• Walter Gasperi

72. Locarno Film Festival: Dokumentarisch-fiktionale Grenzgänge

Aktualisiert: 17. Aug 2019


Wie die Grenzen zwischen Dokumentar- und Spielfilm derzeit im Kino zunehmend verschwimmen, zeigt sich im Wettbewerb des Locarno Film Festivals auch an „The Last Black Man in San Francisco“ und „Les enfants d´Isadora“.


Ein Hybrid an der Grenze zwischen Dokumentarfilm und Spielfilm war im Wettbewerb von Locarno schon Rúnar Rúnarsson „Bergmal – Echo“. In der visuellen Perfektion sind die 59 Einstellungen dieses Films eindeutig inszeniert, andererseits haben speziell die im öffentlichen Raum spielenden Weihnachtsszenen einen stark dokumentarischen Charakter.


Einen dokumentarischen Anstrich erhält Joe Talbots „The Last Black Man in San Francisco“ schon dadurch, dass Hauptdarsteller und Hauptfigur den gleichen Namen – Jimmie Fails – tragen. Zu weit gegriffen wäre es damit freilich den Film als autobiographisch zu bezeichnen, doch unzweifelhaft sind persönliche Erfahrungen des weißen Regisseurs und seines schwarzen Hauptdarstellers, die den Film auch gemeinsam entwickelten, eingeflossen.


Im Zentrum steht Jimmies Bemühen das Haus, das sein Großvater angeblich nach dem Zweiten Weltkrieg in San Francisco erbaut, dann aber wieder verloren hat, zusammen mit seinem Freund Mont zurückzugewinnen. Der Tod des Besitzers und vorübergehender Leerstand aufgrund eines Erbstreits bieten den beiden jungen Afroamerikaner die Gelegenheit das Haus heimlich zu beziehen und mit dem Mobiliar, das in einem Schuppen bei der Tante, die am Stadtrand wohnt, wieder einzurichten. Nur eine Frage der Zeit ist es freilich, bis ein Immobilienmakler auftritt, um das Haus zu verkaufen.


In lichtdurchfluteten und in warme Farben getauchten Bildern, unterlegt mit viel Pathos schürender Musik, erklärt Talbot aus spürbar genauer Kenntnis der Gegend San Francisco seine Liebe, zeigt aber auch, wie die Gentrifizierung zur Verdrängung der afroamerikanischen Bevölkerung an den Stadtrand, führt. Gleichzeitig ist das aber auch ein warmherziger Film über die Freundschaft zweier junger Afroamerikaner und Jimmies Coming-of-Age, der sich schließlich einer gern gepflegten Lebenslüge stellen und neu orientieren muss.


Im Gegensatz zu Talbot verzichtet Damien Manivel, der ursprünglich Tänzer war, bei „Les enfants d‘Isadora“ auf eine durchgängige Spielfilmhandlung, setzt sich vielmehr in drei Kapiteln mit Isadora Duncans Stück „La mère“, das Duncan nach dem Unfalltod ihrer beiden Kinder entwickelte, und über dieses Stück mit dem Ausdruckstanz an sich und Mutter-Kindbeziehungen im Allgemeinen auseinander.


Folgt das erste Kapitel einer von Agathe Bonitzer gespielten jungen Frau, die sich über Duncans Leben und Stück informiert, die Tanzpartitur studiert und Schritte probt, bereitet im zweiten Kapitel eine junge Frau mit Down-Syndrom, unterstützt von einer Lehrerin, eine Aufführung dieses Stückes vor.


Wie im ersten Abschnitt durch die Auseinandersetzung der Tänzerin mit Duncans Leben der Schmerz über den Verlust der Kinder viel Platz einnimmt, so kommt dieser auch wieder im dritten Abschnitt ins Spiel, der mit einem Schwenk über das Publikum der Tanzvorführung, die man nicht sieht, einsetzt: Lange folgt hier die Kamera einer alten Afrikanerin, die beim Gehen auf einen Stock angewiesen ist, auf ihrem Weg nach Hause, wo sie vor dem Foto eines Jungen eine Kerze anzündet und die zentralen Tanzbewegungen wiederholt.


Große Dichte entwickelt der Film, dessen Titel sich doppeldeutig auf die verstorbenen Kinder Isadora Duncans und ihre Nachfolgerinnen im Ausdruckstanz bezieht, durch die sehr konzentrierte und spartanische Inszenierung. Ganz auf das Stück und dessen Inszenierung beschränkt sich Manivel und vermittelt dabei die tiefen Gefühle, die in den Gesten, die jede Tänzerin für sich selbst neu finden und fühlen muss.


So wird sein Film einerseits zur großen Hommage an Isadora Duncan, bietet aber andererseits über das Thema des Tanzstückes und kurze Tanzbewegungen auch reduziert, aber bewegend eine Reflexion über die Intensität der Beziehung zwischen Mutter und Kind, über den Schmerz eines Verlustes und die Notwendigkeit des Loslassens.


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