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76. Berlinale: Von klassischem Genrekino bis zu sperrigem Kunstkino

  • Autorenbild: Walter Gasperi
    Walter Gasperi
  • vor 39 Minuten
  • 3 Min. Lesezeit
76. Berlinale: "Wolfram" von Warwick Thornton und "Meine Frau weint" von Angela Schanelec im Wettbewerb um den Goldenen Bären
76. Berlinale: "Wolfram" von Warwick Thornton und "Meine Frau weint" von Angela Schanelec im Wettbewerb um den Goldenen Bären

Die Bandbreite im Wettbewerb um den Goldenen Bären ist ausgesprochen groß und spannt sich von Warwick Thorntons klassisch erzähltem australischem Western "Wolfram" bis zu Angela Schanelecs radikalen Kunstkino mit "Meine Frau weint".


Nachdem mit Hanna Bergholms "Nightborn – Yön Lapsi" ein Horrorfilm im Wettbewerb um den Goldenen Bären präsentiert wurde, gab es nun mit "Wolfram" auch einen australischen Western, mit dem Warwick Thornton direkt an seinen großartigen "Sweet Country" (2018) anknüpft.


Wieder entführt Thornton, der auch für die Kameraarbeit verantwortlich zeichnet, in den australischen Outback der 1920er/1930er Jahre und auch einige Figuren aus dem vier Jahre zuvor spielenden Vorgängerfilm werden wieder aufgenommen. Neu ist freilich die Ausbeutung des Landes durch primitiven Bergbau. Zwei Aborigines-Kinder müssen hier in Schächten Wolfram gewinnen, doch als ihr Boss und Vater durch einen Schlangenbiss stirbt, werden sie von zwei Outlaws gefangen und zu einem Farmer gebracht.


In der Nacht fliehen die beiden Kinder mit dem etwas älteren Sohn des Farmers, der als Halb-Aborigine wie ein Sklave gehalten wird. Bald setzt die Verfolgung ein, während parallel dazu von der Suche der Aborigine-Mutter nach ihren Kindern erzählt wird.


Thornton erzählt langsam, lässt die Erzählstränge bis zum Ende parallel laufen, baut aber mit großartigen Bildern des endlosen rotbraunen Outbacks und den omnipräsenten Fliegen eine dichte Atmosphäre auf. Klassischer Western-Motive bedient er sich mit den beiden Outlaws und einem im Aufbau befindlichen Kaff, in dem es eine Saloon-Besitzerin ebenso wie einen Doktor und einen Händler gibt.


Gleichzeitig deckt er aber wieder den Rassismus der Weißen gegenüber den Aborigines auf, wobei dieser hier vor allem auf die Outlaws konzentriert ist, während die Bewohner:innen des Dorfes als überraschend tolerant gezeichnet werden. Gewalt wie ein brutales Massaker an Aborigine-Frauen wird dabei nicht ausgespart, die Taten an sich werden aber weitgehend ins visuelle Off verbannt und nur die Folgen werden gezeigt.


Im Gegensatz zum bitteren "Sweet Country" überrascht auch das optimistische Ende. Denn die Kinder erfahren von einer anderen diskriminierten Community Unterstützung und ein einprägsames Schlussbild, in dem die Handlungsfäden zusammengeführt werden, beschwört ein fast schon utopisch-märchenhaftes Happy End.


Die Dichte und Kraft des Vorgängerfilms erreicht "Wolfram" zwar nicht, aber prächtig anzusehendes, weitgehend klassisches Erzählkino, in dem nur Träume oder Erinnerungen für Brüche sorgen, wird dennoch geboten.


Das Gegenstück dazu ist das Kino von Angela Schanelec, die unbeirrt an ihrem aus Filmen wie "Ich war zuhause, aber …" (2019) oder "Music" (2023) bekannten Stil festhält. Wie in diesen Filmen lässt sich auch in "Meine Frau weint" kaum eine klare Narration ausmachen, sondern Schanelec reiht in ihrer extrem elliptischen Erzählweise einzelne Szenen aneinander, die ohne Studium des Festivalkatalogs kaum in Zusammenhang gebracht werden können.


Wie gewohnt sind diese Szenen auch in endlos langen, meist statischen Einstellungen gefilmt, in denen die Figuren zwar in gestochenem Hochdeutsch, aber mit einem Akzent, der sie als Ausländer kennzeichnen soll, emotionslos in bewusst mehr literarischen als natürlichen Sätzen über ihre Beziehungen und Beziehungsprobleme sprechen.


Zweifellos kunstvoll ist jeder Satz geschrieben und jede Einstellung gewählt, überlegt die Farbdramaturgie mit vielfach kahlen weißen Wänden, vor denen sich ein leuchtend rotes Hemd oder ein gelbes T-Shirt markant abheben, doch emotionalen Zugang zu diesen Figuren wird man kaum finden. – So kann man zwar den radikalen Stilwillen Schanelecs bewundern, doch Spannung kommt nicht auf, sodass die 93 Minuten auch endlos lang werden können.




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