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  • Walter Gasperi

Vera


Tizza Covi und Rainer Frimmel zeichnen in ihrem beim Filmfestival von Venedig mehrfach ausgezeichneten Film in gewohnt souveräner Mischung von Dokumentar- und Spielfilm ein eindrückliches Porträt der Tochter des einstigen Italo-Western-Stars Giuliano Gemma und decken auch soziale Gegensätze auf.


Kunstlos und einfach wirken die Filme des österreichisch-italienischen Regie-Duos Rainer Frimmel und Tizza Covi auf den ersten Blick und erinnern im Alltäglichen an Reality-TV – und doch trennen diese unauffällig kunstvollen Filme vor allem durch die Haltung der Filmemacher:innen Welten davon. Nie kommt hier nämlich auch nur ansatzweise das Gefühl auf, dass die Protagonist:innen ausgestellt oder vorgeführt werden, sondern durch den empathischen Blick und die Nähe der Kamera ist man stets auf Augenhöhe mit ihnen und taucht in ihre Welt ein.


Den Fokus legen die gebürtige Südtirolerin und der Wiener dabei immer wieder auf gesellschaftliche Randzonen. Hinter die Kulissen eines Wanderzirkus blickten sie in "Babooska" (2005). In "La Pivellina" (2009) stand ein am Stadtrand von Rom in einem Wohnwagen lebendes altes Paar von Schaustellern im Zentrum, das ein ausgesetztes zweijähriges Mädchen aufnimmt, und in "Mister Universo" (2016) begibt sich ein junger Löwendompteur auf der Suche nach einem einstigen Mister Universum auf eine Reise quer durch Italien.


Die Grenzen zwischen Dokumentar- und Spielfilm verschwimmen dabei immer wieder. Reale Figuren sind immer der Ausgangspunkt und erst langsam und unaufdringlich schleicht sich eine fiktive Erzählung in diese semidokumentarischen Filme ein. In der unaufgeregten Erzählweise, im Interesse für randständige Menschen sowie in der atmosphärisch dichten Verankerung im Milieu erinnern die Filme von Covi/Frimmel dabei an den italienischen Neorealismus.


Der Verzicht auf extradiegetische Filmmusik sowie der Dreh auf grobkörnigem analogem Super 16-Film verstärken den dokumentarischen Anstrich. Ungeschönt wird hier die Wirklichkeit eingefangen, gleichzeitig strahlen die Filme des Duos durch den zärtlichen Blick und die Empathie für die Underdogs immer große Wärme aus.


Den distanzierten statischen Totalen eines Ulrich Seidl steht so hier auch eine bewegliche Handkamera gegenüber, die den Figuren auf Schritt und Tritt folgt und Nähe erzeugt. Möglich wird diese Nähe durch lange Recherchen, eine persönliche Beziehung der Filmemacher:innen zu ihren Protagonist:innen und den Dreh mit einem kleinen Team. Denn Covi/Frimmel, die ihre Filme mit ihrer eigenen Produktionsfirma Vento Film produzieren, zeichnen nicht nur für Regie und Drehbuch (Covi) verantwortlich, sondern Rainer Frimmel führt auch die Kamera, während Tizza Covi den Schnitt besorgt.


Diese Nähe stellt sich in "Vera", bei dem Covi/Frimmel erstmals beim Vor- und Nachspann extradiegetische Filmmusik einsetzen, schon in den ersten Einstellungen ein, wenn das Duo Vera Gemma hautnah im Rücken folgt. In schwarz-glänzendem, ledernem Hosenanzug und mit unter Cowboyhut teilweise verstecktem langem blondiertem Haar geht die Tochter des 2013 bei einem Autounfall verstorbenen Italo-Western Stars Giuliano Gemma durch die nächtlichen Straßen Roms und nützt sogleich eine Gelegenheit, um für ein Foto zu posen.


