• Walter Gasperi

The Card Counter


Ein von schweren Schuldgefühlen geplagter Spieler auf der Suche nach Vergebung. – Paul Schrader mischt souverän Spielerfilm, Charakterstudie und Kommentar zur US-Folter in Abu Ghraib zu einem ebenso konzentrierten wie beherrschten Drama, das man schon jetzt zu den großen Filmen des Jahres zählen kann.


Mit seinen Drehbüchern vor allem für Martin Scorseses "Taxi Driver" (1976) und "Raging Bull" (1980) wurde Paul Schrader in der zweiten Hälfte der 1970er Jahre bekannt. Aufsehen erregten auch seine ersten eigenen Regiearbeiten wie "Blue Collar" (1978) und vor allem "American Gigolo" ("Ein Mann für gewisse Stunden", 1980), der Richard Gere zum Star machte. Als brillanter Stilist erwies er sich mit dem Biopic "Mishima – A Life in Four Chapters" (1985), doch in den 1990er und 2000er Jahren folgten auch zahlreiche Enttäuschungen und mehrfach heftige Querelen mit den Produzenten um den finalen Schnitt. Erst 2017 gelang ihm mit dem beklemmenden Drama "First Reformed" (2017) ein großartiges Comeback.


Martin Scorsese konnte er nun für "The Card Counter" als Executive Producer gewinnen, doch in Wahrheit ging es vor allem darum mit diesem Namen die Finanzierung des Projekts zu erleichtern. Gelohnt hat sich dieser Einsatz, denn dem 76-jährigen Schrader ist mit seinem 21. Film ein großes und meisterhaftes Alterswerk gelungen.


Schlicht ist der Vorspann mit den Credits auf dem grünen Filz eines Spieltischs, doch die Musik von Ben Salisbury und Geoff Barrow erzeugt von der ersten Sekunde an Spannung und lässt gleichzeitig auch eine düstere Geschichte erwarten. Dieser Auftakt stimmt aber auch auf einen grandiosen Soundtrack ein, der immer wieder die Atmosphäre verdichtet, die Spannung steigert.


In die Handlung führt der Spieler William Tell (Oscar Isaac) als Ich-Erzähler mit seinem Voice-over ein. Er erzählt, dass er einst Soldat der US-Army war, dann während einer mehrjährigen Haftstrafe nicht nur zur Literatur fand, sondern vor allem lernte Karten zu zählen.


So ist er nun ein Meister im Black Jack, doch nie lässt er seine Gewinne zu groß werden, sondern reist quer durch die USA von Casino zu Casino. Meisterhaft verstehen es Schrader und Kameramann Alexander Dynan diese gesichtslosen, nur von künstlichem Licht erhellten Räume in Szene zu setzen, sie mit Leben und Atmosphäre aufzuladen.


Zentrum des Films ist dabei immer Tell. Ganz aus seiner Perspektive wird erzählt, in jeder Szene ist dieser Mann, der sich möglichst unsichtbar machen will, präsent. Wie er in den Casinos in der Anonymität untertaucht, so will er auch in den Motelzimmern keine Spuren hinterlassen und auf keinen Fall auffallen.


Sein wiederholtes Voice-over und die Niederschrift seiner Erinnerungen verstärken einerseits die Identifikation mit diesem rastlosen, immer perfekt gekleideten Spieler, gleichzeitig wahrt der Film auch immer eine Distanz zu ihm.


So unnahbar er zunächst ist, so bieten doch bald abrupt einbrechende Alpträume Einblick in seine Beteiligung an Folterungen in Abū Ghraib. Mit extremem Weitwinkel verzerrt und in schmutziges Braun getaucht sind diese Bilder aus tristen Kellerräumen, die schwankende Kamera erzeugt ein Gefühl der Instabilität. Kurz ist die Szene, vermittelt aber mit brutalen Schlägen und Tritten auf gefesselte Menschen, Heavy Metal-Musik und Einschüchterung mit aggressiven Hunden einen schockierenden und den ganzen Film überschattenden Eindruck von menschlicher Brutalität.


Ganz im Privaten mag die gegenwärtige Geschichte Tells spielen, der historische Background macht "The Card Counter" auch zu einem politischen Film, der mit dem US-Vorgehen in Guantanamo und im Irak abrechnet. In die Gegenwart wirkt diese Vergangenheit, wenn ein junger Mann (Tye Sheridan) Tell anspricht und sich als Sohn eines Folterkollegen ausgibt, der sich nach der Haftentlassung erschossen hat.

Nun will sich der junge Mann an einem der Vorgesetzten des Vaters rächen. Obwohl dieser – eine weitere Glanzrolle für Willem Dafoe - die Folterer ausbildete, wurde er nämlich nie zur Rechenschaft gezogen und führt nun ein komfortables Leben als privater Sicherheitsberater. Tell aber entdeckt nun endlich eine Lebensaufgabe darin, diesen jungen Mann von seinem Vorhaben abzubringen, ihn zurück zu seiner Mutter zu führen und hofft dadurch auch selbst Vergebung für seine Schuld zu erlangen.


Ebenso kühl wie cool ist das inszeniert, in jeder Szene perfekt ausgestattet und farblich genau abgestimmt, aber nie selbstzweckhaft. Ruhig, aber extrem konzentriert entwickelt Schrader die Handlung und kann dabei auf einen ebenso beherrscht wie intensiv spielenden Oscar Isaac vertrauen, der immer unter der Oberfläche von Tell die schweren Traumata durchschimmern lässt.


Ein klassischer Schrader-Stoff ist dies mit dem einsamen Mann, mit Fragen von Schuld und Sühne. Wie Martin Scorseses "Taxi Driver" oder sein eigener Film "Light Sleeper" spielt auch "The Card Counter" vorwiegend bei Nacht. Wie in "Taxi Driver" Robert de Niro die junge Jodie Foster vor der Prostitution retten will, so will hier Oscar Isaac Tye Sheridans Leben in eine neue Bahn lenken.


Doch so einfach geht das mit Vergebung und Erlösung eben nicht. Kein Entkommen scheint es für Tell, der angesichts des Finales sein Pseudonym nicht zufällig vom Schweizer Nationalhelden übernahm, letztlich aus diesem Gefängnis von Schuld zu geben. Und dennoch steht am Ende ein Moment, mit dem Schrader unübersehbar sowohl "American Gigolo" als auch "Light Sleeper" zitiert, bei denen er selbst schon das Ende von Robert Bressons "Pickpocket" zitierte (Szenenvergleich finden Sie hier): So darf man trotz aller Verstrickung von Schuld am Ende doch auch auf ein hoffnungsloses Bild der Gnade und der inneren Erlösung hoffen.

The Card Counter Großbritannien / Kanada / USA 2021 Regie: Paul Schrader mit: Oscar Isaac, Willem Dafoe, Tye Sheridan, Tiffany Haddisch, Willem Dafoe Länge: 112 min.


TaSKino Feldkirch im Kino Rio: 15.3., 20.30 Uhr + 17.3., 18 Uhr (OmU); 18.3., 19 Uhr + 24.3., 20 Uhr (Deutsche Fassung)

Spielboden Dornbirn: 25.3. + 9.4. - jeweils 19.30 Uhr


Trailer zu "The Card Counter"