traumatisch verfolgt ihn aber der Tod seines Bruders durch einen Autounfall. Aber auch Erinnerungen an die Besuche bei den Großeltern (Senta Berger und Michael Wittenborn) in der Kindheit und ihre Rituale vom Gurgeln von Schnaps über tägliche Turnübungen bis zum Schutz der Stühle durch Plastikhüllen stellen sich ein.
Mühelos schafft Verhoeven den Spagat zwischen Ernst und Komik, blickt mit Ironie, aber immer mit viel Wärme auf die Großeltern ebenso wie auf den Schauspielunterricht. Wie Joachim von seiner Umwelt als genauer Beobachter beschrieben wird, besticht auch Verhoeven durch seine Beobachtungsgabe.
Witz erzeugt er durch den genauen Blick auf die teils skurrilen Gewohnheiten der Großeltern ebenso wie durch die unterschiedlichen Schauspielschüler:innen und -lehrer:innen oder das Schwärmen Joachims für eine Mitstudentin. Auch in der Schilderung von Joachims anfänglicher Unbeholfenheit und Verkrampftheit beim Schauspielunterricht trifft der Film den richtigen Ton und ist gleichermaßen witzig wie berührend, aber immer liebevoll. Hinreißend ist es zuzusehen, wie Joachim mit den teilweise ziemlich schrägen Übungen an der Schauspielschule zunächst nichts anfangen kann, aber langsam lockerer wird.
Gleichzeitig wird seine Selbstfindung vom Altern und dem sich verschlechternden Gesundheitszustand der Großeltern kontrastiert. Seinem Weg ins Leben auf der einen Seite steht so der Weg aus dem Leben auf der anderen Seite gegenüber. Bewegend machen die Wiederholung und Variation von Szenen das Fortschreiten des Alters erfahrbar, wenn Wanderungen mit den Großeltern in der Kindheit nun von Spaziergängen durch den Park von Schloss Nymphenburg abgelöst werden und hier bald auch ein Rollator verwendet werden muss.
Souverän arbeitet Verhoeven aber auch mit dem Voice-over Joachims, der die Geschichte rückblickend erzählt und mit dessen Notizen gleichzeitig die Entstehung seines Buchs ins Spiel kommt. Ganz in Joachims Perspektive versetzt der Film so und konzentriert sich auf dessen Erfahrungen an der Schauspielschule und die Erlebnisse mit seinen Großeltern, während jedes gesellschaftliche und politische Umfeld ausgespart bleibt.
Wie mit diesem reduziert eingesetzten Voice-over Ereignisse immer wieder gerafft werden, so wird auch mit Montagesequenzen die Handlung immer wieder dynamisiert und vorangetrieben. Nie kommt hier Leerlauf auf und trotz belastender Erfahrungen wie dem Tod des Bruders und dem Altern der Großeltern strahlt diese warmherzige Tragikomödie stets Leichtigkeit und Lebensfreude aus.
Zu verdanken ist das auch einem lustvoll aufspielenden Ensemble. Großartig verkörpert Bruno Alexander die Entwicklung Joachims und perfekt besetzt sind die Großeltern mit Michael Wittenborn als Philosoph Hermann Krings und Verhoevens Mutter Senta Berger als Inge Birkmann. Aber nicht nur seiner Mutter erklärt der Regisseur durch diesen Film seine Liebe, sondern erinnert in einem Kino mit Plakaten des Films "Die weiße Rose" auch an seinen 2024 verstorbenen Vater, den Filmregisseur Michael Verhoeven.
Ein Vergnügen ist es bei diesem Film, der mit sorgfältiger Ausstattung von VW-Käfer bis gelber Telefonzelle auch nostalgisch die Zeit um 1990 zum Leben erweckt, aber auch den lustvoll aufspielenden Nebendarsteller:innen zuzusehen. Da brillieren - um nur einige zu nennen - Karoline Herfurth und Victoria Trauttmansdorff ebenso als Lehrerinnen wie Johann von Bülow als Direktor oder Friedrich von Thun als Filmregisseur Erich Maier-Mannhart.
Einem Erfolg an den Kinokassen dürfte dieser Bestsellerverfilmung somit nichts im Wege stehen, sodass es nur eine Frage der Zeit sein dürfte, bis die Verfilmung von Meyerhoffs viertem autobiographischem Roman "Die Zweisamkeit der Einzelgänger" folgt.
Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke Deutschland 2026 Regie: Simon Verhoeven mit: Bruno Alexander, Senta Berger, Michael Wittenborn, Laura Tonke, Devid Striesow, Katharina Stark, Tom Schilling, Johann von Bülow Länge: 136 min.
Läuft derzeit in den Kinos, z.B. im Cinema Dornbirn und im Kino GUK in Feldkirch.
Trailer zu "Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke"




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