Nach der Süurensuche zur Wiener Ganovenszene der 1960er Jahre in "Aufzeichnungen aus der Unterwelt" (2020) sind Covi/Frimmel nun wieder nach Italien zurückgekehrt, das Milieu freilich ist mit der reichen Tochter des Stars auf den ersten Blick ein anderes als in ihren bisherigen Filmen. Doch mag Vera Gemma auch in einer großen Wohnung in Trastevere wohnen, so hat sie doch unübersehbar mit dem Übervater zu kämpfen.


Während ihre Schwester Giuliana ein bodenständiges Leben zu führen scheint, haben sich Veras Träume von einer Schauspielkarriere nie erfüllt. Auch mit zahlreichen Schönheitsoperationen gelang ihr nicht der Durchbruch, puppenhaft wirken vielmehr Gesicht und Brüste. Interesse weckt die 52-Jährige zwar, wenn sie erwähnt, dass sie die Tochter von Giuliano Gemma sei, dennoch wird sie bei Castings immer wieder abgelehnt.


Wenn sie mit Asia Argento, der Tochter des Horrorfilm-Meisters Dario Argento, auf dem protestantischen Friedhof von Rom das Grab von Goethes Sohn besucht, das nicht seinen Namen August nennt, sondern ihn nur als Sohn Goethes bezeichnet, wird spürbar, wie sehr die beiden Frauen darunter leiden, stets über ihre Väter definiert und mit ihnen verglichen zu werden.


Die Fiktion schleicht sich spätestens in die dokumentarische Schilderung, wenn Veras Chauffeur, der von Covi/Frimmels Stammschauspieler Walter Saabel gespielt wird, bei einem Unfall den achtjährigen Vorstadtjungen Manuel verletzt. Indem die ziellose Vera Sorge für diesen Jungen entwickelt und, um ihrem Leben Sinn und eine Richtung zu geben, die Rolle einer Ersatzmutter übernimmt, taucht der Film auch in ein ganz anderes Milieu ein.


Dem hippen Trastevere steht das einfache Arbeiterviertel San Basilio gegenüber und dem Single-Leben Veras die Familie Manuels mit Vater und Großmutter, die in einer kleinen Wohnung ohne fließendes Wasser lebt. Nicht nur prekäre Lebensverhältnisse, in denen der als Mechaniker arbeitende, über den ganzen Körper tätowierte Vater auch mit krummen Touren das Familieneinkommen aufbessern will und seinen Sohn instrumentalisiert, werden dabei sichtbar, sondern auch Aggression und häusliche Gewalt.


Wie "Babooska", "La Pivellina" und "Mister Universo" auch Filme über die Welt des Wanderzirkus und der Schausteller:innen waren, so wird "Vera" aber über seine Protagonistin auch zu einem Film über das Kino. Denn einerseits gibt es immer wieder Erinnerungen an den Übervater, andererseits geht Vera Gemma selbst in der Filmwelt aus und ein und drittens versucht sie auch dem kleinen Manuel das Kino mit dem Besuch eines "Laurel und Hardy"-Films näher zu bringen.


Die Kunst von Covi/Frimmel ist dabei nichts besonders zu betonen, sondern sich auf eine unaufgeregte Beobachtung zu beschränken. Die Besetzung der Rollen mit Laienschauspieler:innen und das spürbar nahe Verhältnis zwischen dem Filmteam und den Akteuren sorgt einerseits für große Authentizität, andererseits für große Nähe. Nichts wirkt hier gestellt, sondern jede Einstellung atmet echtes Leben und in der Empathie für Vera und Manuels Familie, die mit stiller Verzweiflung ums kleine Glück kämpfen, durchzieht auch eine berührende humanistische Note diese unauffällig großartige filmische Perle.

Vera Österreich 2022 Regie: Tzza Covi, Rainer Frimmel mit: Vera Gemma, Daniel de Palma, Sebastian Dascalu, Annamaria Ciancamerla, Walter Saabel, Asia Argento Länge: 115 min.



Läuft derzeit in den österreichischen Kinos FKC Dornbirn im Cinema Dornbirn: 12.1., 19.30 Uhr


Trailer zu "Vera"

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