• Walter Gasperi

Été 85 - Sommer 85


François Ozon verknüpft Glück und Leid einer ersten großen Liebe in den 1980er Jahre mit einem kriminalistischen Subplot. – Ein leidenschaftlicher Sommerfilm, in dem aber auch die dunklen Töne nicht fehlen.


Schon am Beginn seiner Karriere wollte François Ozons Aidan Chambers 1982 erschienenen Jugendroman "Tanz auf meinem Grab" verfilmen. Schon damals verfasste er ein Drehbuch, doch bis zur Umsetzung sollte es 35 Jahre dauern. Nach dem sachlichen "Gelobt sei Gott" (2018) vollzieht der 1967 geborene Franzose mit seinem 19. Spielfilm dabei wieder einen Schwenk in seinem Schaffen, legt einen leidenschaftlichen Liebesfilm vor, in dem er aber wiederum viele aus seinen anderen Filmen bekannte Motive einbaut.


So findet sich Ozons zentrales Thema der Identität und Identitätssuche auch hier, auch Homosexualität ist ein wiederkehrendes Thema, Glück und Scheitern einer Beziehung zeichnete er schon in "5x2" (2004) nach, ein Friedhofsbesuch spielte in "Frantz" (2016) eine wichtige Rolle, Cross-Dressing in "Une nouvelle amie" (2014), eine Lehrer-Schüler-Beziehung in "Dans la maison" (2012) und auf einer jugendlichen Protagonistin fokussierte er in "Jeune et jolie" (2013).


Das Spannungsfeld von Glück und Trauer wird schon in den ersten Szenen aufgebaut. Düster ist der Beginn, bei dem der 16-jährige Alexis (Félix Lefebvre) von einem Polizisten durch einen dunklen Gang geführt wird und der Jugendliche über seine Faszination für den Tod spricht. Retrospektiv erzählt er seine Geschichte und mit einem Schnitt wird der Zuschauer rund zwei Monate zurück und an ein sommerliches Küstendorf in der Normandie versetzt. Mit einem Schwenk über den Strand beschwört Ozon unbeschwerte Urlaubsstimmung. Wie leicht diese freilich kippen kann, zeigt sich, als bei einem Ausflug von Alexis mit einer Jolle unvermittelt ein mächtiges Gewitter aufzieht.


Der Kontrast von lichtdurchflutetem und in kräftige Farben getauchtem Sommer und dunklen Wolken mit zuckenden Blitzen verweist auch schon auf die ständige Bedrohung des Glücks. Wie ein Geisterschiff taucht aber aus den dunklen Gewitterwolken das Segelboot des 18-jährigen David (Benjamin Voisin) auf, der den Gekenterten nicht nur retten wird, sondern mit dem Alexis auch seine erste große Liebe erleben wird. Dass diese freilich nicht glücklich enden wird, macht der Ich-Erzähler von Anfang an klar, wenn er im Voice-over David als die zukünftige Leiche vorstellt.


Zum Film über das Erzählen wird "Été 85", indem Ozon immer wieder zwischen der Gegenwart und den vergangenen Ereignissen wechselt. Während Alexis, dessen Wandlung in diesem Sommer auch durch die Änderung seines Namens auf Alex signalisiert wird, einer Psychologin nichts über seine Beziehung zu David erzählen will, kann ihn sein Literaturlehrer ermuntern, die Ereignisse niederzuschreiben. Die Geschichte wird dabei nicht nur linear erzählt, sondern Alexis bringt immer auch sein späteres Wissen ins Spiel, deutet dramatische Umschwünge schon vorab an.


Jugendlich frisch wirkt diese Sommergeschichte nicht nur durch die kräftigen Farben, sondern auch durch die schnelle Erzählweise mit beweglicher Kamera und dynamischem Schnitt. Die Sehnsucht nach intensivem Lebensgenuss von David, die auch in seiner Lust an schnellen und riskanten Fahrten mit dem Motorrad zum Ausdruck kommt, wird so nach außen gekehrt. Während David spielerisch genießt und ausprobiert, sieht Alex in ihm seine große Liebe, von der er sich schließlich verraten fühlt.


Unterstützt von den natürlich agierenden unverbrauchten Jungschauspielern Félix Lefebvre und Benjamin Voisin beschwört Ozon dicht die Leidenschaftlichkeit und Gefühlsintensität der Jugend und evoziert gleichzeitig mit den grobkörnigen Bildern des auf 16mm-Material gedrehten Films und zahlreichen zeitgenössischen Hits die Sommerstimmung der 1980er Jahre.


Leichthändig und wie aus dem Ärmel geschüttelt wirkt dieser Liebesfilm und erzählt auch vom Reifen des jungen Protagonisten durch seine bitteren Erfahrungen, wenn am Ende ein Neubeginn steht. Von der Vergangenheit in die Zukunft richtet sich damit schließlich der Blick und deutet den Weg von Alexis von seiner Jugend ins Erwachsenenalter an. Wie der Segeltrip am Beginn den Teenager zum glücklichsten, aber auch zum traurigsten Moment seines Lebens führte, so lässt sich aber auch für die Zukunft ein Auf und Ab der Gefühle erahnen, für das man schon in einer Achterbahnfahrt von Alexis und David eine Metapher sehen konnte.


Wenig bringen allerdings ein kurzer Verweis auf die jüdische Herkunft Davids und die unterschiedlichen familiären Milieus mit einer vitalen und offenen Geschäftsfrau (Valeria Bruni Tedeschi) als Davids Mutter auf der einen Seite und einem Hafenarbeiter und einer Hausfrau als überforderte und hilflose Eltern von Alexis auf der anderen Seite. – Entbehrliche Anhängsel sind dies, beeinträchtigen die Wirkung dieses Sommerfilms mit dunklen Zwischentönen aber kaum.


Läuft derzeit in den Schweizer Kinos, z.B. im Kinok St. Gallen und im Skino Schaan - ab 2.7. in den österreichischen Kinos


Trailer zu "Été 85 - Sommer 85"