76. Berlinale: Fürsorge oder Bevormundung?
- Walter Gasperi
- vor 49 Minuten
- 3 Min. Lesezeit

Lance Hammer zeigt im Wettbewerb um den Goldenen Bären in seinem grandios gespielten Drama "Queen at Sea" ambivalent und vielschichtig, wie schmal der Grat zwischen Fürsorge und Bevormundung manchmal ist. Liz Sargent erzählt dagegen in "Take Me Home", der in der Sektion Perspectives läuft, empathisch, wie viel Fürsorge ein Mensch mit kognitiver Beeinträchtigung benötigt, deckt aber auch die Missstände des US-Gesundheitssystems auf.
2008 beeindruckte Lance Hammer im Wettbewerb der Berlinale mit seinem Debüt "Ballast". 18 Jahre lang hörte man danach nichts mehr vom Amerikaner, doch jetzt legt er mit "Queen at Sea" einen starken Zweitling vor.
Sofort ist man mittendrin in diesem Drama, wenn die etwa 60-jährige Amanda (Juliette Binoche) ihren Stiefvater (Tom Courtenay) mit ihrer Mutter Leslie (Anna Calder-Marshall) beim Sex vorfindet. Im Grunde geschieht ja nichts Unrechtes, doch da die Mutter schwer dement ist, ist unklar, ob der Geschlechtsverkehr mit ihrer Zustimmung erfolgte.
Die schon mehrmals geäußerte Drohung, die Polizei zu rufen, macht Amanda nun wahr und bald werden Spuren im ehelichen Schlafzimmer gesichert, die Mutter in der Rechtsmedizin untersucht und der Stiefvater vorübergehend verhaftet. Auch eine Sozialarbeiterin kommt vorbei, um über eine Einlieferung in ein Pflegeheim zu sprechen.
Übergriffig und bevormundend erscheint dabei aber bald nicht mehr der Stiefvater bzw. Ehemann, der sich fürsorglich um seine demente Frau kümmert, sie streichelt, füttert und mit ihr täglich spazieren geht, sondern vielmehr die Mutter und die Behörden, die glauben zu wissen, was das Beste für Leslie ist.
Phänomenal spielen Tom Courtenay und Anna Calder-Marshall dieses Paar. Hier sitzt jeder Blick und jede Geste, stark auch Juliette Binoche als ehrlich um die Mutter bemühte Tochter und auch Polizist:innen und Sozialarbeiterin strahlen enorme Authentizität aus.
Beiläufig durch Straßenszenen im Ambiente von London verankert, entwickelt "Queen at Sea" aber vor allem durch die differenzierte und ambivalente Auslotung des Problemfelds emotionale Dichte und Kraft. Ohne zu urteilen, erzählt Hammer, gesteht allen ihre Meinung zu, macht aber in einem Heimbesuch und -aufenthalt auch deutlich, wie trist letztlich dort das Leben ist und wie viel würdevoller und lebenswerter es durch die liebevolle Fürsorge eines Angehörigen wird.
Wenig überzeugend und aufgesetzt wirkt allerdings die Parallelhandlung, in der dem alten Paar das Coming-of-Age und die erste Liebe ihrer Teenager-Enkelin gegenübergestellt wird, und auch der mit Fortdauer des Films forcierte Einsatz von Klavier- und Geigenmusik beeinträchtigt den Gesamteindruck dieses unsentimentalen, gleichwohl zu Tränen rührenden Dramas.
Liz Sargent fokussiert in ihrem Langfilmdebüt "Take Me Home", das auf ihrem gleichnamigen 2023 erschienenen Kurzfilm basiert, auf einer Familie mit einer koreanischstämmigen Adoptivtochter mit kognitiver Beeinträchtigung. Nicht nur dass diese mit Anna Sargent von der realen Schwester der Regisseurin gespielt wird, verleiht diesem Spielfilm Unmittelbarkeit und dokumentarische Qualität, sondern auch die Nähe der beweglichen Kamera und der Raum, der hier den Schauspieler:innen zum freien Spiel gelassen wird.
Nichts wirkt hier gestellt und auch keine Kinogeschichte wird erzählt, sondern ganz dem Alltag entnommen ist dieser Film. Ausführlich zeigt Sargent, welche Herausforderung Anna, die im Spielfilm ihren realen Namen trägt, für ihre Eltern immer wieder darstellt, wenn sie sich nur von ihrer Mutter duschen lässt oder laut schreiend nachts ihre Wasserflasche sucht.
Gleichzeitig zeigt der Film aber auch, wie viel Empathie Anna nicht nur ihren Eltern, sondern auch anderen Menschen wie ihrer Schwester zurückgibt und wie wertvoll ihr Leben für die Gesellschaft ist. Schwer erschüttert wird dieses aber, als ihre Mutter stirbt, und ihr alternder Vater zunehmend mit der Fürsorge überfordert ist. Erschütternd deckt Sargent bei der Suche nach Lösungsmöglichkeiten die Missstände des US-Gesundheitssystems auf, in dem sich entsprechende Pflege nur Menschen mit beträchtlichem Vermögen leisten können.
Trotz dieser bedrückenden staatlichen Rahmenbedingungen lässt der bewegende und zutiefst humanistische Film Anna dennoch kleine Schritte in die Selbstständigkeit machen und in einem utopischen Finale das Glück in einem paradiesischen Heim finden, das in scharfem Kontrast zur amerikanischen Realität steht. So wird "Take Me Home", den die Regisseurin ihren Eltern gewidmet hat, die ihr Leben in den Dienst der Pflege stellten, auch zum eindrücklichen Appell für eine Änderung des – nahezu inexistenten - amerikanischen Pflegesystems und einer allgemeinen Wertschätzung von Menschen, die es im Leben nicht so leicht haben und oft ausgegrenzt werden.
Weitere Berichte von der 76. Berlinale: - Vorschau auf die 76. Berlinale
       - Shahrbanoo Sadats "No Good Men"
       - Markus Schleinzers "Rose" und Emin Alpers "Kurtulus - Salvation"
