• Walter Gasperi

Volevo nascondermi


Abseits der Konventionen üblicher Biopics zeichnet Giorgio Diritti berührend das Leben des italienischen Künstlers Antonio Ligabue (1899 – 1965) nach, der lange von der Umwelt verachtet, schließlich zu einem der bedeutendsten italienischen Vertreter der Art brut wurde. Getragen wird der Film von einem überragenden Elio Germano, der bei der Berlinale 2020 als Bester Darsteller mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet wurde.


Den Kopf mit einem Sack bedeckt sitzt Antonio Ligabue (Elio Germano) in einem kahlen Arztzimmer. Einzig ein Foto Benito Mussolinis ermöglicht die Datierung dieser Auftaktszene auf die Zeit des Faschismus, denn Giorgio Diritti verzichtet konsequent auf Inserts zu Zeit und Ort. Ängstlich blickt sich Antonio durch seinen Sehschlitz um, möchte sich ganz dem Titel "Ich wollte mich verstecken" entsprechend quasi unsichtbar machen, bis ein Hustenanfall des Arztes Erinnerungen an seine schwere Kindheit auslöst.


Nicht chronologisch erzählt Diritti dabei, sondern reiht schlaglichtartig fragmentarische Szenen vom Mobbing des Jungen in der Schule, von einem grausamen Lehrer, der ihn in einen Sack steckte, weil er wegrannte, vom Heimaufenthalt und lieblosen Pflegeeltern aneinander. Nur der Dialekt ermöglicht dabei, diese Szenen geographisch der Ostschweiz zuzuordnen. Grundgelegt werden hier auch schon mit Aussagen des Lehrers und des Heimleiters die Pole des Films und von Ligabues Leben. Denn während der Lehrer den Jungen zum Fehler erklärt, der kein Recht h habe zu existieren, betont der Heimleiter, dass jedes Leben einen Sinn habe und man seine Erfüllung finden müsse.


Nur ein Zeitungsbericht informiert über den frühen Tod der Mutter, im Dunkeln lässt Diritti auch, wieso Antonio schließlich nach Italien abgeschoben wurde. Auch in der Poebene wird der zunächst des Italienischen nicht mächtige junge Mann zunächst ein Außenseiter. Von den Dorfbewohnern verlacht, lebt er in einer armseligen Hütte am Po, bis der Bildhauer und Maler Renato Marino Mazzacurati sich seiner annimmt, ihm Ölfarben gibt und ihn fördert.


Dass Ligabue, der in seinen von kräftigen Farben bestimmten Bildern vor allem Tiere malte, seinen Durchbruch mit einer Ausstellung in Rom erst 1961, also vier Jahre vor seinem Tod, schaffte, verschleiert der Film allerdings und erweckt vielmehr den Eindruck, dass er schon früher Erfolge feierte, mit denen er seinen Hobbys Motorrädern und Autos frönen und sich auch einen Chauffeur leisten konnte. Im Gegensatz zu klassischen Biopics geht es Diritti eben nicht darum chronologisch Ereignisse eines Lebens abzuhaken, sondern vielmehr ein vielschichtiges Bild dieses Malers zu zeichnen.


Wenig weist auch darauf hin, dass sich die Handlung über rund 40 Jahre spannt, ganz außen vor bleibt der Umbruch vom Faschismus zur Nachkriegszeit. Die Gründe für Ligabues Einlieferung in die psychiatrische Klinik bleiben ebenso im Dunkeln wie der Schlaganfall, an dem er schließlich im Armenhaus von Gualtieri stirbt.


Nicht die äußeren Ereignisse interessieren Diritti, sondern das Spannungsfeld von Ausgrenzung auf der einen Seite und Sehnsucht nach Anerkennung und Achtung bis hin zur Liebe zu einer Frau auf der anderen Seite. Großartig verkörpert Elio Germano diesen Künstler mit körperlicher und geistiger Behinderung, der in seiner Ausgrenzung und seiner Sehnsucht nach Liebe bis hin zur Erinnerung an die früh verstorbene Mutter auf dem Totenbett an David Lynchs "Der Elefantenmensch" erinnert. Germano zeichnet ihn einerseits als geschundene Kreatur, vermittelt andererseits aber auch seinen aufbrausenden Charakter, seine herablassende Haltung gegenüber seinem Chauffeur, seine Arroganz gegenüber seinem einstigen Förderer Mazzacurati.


Germano ist das Kraftzentrum von "Volevo Nascondermi" und hält diesen Film zusammen. Ganz auf ihm liegt der Fokus, gleichzeitig evozieren die Bilder von Kameramann Matteo Cocco eindringlich eine beklemmende Kindheit, die Erinnerungen an "Padre Padrone" der Tavianis weckt, während die atmosphärisch dichte Schilderung der ärmlichen bäuerlichen Welt der Poebene wiederum von Ermanno Olmis "Der Holzschuhbaum" inspiriert scheint. Ganz im Gegensatz zu den farbintensiven Bildern Ligabues sind die Filmbilder dabei vorwiegend in blasse Farben getaucht und verstärken mit dem kalten Licht und den karg ausgestatteten Räumen die bedrückende Atmosphäre. Allerdings können sowohl Germanos Spiel als auch die Bildkraft nach dem intensiven Beginn nicht über eine etwas einfallslose Regie hinwegtäuschen, die bei einer Länge von fast zwei Stunden das Aufkommen von gewissen Längen nicht ganz verhindern kann.


Läuft derzeit in den Schweizer Kinos - z.B. im Kinok St. Gallen und im Skino Schaan.


Trailer zu "Volevo nascondermi"