Stoff - Ein Spitzengeschäft
- Walter Gasperi
- vor 23 Minuten
- 3 Min. Lesezeit

Anette Baldauf, Chioma Onyenwe, Joana Adesuwa Reiterer und Katharina Weingartner spüren in ihrem vielschichtigen Dokumentarfilm nicht nur der Verflechtung der Lustenauer Stickereien mit Nigeria nach, sondern dringen auch zu den Anfängen der Vorarlberger Textilindustrie vor, die untrennbar mit dem Dreieckshandel und der Sklaverei verbunden waren.
Wie die Fäden, die durch die Stickmaschinen rasen, sich zu einem Gewebe fügen, so verweben Anette Baldauf, Chioma Onyenwe, Joana Adesuwa Reiterer und Katharina Weingartner einzelne Szenen langsam zu einem Ganzen. Sukzessive werden dabei die komplexen historischen Verbindungen der Vorarlberger Textilindustrie mit Nigeria und dem im US-Bundesstaat Georgia gelegenen Savannah sichtbar.
Der kolonialistische europäische Blick wird dabei von vornherein gebrochen, wenn nicht nur das Regisseurinnenkollektiv aus zwei Österreicherinnen und zwei Nigerianerinnen besteht, sondern auch die Österreicherinnen für die in Österreich spielenden Szenen und die Nigerianerinnen für die in Nigeria verantwortlich zeichnen.
Ausgehend von einem Interview mit der ehemaligen Vorarlberger Exportmanagerin Grete Bösch, die in ihrem 2014 erschienenen Buch "Margret’s African Connection" die Geschäfte der Lustenauer Stickereien mit Nigeria aufarbeitete, dringt der Film langsam in die Materie ein. Bilder von Firmengebäuden wie Liebherr und Grass oder des Lustenauer Millenium-Parks, in dem IT- und Elektronik-Firmen die Stickereien abgelöst haben, künden ebenso vom Reichtum Vorarlbergs wie die Fahrt von zwei Nigerianerinnen durch ein Lustenauer Villenviertel.
In einem Soziodrama, bei dem interessierte Außenstehende Szenen nachspielen, wird das Geschäft der Lustenauer Stickereien mit Nigeria und Ausbeutungsverhältnisse auch innerhalb der Vorarlberger Betriebe aufgearbeitet. Während sich in diesen Szenen die Teilnehmer:innen allerdings hochemotional in ihre Rolle versetzen, bleibt man als Kinobesucher:in weitgehend distanzierte:r Beobachter:in:
Diesem Erzählstrang stehen Szenen in Afrika gegenüber, in deren Mittelpunkt die Journalistin Ireti Bakare-Yusuf steht, deren vor 20 Jahren verstorbene Mutter Alhaja Seriki als "Königin der Stickerei" galt und mit ihrer Bestellung von Luxusstickereien aus Lustenau in Lagos den Textilmarkt aufbaute.
Immer wieder werden dabei farbenprächtige und prunkvolle Kleider präsentiert, die die Familien der Oberschicht bei ihren Feiern tragen, aber es wird auch gezeigt, wie der Import europäischer Textilien, die heimische Industrie verkümmern ließ. Dieser wirtschaftlichen Krise stellt eine Autorin in einer nigerianischen Radiosendung die Bedeutung und Stärkung einer einheimischen Textilproduktion als antikolonialistischen Akt des kulturellen Widerstands, der die eigene Identität stärkt, gegenüber.
"Stoff – Ein Spitzengeschäft" beschränkt sich jedoch nicht auf diese Textilgeschäfte, die ab 1966 in Lustenau für Reichtum sorgten und nach einem nigerianischen Importverbot für Luxusartikel im Jahr 1977 illegal weitergeführt wurden, sondern dringt mit Blick auf die Feldkircher Textilfirma Ganahl tiefer in die Vergangenheit vor.
Denn schon um 1800 wurde der Montafoner Säumer Johann Josef Ganahl zu einem der ersten Textilunternehmer im Habsburgerreich. Wieder wird hier mit einem Soziodrama der Dreieckshandel nachgezeichnet. Gegen billiges Leinen, das von Triest nach Afrika geliefert wurde, wurden versklavte Menschen gekauft und in die USA verschifft, von wo Baumwolle nach Vorarlberg und in die Ostschweiz importiert und in den dortigen Textilfabriken verarbeitet wurde.
Nicht nur Profiteur dieses Dreiecks- und Sklavenhandels war Ganahl, der auch ein Haus in Savannah, Georgia, bewohnte, sondern nannte auch selbst einen versklavten Menschen sein Eigentum. Unterschiedliche Meinungen prallen hier in der soziodramatischen Nachstellung eines Familientreffens aufeinander, wenn ein Familienmitglied das Verhalten seines Vorfahren hinterfragt.
Wie am Ende Stoffbänder zu Boden fallen und Pfeiler und Wände freilegen, so legt das Regisseurinnenkollektiv eine Geschichte frei, über die in Vorarlberg lieber geschwiegen wird. Erinnert wird aber in dem an Eindrücken und Einsichten schon übervollen und zwischen den Schauplätzen etwas zerrissenen Film auch in einer bewegenden Szene an die Ausbeutung türkischer Arbeiter:innen in den 1960er Jahren, gleichzeitig wird aber jede Pauschalierung vermieden, wenn eine Vorarlberger Textilarbeiterin dieses Bild wiederum korrigiert.
Stoff – Ein Spitzengeschäft
Österreich 2025
Regie: Katharina Weingartner, Anette Baldauf, Joana Adesuwa Reiterer, Chioma Onyenwe
Dokumentarfilm
Länge: 88 min.
Läuft jetzt in den österreichischen Kinos.
Spielboden Dornbirn (Human Vision film festival): Sa 14.3, 19.30 Uhr
FKC Dornbirn im Cinema Dornbirn: Mi 18.3., 19 Uhr + Do 19.3., 19.30 Uhr Kinothek extra in der Kinothek Lustenau: Mo 23.3., 18 Uhr + Mi 1.4., 20 Uhr
Trailer zu "Stoff - Ein Spitzengeschäft"
