• Walter Gasperi

Streaming: Neu bei Mubi und Filmingo im Juni


Neu bei Mubi: Redacted (Brian De Palma)

Wiederum ein Streifzug durch das vielfältige Juni-Angebot der Arthouse-Streaming-Plattformen Mubi und Filmingo im Mai.


Filmingo bietet - allerdings teilweise nur in der Schweiz und Liechtenstein - im Juni mit dem Dokumentarfilm "Aalto" (über den finnischen Architekten Alvar Alto"), dem Biopic "Volevo nascondermi", in dem Giorgio Diritti das Leben des Art brut-Künstlers Antonio Ligabue nachzeichnet, sowie dem Dokumentarfilm "Il mio corpo", in dem Michele Pennetta auf einem afrikanischen Flüchtling und einem randständigen sizilianischen Jungen fokussiert, drei Filme an, die gerade noch oder immer noch in den Kinos laufen. – Ob diese völlige Auflösung des Kinoauswertungsfensters über kurz oder lang nicht auch den Verleihern auf den Kopf fallen wird, wird sich zeigen.


Daneben findet sich mit Debra Graniks "Winter´s Bone" aber auch ein Meisterwerk des sozialrealistischen US-Kinos, mit dem Jennifer Lawrence auf Anhieb zum Star aufstieg, und mit Matteo Garrones "Gomorra" ein schonungsloses und hartes Meisterwerk des Mafiafilms.


Auch ein Klassiker des Schweizer Films fehlt mit Thomas Imhoofs "Das Boot ist voll" nicht, sowie mit Damien Manivels "Les enfants d´Isadora" ein sehr reduzierter, aber konzentrierter Tanzfilm. Leichtere Unterhaltung wird mit Martin Provosts Tragikomödie "Sage femme - Ein Kuss von Béatrice" geboten, in dem Catherine Frot als Hebamme und Catherine Deneuve als ehemalige Lebensgefährtin von deren verstorbenem Vater brillieren.


Mit Fritz Langs "M – Eine Stadt sucht einen Mörder" startet Mubi mit einem der großen Klassiker der Filmgeschichte in den Juni, dem später im Monat mit Slatan Dudows "Kuhle Wampe oder: Wem gehört die Welt?" ein zweiter zentraler Film der Weimarer Republik folgt.


Filmgeschichte wird aber auch mit einem Film von Satyajit Ray ("The Coward"), zwei Filmen von David Lynch ("Twin Peaks: Fire Walk with Me", "Inland Empire"), und Krzysztof Kieslowski ("Drei Farben: Blau"; "Drei Farben: Weiß") sowie einem Close-up auf den 2016 verstorbenen Iraner Abbas Kiarostami gepflegt. Mit "Wo ist das Haus meines Freundes", "Quer durch den Olivenhain" "Der Geschmack der Kirsche" und "Der Wind wird uns tragen" werden vier Filme des Meisterregisseurs präsentiert. Fortgesetzt wird mit "Tagebuch für meine Eltern" auch die Marta Mészáros-Reihe.


Mit "The Wicker Man" fehlt ein großer Klassiker des Horrorfilms so wenig wie mit "Die rote Wüste" ein Meisterwerk von Michelangelo Antonioni und dem Animationsfilm "Kiriku und die Männer und Frauen" ein Kinderfilm. Ein Schwerpunkt gilt auch dem amerikanischen Dokumentarfilmer Michael Moore, von dem mit "Sicko" und "Kapitalismus: Eine Liebesgeschichte" polemische Blicke auf das US-Gesundheitssystem und den Kapitalismus angeboten werden. Zu entdecken gibt es auch Brian De Palmas wenig bekannten Irakkriegs-Film "Redacted" oder eine großartige Maggie Gyllenhaal als problematische Grundschullehrerin in Sara Colangelos "The Kindergarten Teacher".


Als Wiederentdeckung gibt es den im neorealistischen Stil gehaltenen libanesischen Film ""Where to?", der 1957 als erster Film aus diesem Land nach Cannes eingeladen wurde. Im Zentrum steht eine Frau, die ihre Kinder in einem libanesischen Bergdorf allein aufziehen muss, nachdem der Ehemann plötzlich verschwunden ist.


Vielversprechend klingen aber auch die Premieren, die angeboten werden. Mit Pedro Costas "Vitalina Varela" findet sich hier der Locarno-Sieger von 2019 ebenso wie mit "Shiva Baby" eine Tragikomödie der Kanadierin Emma Seligman, die auf eine Familienzusammenkunft im Rahmen einer jüdischen Trauerwoche fokussiert. Théo Court arbeitet in seinem Debüt "White on White", für das der in Spanien geborene und teilweise in Chile aufgewachsene Regisseur in Venedig in der "Orizzonti"-Schiene als bester Regisseur geehrt wurde, einen Genozid auf, der um 1900 an der indigenen Bevölkerung der Selk´nam verübt wurde. Und nicht nur für Kunstfreunde interessant sein könnte auch Joanna Reposi Garibaldis Porträt des chilenischen Künstlers und Schriftstellers Pedro Lemebel (1952 – 2015) in ihrem dokumentarisch-essayistischen Film "Lemebel".