• Walter Gasperi

Peter von Kant


In Francois Ozons freier Interpretation von Rainer Werner Fassbinders Film "Die bitteren Tränen der Petra von Kant" brilliert Denis Ménochet als Filmregisseur, der zwischen Sehnsucht nach Liebe und cholerischen Ausbrüchen pendelt.


Eines der großen Vorbilder von Francois Ozon ist Rainer Werner Fassbinder. Schon 2000 verfilmte der Franzose mit "Tropfen auf heiße Steine" (2000) ein frühes Theaterstück (1964) des 1982 im Alter von 37 Jahren verstorbenen deutschen Enfant terribles.


Nicht nur als sehr produktiv, sondern auch als ausgesprochen wandlungsfähig hat sich Ozon in den letzten zwei Jahrzehnten erwiesen. Immer wieder geht es in seinen Filmen zwar um Gender-Fragen und queere Themen ("Une nouvelle amie" (2014); "Été 85", 2020), aber mit "Frantz" (2016) hat er auch eine betörend schöne schwarzweiße Liebestragödie, mit "Grâce à Dieu" (2020) ein Drama über die Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche Frankreichs und zuletzt mit "Tout s’est bien passé" (2021) ein überraschend leichtes Sterbehilfedrama gedreht.


Für "Peter von Kant" kehrte der 55-Jährige nun zu seinen Wurzeln zurück und hat Rainer Werner Fassbinders 1971 uraufgeführtes und ein Jahr später verfilmtes Theaterstück "Die bitteren Tränen der Petra von Kant" überarbeitet. Ziemlich genau hält er sich inhaltlich ans Original, hat aber aus den drei Frauen Fassbinders drei Männer und damit aus der lesbischen eine schwule Dreiecksbeziehung gemacht.


An die Stelle der Mode-Designerin tritt so bei Ozon der Filmregisseur Peter von Kant (Denis Ménochet). Dieser erinnert durch Aussehen und Gesten an den Fassbinder der frühen 1980er Jahre, während das Insert "Köln 1972" den Film zeitlich in den frühen 1970er Jahren oder eben im Jahr von Fassbinders originalem Film verankert.


Auf einen Blick in einen Innenhof folgt der Schnitt in von Kants dahinter liegender Wohnung. Erst ganz am Ende wird dieses Kammerspiel diesen geschlossenen Raum wieder verlassen. In jeder Szene ist so von Kant präsent und Denis Ménochet spielt ihn mit großer physischer Präsenz.


Seine Macht demonstriert von Kant gegenüber seinem Diener und Assistenten Karl (Stéfan Crépon), der unübersehbar seinen Arbeitgeber liebt und ihn begehrt, von diesem aber nur herumkommandiert und schikaniert wird. Als die Schauspielerin Sidonie (Isabelle Adjani), deren Karriere von Kant entscheidend gefördert hat, zu Besuch kommt, entwickelt sich nicht nur ein Gespräch über eine gescheiterte Beziehung von Kants, sondern sie macht den Regisseur auch mit ihrem jungen arabischen Freund Amir (Khalil Gharbia) bekannt.


Auf den ersten Blick ist damit von Kants Begehren geweckt. Er macht Probeaufnahmen von Amir, bei denen ihm dieser auch viel über sein Privatleben erzählt, und gibt ihm auch eine Filmrolle. Damit erhebt er aber auch einen Besitzanspruch und will seinen Schützling und Liebhaber in Abhängigkeit halten.


Doch an diesem Machtanspruch von Kants zerbricht die Beziehung, denn Amir fordert seinen Freiraum und verlässt von Kant. Überlebensgroße Fotos von Amir, die ans Martyrium des Hl. Sebastian erinnern, signalisieren, dass von Kant immer noch auf eine Rückkehr seines Liebhabers hofft. Sehnsüchtig wartet er an seinem Geburtstag auf ein Zeichen Amirs, doch nur von Kants 14-jährige Tochter und seine Mutter (Hanna Schygulla) stellen sich als Gratulantinnen ein.


