• Walter Gasperi

72. Berlinale: Eine Vorschau (10. - 20.2. 2022)


Morgen (10.2. 2022) startet die heurige Berlinale trotz Omikorn als Präsenzveranstaltung. Der Wettbewerb bietet mit 18 Filmen ein volles Programm und wartet mit neuen Filmen von Ulrich Seidl, Francois Ozon, Ursula Meier, Hong Sangsoo, Andreas Dresen, Claire Denis fast mit mehr großen Namen als üblich auf.


Der offizielle Teil der heurigen Berlinale wurde aufgrund der Pandemie auf sieben Tage (10.2. - 16.2.) verkürzt, die letzten vier Tage Publikumstage sein werden. Während der Filmmarkt aber als Online-Veranstaltung durchgeführt wird, blieb man beim Festivalprogramm bei der Präsenzveranstaltung.


Streng sind freilich die Sicherheitsmaßnahmen – und können sich auch permanent ändern. Hieß es zunächst, dass auch bei dreifacher Impfung für Journalist*innen ein täglicher Test nötig sei, so ersetzte bald die dritte Impfung diese Testpflicht, ehe doch wieder die Testpflicht eingeführt wurde. Reduziert wurden auch die Saalkapazitäten und online-Reservierung für alle Vorstellungen ist nötig, kann aber jeweils nur zwei Tage im Voraus getätigt werden. – Gespannt sein darf man so auch, wie groß oder klein angesichts der unsicheren Lage die Präsenz der internationalen Presse und von Stars sein wird.


Nichtsdestotrotz klingt das Programm des Wettbewerbs mit zahlreichen großen Namen vielversprechend. Eröffnet wird das Festival mit François Ozons "Peter von Kant", der eine freie Interpretation von Rainer Werner Fassbinders Film "Die bitteren Tränen der Petra von Kant" bietet.


Nach langem Warten erlebt in Berlin mit "Rimini" auch der neue Film von Ulrich Seidl, der bislang unter dem Arbeitstitel "Böse Spiele" firmierte, seine Uraufführung. Gespannt sein darf man auch auf "La Ligne" der Westschweizerin Ursula Meier, die vor inzwischen schon zehn Jahren mit "Sister – L´enfant d´en haut" für einen Höhepunkt im damaligen Wettbewerb der Berlinale sorgte.


Stammgäste beim größten Filmfestival Deutschlands sind der Koreaner Hong Sangsoo, der heuer "The Novelist´s Film" präsentiert, sowie der Kanadier Denis Côté, der "Un été comme ca" ins Bärenrennen schicken darf. Auch ein echter Altmeister fehlt mit dem 90-jährigen Paolo Taviani nicht, der nach dem Tod seines Bruders Vittorio allein "Leonara addio" drehte.


Weitere Schwergewichte im Wettbewerb sind die Französin Claire Denis ("High Life" ), die mit "Avec amour et acharnement" ("Both Sides of the Blade") eingeladen wurde, und der Kambodschaner Rithy Panh, der in seinem animierten Dokumentarfilm "Everything will be ok" der Frage nachgeht, wie sich die Erde entwickeln würde, wenn Tiere an der Macht wären. Gespannt sein darf man aber auch darauf, was dem Franzosen Mikhael Hers nach dem wunderbaren "Mein Leben mit Amanda" mit "Les passagers de la nuit" gelingt.


Stark präsent ist bei der Berlinale wie gewohnt das deutsche Kino. Andreas Dresen präsentiert mit "Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush" ebenso einen neuen Spielfilm wie Nicolette Krebitz, die zuletzt mit dem verstörenden "Wild" beeindruckte, mit "A E I O U - Das schnelle Alphabet der Liebe". Aber auch die Schweiz ist neben dem neuen Film von Ursula Meier mit Michael Kochs "Drii Winter" mit einem zweiten Titel im Wettbewerb vertreten.


Insgesamt zeichnet die Hauptsektion der Berlinale eine große geographische Spannbreite aus. Schwach vertreten sind allerdings die USA, aus der nur Phyllis Nagys "Call Jane" in den Wettbewerb eingeladen wurde. – Statt auf Mainstream liegt der Fokus ganz klar auf dem Autorenfilm und gut möglich ist auch, dass mit Rithy Panh, Claire Denis, Denis Côté und Ulrich Seidl ästhetisch avancierte Filme der Konkurrenz den Stempel aufdrücken.


Als Plattform für das innovative Kino hat Festivalleiter Carlo Chatrian aber vor allem die Sektion "Encounters" geschaffen. 15 Filme wurden dafür heuer ausgewählt. Stark präsent ist hier Österreich mit Gastón Solnickis "A Little Love Package", Ruth Beckermanns Dokumentarfilm "MUTZENBACHER" und Kurdwin Ayubs "Sonne". Aber auch ein Schweizer Beitrag fehlt in dieser Schiene mit Cyril Schäublins "Unrueh" betiteltem Nachfolgefilm zu "Dene wos guet geit" nicht.


Mit Bertrand Bonello", der nach "Zombi Child" seinen neuen Film mit dem Titel "Coma" zeigt, dem Briten Peter Strickland, der nach "In Fabric - Das blutrote Kleid " "Flux Gourmet" präsentiert, und Arnaud des Pallières, der nach "Michael Kohlhaas" mit "Journal d´Amerique" einen Dokumentarfilm gedreht hat, finden sich auch in dieser Schiene international renommierte Regisseure.


Im Berlinale Special kann man sich mit "Incroyable mais vrai" auf die Premiere eines neuen Films von Quentin Dupieux freuen, der nicht erst seit "Deerskin - Monsieur Killerstyle" und "Mandibules" als Meister des Absurden gilt. Mit "Occhiali neri" ("Dark Glasses") wurde unter den acht Produktionen aber auch ein neuer Film des Giallo-Altmeisters Dario Argento eingeladen.


In der Programmschiene "Berlinale Series" werden mehrere Folgen von sieben Serien vorgestellt. Besonders stark präsent ist hier Skandinavien, aber auch Argentinien, Tschechien und Großbritannien sind hier vertreten.


Dazu kommen das "Panorama" mit 19 Spiel- und zehn Dokumentarfilmen sowie das "Forum" mit 27 Filmen. Im Forum feiern mit "Für die Vielen – Die Arbeiterkammer Wien" auch der neue Dokumentarfilm des Österreichers Constantin Wulff sowie mit dem Dokumentarfilm "Jet Lag" eine schweizerisch-österreichische Koproduktion von Zheng Lu Xinyuan ihre Weltpremieren.


Gewohnt umfangreich sind auch die Sektionen Generation Kplus und 14plus, die auf den Kinder- und Jugendfilm fokussieren. Spannende Entdeckungen können alljährlich aber auch in der Perspektive Deutsches Kino gemacht werden, für die heuer sieben Filme von jungen Filmemacher*innen ausgewählt wurden.


Nicht fehlen darf bei der Berlinale auch die Retrospektive. Schon für letztes Jahre geplant war hier "No Angels – Mae West, Rosalind Russell & Carole Lombard". Da aber das Festival letztes Jahr nur online durchgeführt wurde, wird diese Retrospektive heuer nachgeholt.

Entfallen werden aber aus Sicherheitsgründen Empfänge und Partys. – Rein filmisch sollte aber einem aufregenden und vielfältigen Festival nichts im Wege stehen.

Weitere Informationen unter berlinale.de