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  • AutorenbildWalter Gasperi

74. Berlinale: Widerständiges iranisches und schräges US-KIno

Aktualisiert: 25. Feb.

Das iranische Ehepaar Maryam Moghaddam und Behtash Saneeha überzeugt im Wettbewerb mit "My Favourite Cake – Keyke Mahboobe Man", Aaron Schimbergs "A Different Man" enttäuscht dagegen.


Bei der 2021 aufgrund der Corona-Pandemie nur online abgehaltenen Berlinale präsentierte das iranische Ehepaar Maryam Moghaddam und Behtash Saneeha im Wettbewerb seinen zweiten Spielfilm "Ballade von der weißen Kuh".


Nun kehrt das Duo mit "My Favourite Cake – Keyke Mahboobe Man" zurück. Die Filmemacher:innen selbst durften aber nicht nach Berlin reisen, denn seit September 2023 sind sie mit einem Ausreiseverbot belegt. Auch der Protest der Berlinale konnte daran nichts ändern.


Ganz auf die 70-jährige Mahin – großartig gespielt von Lily Fahadpour – konzentriert sich der Film. In jeder Szene ist die seit 30 Jahren verwitwete Frau präsent. In ruhigen, weitgehend statischen Einstellungen wird ihr eintöniger Alltag geschildert vom späten Aufstehen über das Bewässern des Gartens und den Einkauf auf dem Markt bis zum Abendessen mit Freundinnen.


Wenn dabei intensiv nicht nur über Krankheiten, sondern auch über Männer geredet wird, weckt das auch Mahins Wunsch nach einer späten Beziehung. Nach erfolglosen Annäherungsversuchen begegnet sie zufällig einem etwa gleich alten Taxifahrer und lässt sich von diesem nicht nur nach Hause fahren, sondern lädt ihn auch in ihre Wohnung ein.


Beglückend fangen Moghaddam und Saneeha in ihrer zurückhaltenden Inszenierung ein, wie sich beim Reden langsam Nähe entwickelt. Als Kammerspiel ist dieser zweite Teil angelegt, spielt zur Gänze an einem Abend und in der Wohnung, in der sie für ihn einen Kuchen backt und er für sie die defekte Beleuchtung des Gartens repariert. Man kann zusehen, wie beide aufblühen, bis es zu einer dramatischen Wende kommt.


Ganz privat ist im Grunde die Geschichte gehalten, doch immer wieder bauen Moghaddam und Saneeha explizite Regimekritik ein. Denn da schwärmt Mahin immer wieder, wie schön die Zeit vor der Revolution war, als sie prächtige Kleider trug, tanzen ging, und man Wein trinken konnte, oder sie klagt darüber, dass sie aufgrund ihres Alters kein Visum mehr bekommt, um ihre seit 20 Jahren im Ausland lebenden Kinder zu besuchen.


Entschlossen tritt sie aber auch gegen die Sittenpolizei auf, die in einem Park junge Frauen abführen will, weil deren Hijab nicht richtig sitze. Wenn sie einer von diesen Frauen erklärt, dass man für sein Leben einstehen müsse, sich nicht unterdrücken lasse dürfe, da man sonst noch mehr unterdrückt werde, ist das auch ein ziemlich offener Aufruf gegen das Regime Widerstand zu leisten.


Ein typischer Berlinale-Wettbewerbsfilm ist das: keine Großproduktion, sondern ein kleiner Film, aber rund und mit viel Feingefühl inszeniert, sehr menschlich und warmherzig und von Melancholie durchzogen, aber gleichzeitig auch entschieden politisch.


Auch die einzige US-Produktion im Wettbewerb ist ein kleiner Film, der von der für eigenwillige Projekte bekannten Produktionsfirma A 24 produziert wurde. Im Zentrum von Aaron Schimbergs "A Different Man" steht der New Yorker Schauspieler Edward (Sebastian Stan), der mit seinem schrecklich deformierten Gesicht an David Lynchs "Der Elefantenmensch" erinnert.


Als ihm eine neue Therapie angeboten wird, nimmt er gerne an und aus dem hässlichen Edward wird rasch der blendend aussehende und erfolgreiche Immobilienmakler Guy. Glücklich wird er damit aber nicht, denn er fühlt sich seines früheren Lebens beraubt, als nicht er selbst mit Maske, sondern ein anderer, deformierter Schauspieler in einem Stück ihn selbst in seiner früheres Lebensphase verkörpern soll.


Großartig spielt Sebastian Stan diesen Mann, der um den anderen zu gefallen seine Identität ablegt, doch wirklich zünden will dieser Mix aus schwarzer Komödie und Thriller nicht. Das Drehbuch hat mit der Thematisierung von Fremd- und Eigenwahrnehmung sowie normierten Schönheitsidealen durchaus Potenzial, doch Schimbergs Inszenierung fehlt es an Zuspitzung und Pointierung. Die Handlung plätschert dahin, doch weder entwickelt sich echte Spannung noch wirklich mitreißender böser Witz.


Auch die höhlenhafte Wohnung von Edward, in der aus einem immer größer werdenden Loch in der Decke nicht nur Wasser tropft, sondern bald auch eine Maus herunterfällt und an dessen Türe immer wieder Menschen übermäßig heftig klopfen, bleibt ein groteskes Detail, dessen Bezug zur Handlung sich nicht erschließt. Ermüdend ist aber auch, wie Schimberg schließlich kein Ende finden will, sondern mit mehrfachen Twists immer wieder Szenen dranhängt.



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