76. Berlinale: Goldener Bär für İlker Çataks "Gelbe Briefe" – Ein Resümee
- Walter Gasperi

- vor 16 Stunden
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Etwas überraschend verlieh die von Wim Wenders geleitete Jury den Goldenen Bären an İlker Çataks Drama "Gelbe Briefe". Sandra Hüller wurde als beste Schauspielerin für ihre Leistung in Markus Schleinzers "Rose" ausgezeichnet. - Ein Resümee.
Als der Wettbewerb um den Goldenen Bären vor zehn Tagen mit İlker Çataks "Gelbe Briefe" startete, sah kaum jemand in diesem Drama einen Favoriten für den Hauptpreis. Der Film um ein türkisches Künstlerehepaar, dessen Leben und Beziehung in eine Krise gerät, als es von den Behörden wegen seines politisches Engagements entlassen wird, besticht zwar durch seine schauspielerischen Leistungen und seine Vielschichtigkeit, entwickelt aber nicht die Dichte und Durchschlagskraft von Çataks Vorgängerfilm "Das Lehrerzimmer".
In der jetzigen Auszeichnung spiegelt sich auch, dass echte Meisterwerke im Wettbewerb fehlten. Es gab zwar mehrere sehr gute Filme, die sich vielleicht mehr für den Goldenen Bären angeboten hätten wie Markus Schleinzers "Rose", Anthony Chens "We Are All Strangers", Tizza Covis und Rainer Frimmels "The Loneliest Man in Town" oder Lance Hammers "Queen at Sea", aber keinen makellosen Film, für den alle schwärmten oder der filmsprachlich wirklich überraschte.
Vor allem visuell zu beeindrucken, verstand zwar auch Emin Alpers "Kurtuluş – Salvation", dass die Jury damit aber neben "Gelbe Briefe" noch einen zweiten Film mit türkischer Thematik mit dem Großen Preis der Jury auszeichnete überrascht doch. Hochverdient ist dagegen der Preis der Jury für Lance Hammers bewegendes Demenz-Drama "Queen at Sea" und auch die Schauspieler:innen-Preise für Sandra Hüller als Hauptdarstellerin in "Rose" und Anna Calder-Marshall und Tom Courtenay als beste Nebendarsteller:innen in "Queen at Sea" gehen in Ordnung, auch wenn das Duo doch eher Haupt- als Nebenrollen spielt.
Mut zu einer eigenwilligen Erzählweise wurde mit dem Preis für die beste Regie für Grant Gees "Everybody Digs Bill Evans" belohnt, auch wenn diesen Preis auch Markus Schleinzer für sein ungewöhnliches Historiendrama "Rose" oder Tizza Covi und Rainer Frimmel für "The Loneliest Man in Town" verdient hätten. Dass "Rose" "nur" mit dem Preis für Sandra Hüller ausgezeichnet wurde und Covi/Frimmel leer ausgingen, schmerzt.
Mehr als Geneviève Dulude-de Celles "Nina Roza", in dem ein vor Jahren nach Montreal emigrierter Ausstellungskurator in seine bulgarische Heimat reist, um die Echtheit der Gemälde eines achtjährigen Wunderkinds aufbricht und dabei mit seinen Wurzeln konfrontiert wird, hätte vielleicht doch Covi /Frimmels wunderbar warmherziger und humorvoller Spielfilm über den und mit dem Bluesmusiker Al Cook den Preis für das beste Drehbuch verdient.
Überraschend ist auch der Preis für eine herausragende künstlerische Leistung für "Yo (Love is a Rebellious Bird)" von Anna Fitch und Banker White. Zweifellos ein Liebesdienst und ebenso liebevoll wie einfallsreich gemacht ist dieser Dokumentarfilm über Fitchs fast 50 Jahre ältere Freundin Yo. Mit dokumentarischen Aufnahmen, Puppenanimationen, Familienfotos aus der Kindheit und nachinszenierten Schwarzweißaufnahmen zeichnet die Amerikanerin bruchstückhaft das Leben der 1924 im Tessin geborenen und später nach Kalifornien ausgewanderten Frau nach, doch in der Fülle gewinnt in den 78 Minuten kaum ein Aspekt wirklich Profil.
