Kleine Dinge wie diese – Small Things Like These
- Walter Gasperi

- 12. Nov. 2025
- 3 Min. Lesezeit

Im Irland der 1980er Jahre wird ein Kohlenhändler Zeuge der Missstände in einem von katholischen Nonnen geführten Heim für ledige Mütter, einer sogenannten Magdalenen-Wäscherei. Soll er eingreifen oder wegschauen? – Bei Plaion Pictures ist Tim Mielants´ leises, aber dank konzentrierter Inszenierung und intensivem Spiel von Cillian Murphy dichtes und bewegendes Drama auf DVD und Blu-ray erschienen.
Von 1829 bis 1996 wurden in Irland rund 30.000 ledige Mütter in von katholischen Nonnen geführte Magdalenenheimen, deren Name auf die biblische Sünderin Maria Magdalena verweist, zur Besserung zwangsweise festgehalten. In den Heimen geborene Kinder wurden häufig zur Adoption freigegeben, die Frauen selbst wurden zu harter Arbeit gezwungen und schon bei kleinen Übertretungen extremen Züchtigungen unterworfen.
Während Peter Mullan in "The Magdalene Sisters – Die unbarmherzigen Schwestern" (2002) anhand des Schicksals von drei jungen Frauen eine erschütternde Innensicht des Alltags in diesen "Besserungsanstalten" bot, bestimmt Tim Mielants´ Verfilmung von Claire Keegans historischem Roman "Kleine Dinge wie diese" ein Blick von außen.
Im Mittelpunkt steht der schweigsame Kohlenhändler Bill Furlong (Cillian Murphy), der mit seiner Frau und fünf Töchtern in einer irischen Kleinstadt lebt. Seine Arbeit führt ihn auch in das dortige Magdalenenheim, wo er Zeuge der Zwangseinlieferung einer jungen Frau wird. Er wagt aber nicht einzugreifen, besuchen seine Töchter doch die von den Nonnen geführte Schule und auch auf das Leben der Stadt und seinen Kohlenhandel hat die Kirche großen Einfluss. Kein Zufall ist es so auch, dass der Film mit dem Läuten der Kirchenglocke beginnt und die folgenden Ansichten der Stadt die dominante Stellung der Kirche, die über den Arbeitersiedlungen thront, betonen.
Als Bill seiner Frau von seinem Erlebnis erzählt, rät auch sie ihm, nicht aktiv zu werden, doch in ihm wachsen nicht nur Zweifel, sondern zunehmend verfolgen ihn auch Erinnerungen an seine eigene Kindheit. Er selbst war nämlich auch das Kind einer ledigen Mutter, wurde in der Schule angefeindet und entkam der Freigabe zur Adoption nur, weil seine Mutter und er im Herrenhaus einer reichen Dame Aufnahme fanden.
Die physische Last der Kohlensäcke, die ihn niederdrücken, korrespondiert ebenso mit seiner psychischen Situation wie das abendliche Schrubben der schmutzigen Hände mit dem Versuch die Gedanken an die menschenunwürdigen Zustände im Heim abzuwaschen.
Leise und langsam entwickelt der Belgier Tim Mielants die Handlung. Mit dunklen Braun- und Grautönen evoziert Kameramann Frank van den Eeden eine dichte und bedrückende Atmosphäre und Blicke in enge Gänge und Gassen erzeugen immer wieder ein Gefühl der Beklemmung.
Ganz auf dem von Cillian Murphy gerade durch seine Zurückhaltung intensiv und bewegend gespielten Kohlenhändler fokussiert Mielants. Auf Schritt und Tritt folgt er ihm, macht nicht nur seine Zerrissenheit erfahrbar, sondern stellt auch seiner Güte, mit der er seine Angestellten besser als gesetzlich gefordert bezahlt, einen Jungen mit Kleingeld unterstützt und für seine Familie sorgt, die Unbarmherzigkeit der Nonnen gegenüber.
Kein Zufall ist es so auch, dass "Kleine Dinge wie diese" um Weihnachten spielt. Einerseits verstärkt nämlich das winterlich kalte Ambiente die bedrückende Atmosphäre, andererseits wird damit der Kontrast der Menschlichkeit, zu der sich der einfache Kohlenhändler schließlich durchringt, der Härte der Nonnen, die gleichwohl in der Kirche Barmherzigkeit predigen, in einen religiösen Kontext gestellt.
So klein dieser Film in der Konzentration auf Furlong und seine Familie sowie die Nonnen als Gegenpol ist, so universell ist er doch in seinem Plädoyer gegen das Wegschauen und für Zivilcourage. Eindrücklich zeigt Mielants dabei aber auch, wie schwer es ist, sich zu einem Eingreifen und menschlichen Handeln durchzuringen, wenn der Gegner übermächtig scheint, seine Finger überall im Spiel hat und versucht Bill einerseits mit einem Geldgeschenk zu bestechen, andererseits mit Hinweis auf den Schulbesuch der Töchter oder mögliche Kohlenbestellungen bei anderen Händlern unter Druck zu setzen.
An Sprachversionen bieten die bei Plaion Pictures erschienene Blu-ray und DVD die englische Original- und die deutsche Synchronfassung sowie deutsche Untertitel. Als Extras gibt es drei, rund sechsminütige, deutsch untertitelte Interviews mit Hauptdarsteller und Produzent Cillian Murphy sowie mit Regisseur Tim Mielants, Drehbuchautorin Enda Walsh und Murphy und schließlich mit den Schauspielerinnen Emily Watson und Eileen Walsh. Dazu kommen neben einer Trailershow zu weiteren bei Plaion Pictures erschienenen Filmen der originale Kinotrailer und ein deutsch untertitelter Mitschnitt der Berlinale-Pressekonferenz inklusive dem dortigen Fotoshooting.
Trailer zu "Kleine Dinge wie diese - Small Things Like These"




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