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  • AutorenbildWalter Gasperi

74. Berlinale: Dokumentarfilme von Mati Diop und Victor Kossakovsky

Aktualisiert: 25. Feb.

Die Senegalesin Mati Diop reflektiert in ihrem Dokumentarfilm "Dahomey" die ungebrochenen Folgen des europäischen Kolonialismus, Victor Kossakovsky stellt dagegen in seinem bildgewaltigen Filmgedicht "Architecton" die hässliche und kurzlebige heutige Architektur jahrtausendealten, aber immer noch beeindruckend schönen Ruinen gegenüber.


Ist das noch ein Dokumentarfilm, wenn eine von den Franzosen 1892 aus dem damaligen Königreich Dahomey – dem heutigen Benin – geraubte Statue aus einer dunklen Kiste heraus mit raunender Stimme von ihrer Befindlichkeit erzählt? – Mati Diop lässt jedenfalls ausgehend von der Rückgabe von 26 von rund 7000 geraubten Kunstwerken an Benin im November 2021 eine Statue ihren Weg zurück in die Heimat kommentieren.


Akribisch hält die Senegalesin fest, wie die Kunstwerke in Frankreich verpackt, ins Flugzeug verladen und in Benin, begleitet von jubelnden Massen am Straßenrand, an ihren neuen Standort gebracht werden. Dort werden sie wieder ausgepackt und ihr Zustand festgehalten, ehe eine Diskussion an der Universität von Abomey-Calavi in Benin ins Zentrum rückt.


Kern des nur 67-minütigen Films ist diese Debatte, in der einerseits das Fortwirken des Kolonialismus aufgedeckt und andererseits der Ruf nach Stärkung der eigenen afrikanischen Identität gefordert wird. Da wird nicht nur Kritik an der Alibi-Aktion Frankreichs geübt, wenn die Kolonialmacht gerade mal einen Bruchteil der geraubten Kulturgüter zurückgibt, sondern auch ein Umdenken in Benin und ganz Afrika wird gefordert.


Statt weiterhin nämlich mit Disney-Filmen und "Avatar" sozialisiert zu werden und europäische Lehrinhalte vermittelt zu bekommen, sollen vielmehr alle Schüler:innen die zurückerstatteten Kunstwerke besuchen und in die regionale Kultur und Geschichte eintauchen. Aber auch die einfachen Arbeiter:innen sollen durch Lohnerhöhung die Gelegenheit zum Besuch des Museums bekommen und so ihre afrikanische Identität finden oder stärken. – So verbindet der ganz aus afrikanischer Perspektive erzählte Dokumentarfilm die Präsentation herausragender Kunstwerke der indigenen Kultur mit dem Ruf nach stärkeren Besinnung der Afrikaner:innen auf ihre kulturellen Wurzeln.


Im Gegensatz zu Mati Diop verzichtet Victor Kossakovsky in "Architecton" weitgehend auf Worte. Wie er im bildgewaltigen "Aquarela" dem Weg des Wassers vom Eis des Nordpols bis zu den Stürmen in der Karibik folgte, so fokussiert er hier auf Gestein und dem daraus gewonnenen Beton, der laut Insert neben Wasser die am zweithäufigsten verwendete Substanz sei.


Auf einen Prolog, in dem die Kamera mit Rückwärtsfahrt den Blick auf eine – wohl durch Krieg – zerstörte Hochhaussiedlung öffnet, folgt der Blick auf felsige Berge, aus denen sich bald krachend ein Bergrutsch löst, ehe ein riesiger Steinbruch ins Bild kommt, aus dem per Sprengung Material herausgelöst wird, das bald maschinell zerkleinert und zum Bau moderner Wohnsiedlungen verwendet wird.


Auf alle geographischen Inserts verzichtet Kossakovsky. Nicht Information will er bieten, sondern mit grandiosen Bildern, die durch Sounddesign und die aufdonnernde Musik von Evgueni Galperine verstärkt werden, die Zuschauer:innen immersiv ins Geschehen hineinziehen und überwältigen.


Immer wieder kontrastiert er dabei die Bilder von kurzlebigen und hässlichen heutigen Wohnsiedlungen, die schon wieder durch Krieg oder Naturkatastrophen zerstört sind, mit Bildern von Ruinen antiker Bauten, die einerseits immer noch Schönheit ausstrahlen, andererseits aber auch Tausende Jahre überdauert haben. Farbe wechselt dabei auch mit gestochen scharfen, brillanten Schwarzweißbildern.


Auf einer dritten Ebene kommt auch noch der italienische Architekt Michele de Lucchi hinzu, der sich im Garten seines idyllisch gelegenen Landhauses von Arbeitern einen Steinkreis anlegen lässt, der Nachdenken über den Kreislauf der Zivilisationen, aber wohl auch den Weg des Gesteins anregen soll. Denn auf den Aufbau von Siedlungen folgt am Ende der Abtransport des Schutts der zerstörten Häuser auf eine Halde, von der die Kamera nach oben auf den Steinbruch als Ausgangsort schwenkt.


Zumindest auf den ersten Blick wirkt "Architecton" zwar nicht so klar aufgebaut wie "Aquarela" und unnötig belehrend fällt auch der Epilog mit einem Gespräch des Filmemachers mit de Lucchis aus, der die moderne Architektur kritisiert und sich für einen nachhaltigen Umgang mit Ressourcen einsetzt, doch ein bildgewaltiges und nachwirkendes Erlebnis bietet dieses filmische Gedicht dennoch.



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