• Walter Gasperi

Grâce à dieu - Gelobt sei Gott


(c) Filmcoopi Zürich

Ein Familienvater klagt die Kirche, wegen eines Jahrzehnte zurückliegenden Missbrauchs an, doch der Kardinal reagiert nicht. Langsam zieht der Fall aber Kreise. – Sachlich und nüchtern, aber aufrüttelnd zeichnet François Ozon in seinem Spielfilm nach, wie schwierig es für Missbrauchsopfer von Priestern ist, sich Gehör zu verschaffen und wie schmerzlich diese Aufarbeitung ist.


Mit jedem Film scheint sich François Ozon neu zu erfinden. Gerne spielt er mit der Filmgeschichte, dreht bald Komödien wie „Potiche“, dann wieder Thriller wie „L´amant double“ oder einen kurz nach dem Ersten Weltkrieg spielenden Liebesfilm wie „Frantz“. Wiederkehrendes Thema ist dabei die Täuschung und das Spiel mit unsicheren Identitäten oder Rollenwechseln.


So sachlich, fast dokumentarisch wie „Grâce à dieu – Gelobt sei Gott“, der bei der heurigen Berlinale mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet wurde, war aber noch kein Film des 52-jährigen Franzosen und in keinem thematisierte er bislang so direkt aktuelle Ereignisse. Ein Bindeglied zu seinem bisherigen Werk kann man freilich darin sehen, dass es auch hier mit einem beliebten Priester, hinter dem sich ein Pädophiler versteckt, um eine doppelte Identität geht.


Mit wenigen Zeitinserts datiert Ozon die Handlung auf die Zeit zwischen Juni 2014 und Weihnachten 2016 und macht allein schon mit der Spanne deutlich, wie langwierig der Kampf von Missbrauchsopfern eines katholischen Priesters um Gerechtigkeit ist.


Als fiktiv gibt sich dabei der Film, behauptet aber gleichzeitig, dass er auf wahren Begebenheiten beruhe. Mit ihren echten Namen werden so der pädophile Priester Bernard Preynat und der Kardinal von Lyon Barbarin genannt, die auch auf gerichtlichem Weg versuchten, eine Aufführung des Films zu verhindern, geändert hat Ozon dagegen die Namen der Opfer.


Im Mittelpunkt steht zunächst der 40-jährige Bankangestellte Alexandre (Melvil Poupaud), der mit Frau und Kindern praktizierender Katholik ist, obwohl er vor annähernd 30 Jahren von Preynat (Bernard Verley) missbraucht wurde. Als er aber erfährt, dass Preynat wieder in seiner Gegend als Seelsorger tätig ist und sich auch um Kinder kümmert, wendet er sich mittels e-mail an Kardinal Barbarin (François Marthouret).


Minutiös schildert Ozon mit zahlreichen e-mails diesen Kontakt mit der Kirche, der zu einem Treffen mit einer Kirchenpsychologin und auch Preynat führt. Immer verständnisvoll gibt sich dabei Kardinal Barbarin, doch seine Aussagen bleiben nette Lippenbekenntnisse, mit denen er Alexandre hinzuhalten versucht. An eine Entlassung des Priesters, den Barbarin schon lange kennt, scheint er nicht zu denken. Der Aussage von Papst Franziskus, der erklärt, dass es keine Toleranz mit pädophilen Priestern geben könne, steht hier das konkrete Handeln gegenüber.


Weil nichts geschieht, beschließt Alexandre rechtlich gegen den Priester vorzugehen, muss dazu aber andere Fälle finden, da sein Fall verjährt ist. So zieht der Film Kreise, gibt das Staffelholz quasi an François (Denis Ménochet) und dann an Emmanuel (Swann Arlaud) weiter, die zunächst nicht aussagen wollen, dann sich aber doch der Vergangenheit stellen und auch den Verein "La Parole Libérée" („Das gebrochene Schweigen“) gründen, der die Missbrauchsfälle auch medial publik machen wird.


Aufrüttelnd prangert Ozon nicht nur das Vertuschen und Verschweigen der Missbrauchsfälle an, die der Kirche schon lange bekannt waren, sondern schildert auch bewegend die Folgen dieser Verbrechen an Kindern. Kurz bleiben die Rückblenden in die Kindheit, bei denen der Missbrauch ausgespart wird, doch man spürt, wenn diese 30- bis 40-jährigen Männer in Tränen ausbrechen, mit welchen lebenslangen Folgen speziell Emmanuel zu kämpfen hat.


Ins Spiel bringt Ozon aber auch die Eltern, die vielfach damals lieber wegschauten als aktiv zu werden und auch heute teilweise wenig Verständnis und Einfühlungsvermögen zeigen, sondern ihre erwachsenen Kinder auffordern, doch nicht den alten Dreck aufzuwühlen.


Durch die Figur des gläubigen Katholiken Alexandre wird der Film freilich zu keiner globalen Abrechnung mit der katholischen Kirche, sondern mit ihren Missständen und den Amtsträgern, die diese Kinderschänder decken. Auch am Schluss stellt sich Alexandre gegen einen Kirchenaustritt und glaubt daran die Kirche von innen heraus verändern zu müssen. Keine Antwort gibt er allerdings am Ende auf die Frage seines Sohnes „Glaubst du immer noch an Gott?“, es bleibt nur der Blick Alexandres, den jeder Zuschauer selbst interpretieren muss.


Die ganze Uneinsichtigkeit und das Fehlen jeglichen Einfühlungsvermögen auf Seiten des Kardinals kommt auf der anderen Seite zum Ausdruck, wenn er bei einer Pressekonferenz erklärt „Gott sei Dank (Grâce à dieu) sind diese Missbrauchsfälle verjährt“.


Beeindruckend ist die Übersicht, mit der Ozon dieses aufwühlende Drama inszeniert hat, wie er mit dem Engagement Alexandres beginnt, ganz bei seiner katholischen Familie bleibt, dann die Kreise und das Figurenensemble weitet, Alexandre fast ganz aus den Augen verliert und am Ende doch wieder zu ihm zurückkehrt. Wie Alexandre treten dabei zunehmend auch die Vertreter der Kirche, die zunächst viel Raum einnehmen, in den Hintergrund, und das zivile Engagement der Opfer mit der Gründung des Vereins gewinnt an Gewicht.


Unaufgeregt und mit großem Ernst ist das erzählt. Kein Beiwerk gibt es hier, praktisch nichts erfährt man über Arbeit und Alltag der Protagonisten, ganz auf das Thema konzentriert sich Ozon. Gerade dadurch, aber auch durch die ebenso unaufdringlich wie überzeugend agierenden Schauspieler, entwickelt dieses Drama eine Dichte und emotionale Kraft, die den Film lange nachwirken lassen.


Läuft ab Donnerstag, 3.10. in den Schweizer Kinos (Kinok St. Gallen, SKino Schaan); ab 17. Oktober in den österreichischen Kinos (Cinema Dornbirn)


Trailer zu "Grâce à dieu - Gelobt sei Gott"