Zum Selbstmitleid im persönlichen Bereich kommen auch Zweifel über die künstlerische Zukunft. Abrupt brechen immer wieder heftigste Emotionen aus ihm heraus und in einem cholerischen Anfall zerstört er seine Wohnung. Einsicht und Läuterung gewährt Ozon von Kant zwar im Finale, doch damit scheint er das verlorene Glück nicht mehr zurückgewinnen zu können.


Konzentriert auf eine Wohnung entwickelt Ozon weniger ein Spiel um Macht und Abhängigkeit als vielmehr eine Hommage an sein Vorbild Rainer Werner Fassbinder. Mit Verweisen auf Fassbinders Werk wie der Besetzung der Mutter von Kants mit der Fassbinder-Muse Hanna Schygulla, Zitaten und Versatzstücken wie der engen Mutterbindung zeichnet Ozon dabei das Bild eines Zerrissenen. Aber auch in der Künstlichkeit und der Stilisierung der Inszenierung orientiert sich "Peter von Kant" an den Filmen Fassbinders.


Mit Kleidern, Frisuren und Requisiten bis hin zu einer Schreibmaschine evoziert Ozon dicht die Stimmung der Zeit, überzieht dabei aber immer auch – wie in seinen früheren Filmen "8 femmes" (2010) oder "Potiche – Das Schmuckstück" (2010) - ins Künstliche und Kitschige. In der ausgefeilten Farb- und Lichtdramaturgie, bei der Rot dominiert, Nachtszenen aber auch in kaltes Blau getaucht sind oder unübersehbar Kunstschnee fällt, erweist Ozon aber nicht nur Fassbinder, sondern auch den Melodramen des vom deutschen Meisterregisseur ebenso wie von Ozon geschätzten Douglas Sirk seine Reverenz.


Aber auch mit dem forcierten Spiel mit Spiegeln, die auch die Zerrissenheit von Kants vermitteln, orientiert sich Ozon unübersehbar an den Filmen nicht nur Fassbinders, sondern eben auch Sirks. Gleichzeitig wird das Theaterhafte durch die Gliederung des Kammerspiels in Akte durch Schwarzblenden betont.


Auch auf der musikalischen Ebene stellt sich "Peter von Kant" mit Schlagern und Chansons in die Tradition Fassbinders. Während zu diesem Porträt eines mal weinerlichen und sich selbst bemitleidenden, mal cholerischen Filmemachers auch der Titel von Fassbinders Fernsehfilm "Ich will doch nur, dass ihr mich liebt" (1976) passen würde, weckt das Lied "Jeder tötet, was er liebt", das Isabelle Adjani schon am Beginn singt, Assoziationen an Fassbinders letzten Film "Querelle". Andererseits trifft dieses Lied aber auch das Zentrum von "Peter von Kant", vertreibt von Kant mit seinem Verhalten doch alle Leute, die ihn lieben.


Nicht Realismus darf man hier erwarten, sondern muss sich auf diese forcierte Künstlichkeit einlassen. Ist man dazu bereit, wird man durch die Engführung der Handlung, die Konzentration auf die Wohnung und die starken schauspielerischen Leistungen ein dichtes Kammerspiel über das Begehren und die Sehnsucht nach Liebe, aber auch eine ebenso verspielte wie schillernde Hommage an RWF erleben.



Peter von Kant Frankreich / Belgien 2022 Regie: François Ozon mit: Denis Ménochet, Isabelle Adjani, Khalil Ben Gharbia, Hanna Schygulla, Stefan Crepon, Aminthe Audiard Länge: 85 min.



Läuft in den Kinos (Österreich, Deutschland, Schweiz) , z.B. im Kinok St. Gallen


Trailer zu "Peter von Kant"