76. Berlinale: Aus der Zeit gefallene Männer
- Walter Gasperi

- vor 10 Minuten
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Tizza Covi und Rainer Frimmel sorgen mit ihrem Spielfilm "The Loneliest Man in Town" für einen Höhepunkt im Wettbewerb. Im Berlinale Special brilliert dagegen John Turturro in Noah Segans melancholischer Gaunerkomödie "The Only Living Pickpocket in New York" als alternder Taschendieb.
Porträts von Menschen, die am Rand der Gesellschaft stehen, sind die Spezialität von Tizza Covi und Rainer Frimmel. Nachdem sie in "Babooska" (2005), "La Pivellina" (2009) und "Mister Universo" (2016) in die Welt des Zirkus und der Schausteller eintauchten, widmeten sie sich in "Aufzeichnungen aus der Unterwelt" (2022) der Wiener Kriminellenszene der 1960er Jahre und in "Vera" (2022) der Tochter des Italo-Western-Stars Giuliano Gemma.
In "The Loneliest Man in Town" rücken sie nun mit Alois Koch alias Al Cook einen Bluesmusiker ins Zentrum, der ab den 1970er Jahren eine Berühmtheit zumindest in der Wiener Szene war. Wie gewohnt bei Covi / Frimmel fließt auch hier Dokumentarisches und Inszeniertes fließend ineinander, wenn sie um Koch, der sich selbst spielt, eine Geschichte entwickeln, bei der er aus dem Wohnblock, in dem er seit seiner Geburt lebt, ausziehen soll, weil eine Immobilienfirma das Gebäude gekauft hat und es abreißen will.
Um Druck auf Koch auszuüben, werden nicht nur Strom und Wasser abgeschaltet, sondern bald stellen sich auch zwei Vertreter der Firma ein, die den fast 80-Jährigen bedrängen, bis er sich bereit erklärt, die Wohnung aufzugeben. Der damit einsetzende Verkauf seiner Habseligkeiten bietet Covi / Frimmel die Gelegenheit, sich den Protagonisten mit der Sichtung eines 8-mm-Films ebenso wie einer Videocassette, aber auch mit seinen Schallplatten an sein Leben und seine Karriere erinnern zu lassen.
Gleichzeitig wird damit ebenso beiläufig an eine verschwundene analoge Welt erinnert wie mit Blicken auf den Abriss von anderen alten Wohnblocks oder auf ein geschlossenes Gasthaus an die Gentrifizierung und den Wandel des Stadtbilds. Schließlich wirft der von sanftem Humor durchzogene, wunderbar warmherzige und vom ebenso präsenten wie natürlichen Alois Koch getragene Film, dessen melancholische Stimmung von der Bluesmusik nochmals verstärkt wird, mit dem Ausverkauf der Erinnerungsstücke aber auch die Frage auf, was von einem Leben letztlich bleibt, wenn der Besitz schließlich weitgehend in einen Reise- und einen Gitarrenkoffer passt.
Nostalgisch eine vergangene Zeit beschwört aber auch Noah Segan in seinem Spielfilm "The Only Living Pickpocket in New York", der in der Sektion Berlinale Special gezeigt wird. Wie der Vorspannsong "New York, I Love You. But you're bringing me down" ist der ganze Film eine große Liebeserklärung an die Ostküstenmetropole und kontrastiert dabei, den in die Jahre gekommenen Taschendieb Harry, dessen Beute in Zeiten, in denen die Menschen kaum mehr Bargeld bei sich tragen, gering ist, mit dem Sohn eines Mafiabosses.
Harry hat nämlich, ohne zu wissen, was er da in Händen hat, diesem jungen Schnösel einen Datenstick gestohlen, auf dem ein beträchtlicher Geldbetrag gespeichert ist. Mit seinen Kontakten und Zugang zu Überwachungskameras identifiziert der Mafioso aber bald den Dieb und nimmt mit seinen Kumpels Harrys bettlägerige Frau als Geisel. Ihr Leben kann Harry nur retten, wenn er binnen weniger Stunden den Stick, den er inzwischen weitergegeben hat, zurückbringt. Die Suche führt Harry dabei durch die ganze Stadt, von Manhattan durch die Bronx bis Staten Island.
Ganz auf John Turturro ist der zweite Spielfilm des gebürtigen New Yorkers Segan zugeschnitten. Ein Vergnügen ist es diesem charmanten Gauner auf seinen Wegen durch den "Big Apple" zuzusehen. Mit der modernen Welt hat er wie sein von Steve Buscemi gespielter Hehler, der nur über einen uralten Computer verfügt, nichts zu tun, vertraut vielmehr auf seine Handarbeit und seinen Verstand.
Seiner Pfiffigkeit und Warmherzigkeit stehen die Gewaltbereitschaft der heutigen jungen Gangster gegenüber. Mit ihrem Auftreten wandelt sich die Gaunerkomödie, die auch melancholisch von Altern und Reue über Fehler erzählt, zum Thriller, der trotz zunehmender Bedrohung Leichtigkeit bewahrt, und auch im Scheitern noch einen Sieg bereithält.
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