top of page
  • AutorenbildWalter Gasperi

74. Berlinale: Wer holt den Bären?

Aktualisiert: 25. Feb.

Einen wirklich großen Film fand man im Wettbewerb der heurigen Berlinale zumindest bis kurz vor Schluss nicht. Immerhin setzte Gunnar Möller mit dem fesselnden Gefängnisthriller "Vogter" noch ein Ausrufezeichen, während Abderrahmane Sissako mit der Romanze "Black Tea" enttäuschte.


Nach erfreulich starkem Beginn brachte die zweite Festivalwoche leider nicht die großen Filme, sondern doch auch einige Enttäuschungen. - Immer noch sind so der iranische Film "My Favourite Cake" und Andreas Dresens "In Liebe, Eure Hilde" die Favoriten im Bären-Rennen.


Gespannt wartete man zwar auf "Black Tea", mit dem sich der Mauretanier Abdherrahmane Sissako zehn Jahre nach seinem Arthouse-Erfolg "Timbuktu" zurückmeldete. Doch während er dort treffsicher mit dem islamistischen Fundamentalismus abrechnete und nochmals acht Jahre zuvor in "Bamako – Weltgericht in Bamako" (2006) mit einem fiktiven Prozess der afrikanischen Zivilgesellschaft gegen die Weltbank die Finanzpolitik des Westens anprangerte, bleiben gesellschaftskritische Akzente in seinem neuen Film sehr dünn.


Von einer Hochzeit an der Elfenbeinküste führt der Film mit dem "Nein" der Braut in die "Chocolate City" genannte afrikanische Community der chinesischen 16 Millionen-Stadt Guangzhou, wo die Eheverweigererin inzwischen eine neue Heimat gefunden hat. Wie sie durch die Straßen spaziert, mit den verschiedenen Händler:innen sich auch auf Chinesisch unterhält und im Teehandel eines Chinesen einen Arbeitsplatz gefunden hat, lässt spüren, wie anerkannt und beliebt sie hier ist.


Wie freilich das Viertel in warme Farben getaucht ist und jede Einstellung sehr aufgeräumt wirkt, erzeugt ebenso einen märchenhaften Eindruck, wie ihre leise Liebesbeziehung zu ihrem geschiedenen Chef, die vor dessen Familie geheim gehalten wird.


Dass das Leben für die Afrikaner:innen in China nicht so rosig ist, wird einzig in einem Gespräch über eine Vertreibung und den rassistischen Kommentaren des Schwiegervaters des Teehändlers spürbar, ansonsten sind hier alle nett zu einander und über Gespräche wird auch das eine oder andere Problem gelöst.


Nicht zu bestreiten ist die Schönheit der Bilder, bei denen Sissako mit Aufnahmen durch Glasscheiben und mit der Farbdramaturgie offensichtlich Wong Kar-wai nacheifert, doch in seiner Glattheit und Kantenlosigkeit verkommt "Black Tea" letztlich zu ebenso kitschiger wie lebensfremder Schönfärberei.


Zupackendes und fesselndes Kino bietet dagegen der schwedisch-dänische Regisseur Gustav Möller, der mit "Vogter – Aufseherin" die Linie fortsetzt, die er mit seinem Erfolgsfilm "The Guilty" eingeschlagen hat. Schlecht gewählt ist hier einzig der internationale Titel "Sons", der im Gegensatz zum Originaltitel schon etwas zu viel preisgibt.


Wie "The Guilty" ausschließlich in einer Notrufzentrale spielte, so konzentriert sich "Vogter" abgesehen von einer Szene gegen Ende ganz auf ein Gefängnis und die Aufseherin Eva. Empathisch kümmert sie sich um die Häftlinge in ihrem Trakt, doch als sie Zeuge der Verlegung eines jungen Mannes in den Hochsicherheitstrakt wird, bittet sie um Versetzung in diese Abteilung.


Rasch merkt sie, dass hier ein anderer Umgangston herrscht, beginnt aber auch gegenüber dem jungen Mann ihre Grenzen zu überschreiten, ihn zu traktieren und zu schikanieren, bis er droht, sie anzuzeigen - und seinerseits Forderungen stellt.


Getragen von einer großartigen Sidse Babett Knudsen in der Hauptrolle entwickelt Möller einen stringenten und durch die Konzentration auf das von kaltem Blau und Weiß dominierte Gefängnis atmosphärisch ungemein dichten Thriller, der mit dem engen 4:3-Format auch das Publikum in diese Welt einsperrt.


Zentrale Triebfeder des Films ist dabei das Geheimnis in der Beziehung zwischen Eva und dem jungen Straftäter, den Sebastian Bull eindrücklich bald als harmlos und vernünftig spielt, ehe er im nächsten Moment ein Fehlen jeglicher Gefühlskontrolle an den Tag legt und total ausrastet. – Geschickt zögert Möller dabei lange hinaus, was diesen Häftling mit seiner Aufseherin verbindet.


Je mehr Hintergründe aber klar werden, desto mehr weitet sich "Vogter" auch zu einem packenden Drama über Verantwortung und Schuld und erzählt auch von der Sehnsucht einerseits nach Vergebung und andererseits nach Rache, durch die aber die früheren Versäumnisse und Fehler auch nicht rückgängig gemacht werden können. – Schwer vorstellbar ist, dass dieses fesselnde Kinostück bei der Preisverleihung leer ausgeht, denn zumindest bei den Preisen für die besten Darsteller:innen oder fürs Beste Drehbuch dürfte es kaum übersehen werden.

 


Weitere Berichte zur 74. Berlinale:

Comments


bottom of page