• Walter Gasperi

72. Locarno Film Festival: Am Puls der Zeit

Aktualisiert: 17. Aug 2019


Mit Maya Da-Rins Spielfilm „A Febre“, der die Lage der Indigenen in Brasilien thematisiert, und dem Dokumentarfilm „During Revolution – Fi al-thawra“, in dem Maya Khourys den Zuschauer quasi mitten in den syrischen Bürgerkrieg versetzt, startete der Wettbewerb um den Goldenen Leoparden nicht nur mit zwei Filmen von Frauen, sondern auch mit zwei gesellschaftlich brennend aktuellen Produktionen. – Gelungen sind sie freilich nicht in gleichem Maße.


In langen und ruhigen Einstellungen folgt Maya Da-Rin in „A Febre“ dem 45-jährigen Indigenen Justino immer wieder von seiner Arbeit am Hafen von Manaus in seine Unterkunft in einem Armenviertel am Rand der im Amazonas-Dschungel gelegenen Stadt. Fast dokumentarisch wirkt der Beginn, echte Handlung setzt erst ein, als Justinos erwachsene Tochter mitteilt, dass sie die Zulassung für das Medizinstudium in Brasilia erhalten hat.


Langsam setzt nun bei Justino ein Fieber ein und gleichzeitig weckt ein Besuch seines Bruders und seiner Schwägerin, die noch im Dschungel im indigenen Dorf leben, die Erinnerung an seine Heimat und seine Wurzeln.


Mit seinem extrem langsamen Beginn macht Da-Rin dem Zuschauer den Einstieg zwar nicht gerade leicht, doch zunehmend gewinnt „A Febre“ an Dichte und findet zahlreiche treffende und auch magische Bilder, die die Befindlichkeit und die Entwurzelung Justinos nach außen kehren. Da steht dann nicht nur der nächtlichem Großstadt mit ihrem Hafen der nahe Dschungel mit den vielfältigen Tiergeräuschen – und damit auch Zivilisation und Natur – einander gegenüber, sondern auch den weißen Weltanschauungen die indigenen, dem Arzt der Schamane, dem Essen aus dem Supermarkt die einheimische Kost.


Prätentiös ist der musiklose Film in seiner forcierten Arbeit mit überlangen Einstellungen und in der inhaltlichen Überbetonung dieser Gegensätze ebenso wie im Riss in Justinos Haus, der natürlich wiederum auf seine innere Zerrissenheit verweist, aber die leise und doch eindringliche Parteinahme für die Indigenen, deren Diskriminierung auch am Verhalten eines Kollegen Justinos bewusst gemacht wird, sowie die starken Bilder nehmen doch nicht nur in Zeiten des rechtspopulistischen brasilianischen Präsidenten Jair Bolsonaro, der ein scharfes Vorgehen gegen Beschützer des Regenwalds und indigene Gruppen angekündigt hat, für diesen meditativen Spielfilm ein.


Mit Spannung erwartet wurde auch der Dokumentarfilm „During Revolution – Fi al-Thawra“, in dem Maya Khoury mit Handy-Aufnahmen einer unsichtbar bleibenden Kamerafrau den Zuschauer direkt in den syrischen Bürgerkrieg versetzt. Große Unmittelbarkeit erzeugen diese Bilder zweifellos, doch keine Struktur lässt der Film erkennen. Das betrifft nicht nur die zeitliche Verortung, bei der zunächst noch von 2010 und 2011 die Rede ist, dann aber keine Angaben mehr folgen, und die örtliche Verankerung, bei der bald von Homs, bald von Aleppo die Rede ist, sondern vor allem die inhaltliche Linie.


Beliebig folgen hier Szenen von Debatten über die Notwendigkeit eines geschlossenen Widerstands gegen das Regime Assads und über die Form der medialen Berichterstattung, Bilder von Demonstrationen auf den Straßen, einer Feier im privaten Raum und schließlich Straßenkämpfen und Luftangriffen aufeinander.


Als ob hier jemand unterschiedlichste Handyfilme gefunden und sie dann notdürftig zu einem 144-minütigen Film montiert hat, schaut „During Revolution“ aus. Alles bleibt hier Stückwerk. Kaum ist man in einer Szene drin, bricht diese auch schon wieder ab und der Film setzt wieder anderswo an. So erschütternd einzelne Szenen wie der Abtransport eines schwerverletzten oder toten Jungen, Bilder eines schwerverletzten Mannes in einem Krankenhaus oder Autofahrten durch zerbombte Straßenzüge sein mögen, nie fügen sich die Szenen zu einem schlüssigen Kaleidoskop der Situation in Syrien und neue Erkenntnisse über diesen grausamen Bürgerkrieg gewinnt man auch nicht.


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