Bei den unabhängigen Juries ist vor allem der Preis der Ökumenischen Jury für Fernando Eimbckes "Moscas – Fliegen" zu erwähnen und der Preis der FIPRESCI-Jury für Mahamat Saleh-Harouns "Soumsoum, la nuit des astres". Während Eimbcke mit großem Stilwillen in starken Schwarzweißbildern und langen statischen Einstellungen mit sanftem Humor erzählt, wie eine verbitterte Frau mittleren Alters durch die Begegnung mit einem Jungen langsam auftaut, beeindruckt Saleh-Harouns Film vor allem durch großartige Wüstenbilder des Tschad. Die Geschichte um weibliche Solidarität und Aufbegehren gegen die Herrschaft der Männer wird dagegen sehr konventionell und auch schleppend erzählt.
Insgesamt beeindruckte der heurige Wettbewerb vor allem durch seine Vielfalt. Nicht nur klassisches Arthouse-Kino wurde geboten, sondern auch Genrekino mit dem australischen Western "Wolfram" und dem Horrorfilm "Nightborn", und mit Angela Schanelecs "Meine Frau weint" durfte selbstverständlich auch ein sperriger Kunstfilm nicht fehlen.
Dass dann mit "Yo (Love Is a Rebellious Bird)" ein Dokumentarfilm und mit "A New Dawn" ein Animé ins Bärenrennen aufgenommen wurde, legt aber auch den Verdacht nahe, dass hier bei der Auswahl mehr auf Vielfalt als auf Qualität geachtet wurde. Denn wie der Dokumentarfilm überzeugte auch der Animé nicht, da er durch zahlreiche Rückblenden und pausenlose Erklärungen der Zusammenhänge nie wirklich Erzählfluss oder Nähe zu den Figuren entwickelt.
So hat die Berlinale mit dieser soliden Ausgabe, der aber – zumindest im Wettbewerb – nicht nur die großen Regienamen, sondern vor allem die echten filmischen Glanzlichter fehlten, ein weiteres Mal gezeigt, dass das größte deutsche Filmfestival im Konzert der großen Filmfestivals von Cannes und Venedig nicht mehr mitspielen kann, sondern sich dahinter einordnen muss.
Auch dass das Festival mehr mit einer Gaza-Debatte als mit den Filmen mediale Präsenz erreichte, dürfte kaum positiv sein und von dem Traum, dass die künstlerische Leiterin Tricia Tuttle das große US-Kino an die Spree zurückholt, scheint man sich mit dieser Ausgabe entweder aus bewusster Entscheidung oder gezwungenermaßen verabschiedet zu haben.
Denn große US-Filme fehlten heuer fast völlig, auch wenn sich Vorpremieren beispielsweise von Josh Safdies "Marty Supreme", Maggie Gyllenhaals "The Bride – Es lebe die Braut!" oder Phil Lords und Chris Millers "Project Hail Mary" doch angeboten hätten. – Dass bereits fertig gestellte Filme großer Regisseure wie beispielsweise Pedro Almodóvars "Bitter Christmas" oder David Finchers "The Continuing Adventures of Cliff Booth" die Berlinale sowieso nicht bekommt, sondern die Produktionsfirmen diese für Cannes aufsparen, ist sowieso schon längst bekannt.
Die Liste aller Preisträger:innen finden Sie hier:
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Weitere Berichte von der 76. Berlinale:
Ilker Cataks "Gelbe Briefe" und Leyla Bouzids "À voix basse - In a Whisper"
Grant Gees "Everybody Digs Bill Evans" und Juan Pablo Sallatos "Hangar Rojo"
Hanna Bergholms "Nightborn" und Karim Ainouz´ "Rosebush Pruning"
Markus Schleinzers "Rose" und Emin Alpers "Kurtulus - Salvation"
Anthony Chens "We Are All Strangers" und Manon Coubias Forêt Ivre"
Lance Hammers "Queen at Sea" und Liz Sargents "Take Me Home"
Warwick Thorntons "Wolfram" und Angela Schanelecs "Meine Frau weint"


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