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76. Berlinale: Großstadt kontra Bergeinsamkeit

  • Autorenbild: Walter Gasperi
    Walter Gasperi
  • vor 12 Stunden
  • 3 Min. Lesezeit
76. Berlinale: "We Are All Strangers" von Anthony Chen und "Forêt Ivre - Forest High" von Manon Coubia
76. Berlinale: "We Are All Strangers" von Anthony Chen und "Forêt Ivre - Forest High" von Manon Coubia

Während Anthony Chen in seinem Wettbewerbsbeitrag "We Are All Strangers" mitreißend eine in Singapur spielende Familiengeschichte erzählt, lässt Manon Coubia in ihrem Langfilmdebüt "Forêt Ivre - Forest High", der in der Sektion "Perspectives" läuft, in das stille und abgeschiedene Leben auf einer Schutzhütte in den französischen Alpen eintauchen.


157 Minuten ist Anthony Chens "We Are All Strangers" lang, doch mühelos hält der 41-jährige Singapurer die Spannung aufrecht. Nach der melancholischen Freundschaftsgeschichte "The Breaking Ice" erzählt er in seinem neuen Film vor dem Hintergrund des boomenden Singapur die Geschichte einer Patchwork-Familie.


Während sich der Vater in seiner Nudelküche abmüht, hat sein 21-jähriger Sohn die Schule abgebrochen und noch nie arbeiten gelernt. Gegenwärtig leistet er seinen Militärdienst, doch als seine aus reichem Haus stammende Freundin schwanger wird, drängt ihn die Schwiegermutter in spe zur Heirat.


Gegenpol zu dieser von der Schwiegermutter geforderten pompösen Hochzeitsfeier, die sich der Vater im Grunde nicht leisten kann, ist die bescheidene Hochzeit, die der verwitwete Vater mit einer aus Malaysia immigrierten Bierverkäuferin feiert.


Noch prägnanter prallen die gesellschaftlichen Gegensätze aufeinander, wenn Vater und Sohn mit ihren Partnerinnen vom Balkon ihrer kleinen Wohnung aus die Feier zur 60-jährigen Unabhängigkeit Singapurs verfolgen, bei der mit großem Feuerwerk Aufschwung und Boom bejubelt werden.


Über rund zwei Jahre spannt Chen die Handlung und wie er in diesen recht kurzen Zeitraum nicht nur Hochzeit und Geburt, sondern auch Krankheit und Tod sowie zahlreiche Jobwechsel des Sohns bis hin zu einer kurzen Bedrohung durch Schuldeneintreiber presst, aber nichts ausformuliert, das rückt "We Are All Strangers" teilweise in die Nähe von Soap Operas. Dennoch muss man die einnehmende und mitreißende Erzählweise bewundern.


Diese lässt auch über die relativ eindimensionale Figurenzeichnung mit dem herzensguten und fleißigen Vater auf der einen Seite und dem faulen und an jede windige Geschäftsidee glaubenden Sohn auf der anderen Seite hinwegsehen. Die spannendste und komplexeste Figur ist zweifellos die von Yeo Yann Yann gespielte malaiischstämmige Bierverkäuferin. Eindrücklich vermittelt sie nicht nur die Marginalisierung und Chancenlosigkeit von Migranten im südostasiatischen Stadtstadt, sondern auch die Wandlung einer Frau, die zunächst in erster Linie aus finanzieller Not heiratet, aber dann doch Gefühle entwickelt.


Im Gegensatz zu Anthony Chen weigert sich die Französin Manon Coubia in ihrem auf 16mm gedrehten Langfilmdebüt "Forêt Ivre - Forest High" eine stringente Geschichte zu erzählen. Sie beschränkt sich darauf in drei durch lange Schwarzblenden voneinander getrennten Kapiteln drei von Schauspielerinnen gespielte Hüttenwirtinnen bei ihrem Alltag in dem in Hochsavoyen gelegenen Refuge d´Ubine zu begleiten.


Dem dokumentarischen Blick stehen unübersehbar fiktive Szenen gegenüber, wenn beispielsweise die junge Hüttenwirtin mit einem Vogelkundler – offensichtlich nachdem sie Sex hatten - nackt auf der Wiese liegt.


Auf Filmmusik verzichtet Coubia, erzählt auch keine Geschichten aus, sondern lässt Wanderer eintreffen und wieder verschwinden. Offen bleibt beispielweise, was mit einem Kletterer passierte, der zu einer schweren Tour aufbrach, oder mit einer Familie, auf deren Ankunft bei stürmischem Wetter gewartet wird. Mit den drei Hüttenwirtinnen unterschiedlichen Alters spannt Coubia auch den Bogen von Frühling über Sommer zum Winter, in dem mit einem einzelnen jungen Gast und seinen Erzählungen über die Bedeutung dieser Berghütte für Resistance-Kämpfer auch die Rolle als Zufluchtsort ins Spiel kommt.


Denn auch für die anderen Gäste ist diese Hütte – und die meisten Berghütten – ein Raum, an dem sich jenseits der gesellschaftlichen Hierarchien für kurze Zeit eine gleichrangige Gemeinschaft bildet, in der auch der Kontakt zur Außenwelt via Handy nur an einem Platz außerhalb der Hütte möglich ist.


Coubia lässt im langsamen Erzählrhythmus, in der Stille, in der das Knistern des Feuers im Ofen, das Knirschen der Schritte im Kies oder das Pfeifen des Windes und das Prasseln des Regens große Präsenz entwickeln, und im Wechsel der Bilder vom Hüttenalltag und der Landschaftsbilder tief in dieses Leben eintauchen.


Aber auch die Bedrohung dieser Welt wird nicht ausgespart, wenn beiläufig auf den vermehrten Einsatz von Schneekanonen hingewiesen wird oder der Vogelkundler vom Verschwinden des Auerhahns berichtet. – Schmerzlich macht dies auch ein Epilog spürbar mit formal deutlich abgehobenen Aufnahmen dieses vom Aussterben bedrohten Vogels, der in dieser Region zum letzten Mal vor 15 Jahren gesichtet wurde.   

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