• Walter Gasperi

The Kindergarten Teacher


Maggie Gyllenhaal brilliert als Kindergärtnerin, die immer mehr Besitz ergreift von einem dichterisch begabten Jungen. – Bei Koch Media ist diese kühle, aber schillernde Charakterstudie, die bis zum Ende ambivalent bleibt, auf DVD und Blu-ray erschienen.


Wenn die Kamera von Pepe Avila del Pino in einer langen Totalen die etwa 40-jährige Kindergärtnerin Lisa (Maggie Gyllenhaal) beim Aufräumen des Klassenzimmers zeigt, spürt man schon die Einsamkeit und Verlorenheit dieser Frau. Auch im Poesie-Kurs, den sie nach der Arbeit besucht, werden ihre Gedichte mehr belächelt als bewundert, dennoch ermuntert sie der Lehrer (Gael Garcia Bernal) natürlich sich weiter zu bemühen.


Zu Hause erkundigt sich ihr Mann zwar, wie ihr Tag war, aber Leidenschaft ist in der Beziehung nicht mehr zu spüren. Auch ihre beiden Kinder im Teenager-Alter, die zunehmend ihre eigenen Wege gehen, schenken Lisa kaum Beachtung. Eine Wende nimmt ihr Leben, als sie im Kindergarten zufällig hört, wie der fünfjährige Jimmy aus dem Stegreif heraus Verse formuliert. Unbedingt glaubt sie, das dichterische Talent des Jungen, das sie bald mit dem des jungen Mozart vergleicht, fördern zu müssen.


Sie regt nicht nur Jimmys Kindermädchen an zu Hause mitzuschreiben, wenn der Junge spielerisch Verse bildet, sondern fordert auch dessen Vater auf, seinen Sohn mehr zu fördern, beginnt aber auch bald die Gedichte des Jungen beim Poesie-Kurs als ihre eigenen auszugeben. Zunehmend obsessiver wird ihre Fixierung auf Jimmy, nimmt ihn mit auf Ausstellungen, die den Jungen überfordern, und überschreitet schließlich auch gesetzliche Grenzen.


Von Israel nach New York hat Sara Colangelo die Handlung bei ihrem Remake von Nadiv Lapids 2014 gedrehtem Spielfilm verlegt, und fokussiert ganz auf der von Maggie Gyllenhaal vielschichtig und ambivalent gespielten Protagonistin. In jeder Szene ist sie präsent, vermittelt eindrücklich, wie sich diese Lisa - wie sie selbst sagt - als Schatten fühlt und in der Förderung von Jimmy eine Aufgabe entdeckt.


Sie will dem Jungen die Bewunderung schenken, die ihr nicht zuteilwird, hofft damit gleichzeitig freilich auch, von ihm geliebt zu werden. Umso enttäuschter muss sie feststellen, dass Jimmy ihre Kollegin Meghan mehr schätzt als sie, doch ganz unberührt bleibt er dennoch nicht von ihrem Bemühen um Förderung seines dichterischen Talents.


Sehr genau und bis zum Ende ambivalent ist der Blick Colangelos auf diese ungewöhnliche Beziehung. In der Schwebe zwischen Mentorin und besitzergreifender Frau, die den Jungen manipuliert und instrumentalisiert, bleibt diese Lisa und Jimmy wiederum mag sich ihr schließlich entziehen, gleichzeitig aber auch bedauern, dass es nun niemanden mehr gibt, der seine Gedichte wirklich schätzt. Wie sie ihm die Bewunderung entgegenbrachte, die ihr immer versagt blieb, so scheint auch nun er unter dem Entzug dieser Bewunderung zu leiden.


Formal ist das unauffällig und zurückhaltend inszeniert, die Dominanz von Blautönen und auch die wiederholten isolierten metallenen Klavierklänge unterstreichen den kühlen Grundton. In der Konzentration auf die Protagonistin und ihre Beziehung zu diesem Jungen gelang Colangelo aber eine dichte Charakterstudie und wirft gleichzeitig Fragen nach dem Umgang mit und der Förderung von kindlichen Talenten und deren Grenzen auf.


An Sprachversionen bieten die bei Koch Media erschienene DVD und Blu-ray die englische Originalfassung, zu der deutsche Untertitel zugeschaltet werden können, sowie die deutsche Synchronfassung. Die Extras umfassen neben dem englischen und deutschen Trailer sowie einer Trailershow ein 55-minütiges nicht untertiteltes, englisches Interview des British Film Institute mit Maggie Gyllenhaal.


Trailer zu "The Kindergarten Teacher" (gibt gerafft schon fast die ganze Handlung wieder)