• Walter Gasperi

Streaming: Mishima – Ein Leben in vier Kapiteln


Vom letzten Lebenstag von Yukio Mishima aus blickt Paul Schrader in vier Kapiteln auf das Leben des umstrittenen japanischen Schriftstellers zurück und zeichnet ein vielschichtiges Porträt dieser ambivalenten Persönlichkeit. Bei filmingo.ch wird der 1985 entstandene, visuell brillante Film in der Schweiz zum Streaming angeboten, bei Rapid Eye Movies in Deutschland.


Der am 14. Januar 1925 geborene und am 25. November 1970 verstorbene Yukio Mishima gilt mit seinen Romanen, Drehbüchern, Erzählungen und Gedichten als einer der bedeutendsten Autoren des 20. Jahrhunderts, gleichzeitig macht ihn seine nationalistische Gesinnung bis hin zu seinem spektakulären Tod aber auch zu einer höchst problematischen Persönlichkeit.


Schon vor Paul Schrader hatten sich Bob Rafelson, Elia Kazan, Roman Polanski, Nagisa Oshima und Akira Kurosawa um die Erlaubnis für eine Dramatisierung von Mishimas Biographie bemüht. Aber erst Schrader, der Francis Ford Coppola und George Lucas als Executive Producers gewinnen konnte, gelang es Mishimas Witwe und den Verwalter des literarischen Nachlasses zu bewegen, die Zustimmung zu dem Film zu geben.


Ausgehend von den Ereignissen an Mishimas (Ken Ogata) Todestag, an dem er mit vier Soldaten seiner Privatarmee in Uniform zum Hauptquartier der japanischen Armee aufbricht, einen General festsetzt und mit einer Rede an die Armee einen Putsch initiieren will, blickt der Amerikaner, der schon in den 1970er Jahren mit dem Drehbuch zu Sydney Pollacks "Yakuza" ein Faible für Japan an den Tag legte, auf Mishimas Leben und Werk zurück.


Mit dieser Rahmenhandlung folgt Schrader zwar der klassischen Strategie von Biopics, ein Leben vom Ende her aufzurollen, bricht aber bei den Rückblenden mit filmischen Konventionen. Sein formaler Zugang soll dabei wohl mit dem avantgardistischen Stil von Mishimas literarischem Schaffen korrespondieren.


Dem realistischen und nüchternen Stil dieses von blassen Farben dominierten Rahmens stehen nämlich in surreale Kulissen und grelle Farben getauchte stilisierte Nachinszenierungen einzelner Passagen aus seinen Romanen "Der Tempelbrand", "Kyōkos Haus" und "Unter dem Sturmgott" gegenüber. Wie in diesen Szenen Mishimas Streben nach Schönheit, sein narzisstischer Körperkult und sein Sadomasochismus, der auch in seiner Faszination für ein Gemälde vom Martyrium des Hl. Sebastian zum Ausdruck kommt, sowie seine nationalistische Haltung sichtbar werden, so wird auf einer dritten Ebene Einblick in sein Leben geboten. In brillanten Schwarzweißbildern, bei denen sich Schrader nach eigener Aussage am klassischen japanischen Kino der 1930er bis 1950er Jahre orientierte, fokussiert der Film dabei vor allem auf der Kindheit und Jugend Mishimas, der als schwächliches Kind von einer dominanten Großmutter aufgezogen wurde.


Perfekt unterstützt werden Erzählweise und visuelle Brillanz (Kamera: John Bailey) dabei durch die Kulissen der Designerin Eiko Ishioka und die Musik von Philip Glass, die beide hier erstmals für einen Spielfilm arbeiteten.


Die stilistische Vielfalt dieses Biopics, für das Schrader auch zusammen mit seinem Bruder Leonard und dessen japanischer Frau Chieko das Drehbuch schrieb, korrespondiert wiederum mit der Ambivalenz des Protagonisten, die in den Kapiteln "Schönheit", "Kunst", "Handlungen" und "Harmonie von Feder und Schwert" entfaltet wird. Zentral ist dabei Mishimas Streben den Widerspruch zwischen schriftstellerischer Tätigkeit und Handlungen zu überwinden, aber auch seine frühe Todessehnsucht, sein Streben nach Stärke und Männlichkeit, das von seiner realen Schwäche und Minderwertigkeitsgefühlen kontrastiert wird. Politischen Ausdruck wiederum finden seine Gedanken in einer Ablehnung des modernen Japan, seiner Konzerne und Banken und dem Wunsch mit seiner Privatarmee den Tenno wieder einzusetzen.


Schrader wertet nicht und bezieht keine Position, sondern beschränkt sich darauf in seiner streng stilisierten Inszenierung, die einzig in der am 25. November 1970 spielenden Rahmenhandlung chronologisch arbeitet, kühl ein Charakterporträt herauszuarbeiten. Über die individuelle Lebensbeschreibung hinaus wird dieser schillernde und faszinierende Film dabei zu einer grundsätzlichen Reflexion über den Zusammenhang von Handlung und Kunst und über die Wertigkeiten dieser Bereiche.


Trailer zu "Mishima - A Life in Four Chapters"