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Wenn die Kraniche ziehen

  • Autorenbild: Walter Gasperi
    Walter Gasperi
  • vor 9 Minuten
  • 3 Min. Lesezeit
"Wenn die Kraniche ziehen": Visuell immer noch überwältigendes und bewegendes Meisterwerk des sowjetischen Kinos
"Wenn die Kraniche ziehen": Visuell immer noch überwältigendes und bewegendes Meisterwerk des sowjetischen Kinos

Michail Kalatosow erzählt zwar eine klassische Liebesgeschichte, die durch den Zweiten Weltkrieg ein tragisches Ende findet, doch sein Melodram war im sowjetischen Kino der 1950er Jahre durch die Fokussierung auf Individuen und eine herausragende visuelle Gestaltung eine Sensation: Bei Filmjuwelen ist das immer noch beeindruckendes Meisterwerk in restaurierter Fassung mit vielfältigen Extras auf DVD und Blu-ray erschienen.


Sozialistischer Realismus, in dem das Kollektiv statt individueller Helden im Zentrum stand und Helden der Arbeit gefeiert wurden, bestimmten das sowjetische Kino unter Stalin. Nach dessen Tod im Jahr 1953 und der Abrechnung mit dessen Politik beim XX. Parteitag der KPdSU 1956 trat aber mit der Tauwetter-Periode auch im Kino eine – zumindest vorübergehende – Wende ein.


Frühes und wohl auch markantestes Beispiel für diesen Umschwung ist Michail Kalatosows 1957 in Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichnetes Melodram "Wenn die Kraniche ziehen". Schon die ersten Bilder eines jungen Liebespaars, das im Frühsommer 1941, während Kraniche über den Himmel ziehen, über eine Brücke läuft und auf den Straßen verspielt hüpft, nimmt die Poesie und die Leichtigkeit der Filme der französischen Nouvelle Vague vorweg.


In bestechenden Schwarzweißbildern und mit ungewöhnlichen Perspektiven beschwört Kameramann Sergei Urusevsky das Glück dieser frischen Liebe und lässt die Kamera im Treppenhaus atemberaubend kreisen, wenn Boris (Alexei Batalow) seiner Geliebten Weronika (Tatjana Samoilowa) die Stiegen hinauf folgt.


Statt Aufbau des Sozialismus steht hier das individuelle Glück im Zentrum, statt politischen Parolen die persönlichen Gefühle. Doch bald folgt die Meldung vom Überfall Hitler-Deutschlands auf die Sowjetunion und Boris meldet sich freiwillig an die Front. Dokumentarische Kraft hat die Szene, in der die bewegliche Kamera in langer Fahrt Weronika durch die Massen folgt, um sich von ihrem Geliebten noch zu verabschieden, dieser sie aber weder sieht noch hört.


Eindringlich vermitteln Kalatosow und Urusevsky in der Folge die zerstörerische Kraft des Krieges, wenn Weronika bei einem Luftangriff ihre Eltern verliert, sie später im Lazarett Verletzte pflegt und Boris in der einzigen Szene, die an der Front spielt, fällt. Virtuos gefilmt ist diese Todesszene, bei der Urusevsky vom Blick des Sterbenden in die Kronen von Birken überblendet auf Boris´ Traum von Heimkehr und Hochzeit, die er nie wird feiern können.


Weronika gibt in der Heimat zwar dem Drängen von Boris´ Cousin Mark, der in der deutschen Fassung seltsamerweise zu Boris´ Bruder wird´, schließlich nach und heiratet ihn, nachdem sie von ihm in einer Bombennacht vergewaltigt wurde, wird aber zunehmend von tiefen Schuldgefühlen geplagt. Verzweifelt hofft sie auf die Rückkehr des Geliebten, bis sie bei Kriegsende bei einer Siegesfeier die bittere Wahrheit erfährt.


Spiegelbildlich zum Aufbruch in den Krieg ist diese quasidokumentarische Schlussszene angelegt, in der den feiernden Massen die Trauer der Protagonistin gegenübersteht. Trotz ihres Schmerzes wird sie hier schließlich Erleichterung finden, wenn sie die für Boris gesammelten Blumen an Fremde verteilt und die Kraniche, die wieder wie am Beginn des Films über den Himmel ziehen, einen Neubeginn andeuten.


Mehr noch als durch das intensive Spiel von Tatjana Samoilowa packt und erschüttert dieses Melodram immer noch durch die expressive Kameraarbeit von Sergei Urusevsky. Mit gekippten Einstellungen, starken Untersichten und Aufsichten, vor allem aber mit den entfesselten Kamerabewegungen kehrt er die Emotionen der Protagonist:innen nach außen. Das Liebesglück wird hier ebenso spürbar, wie das verzweifelte Bemühen um Nähe beim Abschied oder die anfängliche Verlorenheit in der Masse bei der Siegesparade.


Da mag am Ende zwar der Wiederaufbau der Sowjetunion gefeiert und mit dem Faschismus abgerechnet werden, so bleibt die Politik insgesamt doch am Rande und im Zentrum steht die bewegende Liebesgeschichte und die erschütternde Schilderung der zerstörerischen Kraft des Kriegs, in dem auch die Liebe stirbt.


An Sprachversionen bieten die bei Film- und Fernsehjuwelen in restaurierter Fassung erschienene DVD und Blu-ray die russische Original- und die deutsche Synchronfassung sowie deutsche und englische Untertitel. Die Extras umfassen neben dem Kinotrailer, dem deutschen Vorspann und Trailern zu weiteren Filmen dieses Labels ein digitales Booklet von Rolf Giesen sowie ein kurzes, deutsch untertiteltes Featurette über die Entdeckung des Films 1957 durch den französischen Regisseur Claude Lelouch.


Dazu kommt ein Audiokommentar von Rolf Giesen, der vielfältige und detaillierte Informationen zum historischen Hintergrund, dem sowjetischen Film und den einzelnen Crewmitgliedern sowie dem Revolutionären an "Wenn die Kraniche ziehen" bietet, aber nur punktuell auf das im Film konkret zu Sehende eingeht. Eine präzise Analyse einzelner Szenen bietet dafür der britische Filmwissenschaftler Ian Christie in einem 18-minütigen, von Filmausschnitten unterstützten und deutsch untertitelten Interview. Dazu kommen – ebenfalls jeweils deutsch untertitelt - Interviews mit Regisseur Michail Kalatosow (11 Minuten) und der Hauptdarstellerin Tatjana Samoilowa (5 Minuten) sowie ein 19-minütiges Porträt des Kameramanns Sergei Urusevsky.


Trailer zu "Wenn die Kraniche ziehen"


 

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