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  • AutorenbildWalter Gasperi

Peeping Tom - Augen der Angst

Bei seiner Uraufführung 1960 wurde Michael Powells Psychothriller mit Karlheinz Böhm als psychisch krankem Frauenmörder von Kritik und Publikum zerrissen. Rund 20 Jahre später feierte dieser Film durch die Initiative von Martin Scorsese ein glanzvolles Comeback. Nun ist der abgründige Klassiker bei Studiocanal mit vielfältigem Bonusmaterial digital restauriert auf DVD, Blu-ray und 4K Ultra HD erschienen.


Die Kritiken nach der Uraufführung von "Peeping Tom" im Jahr 1960 waren vernichtend: Derek Monsey schrieb im Sunday Express: "Das ist ein kranker Film – krank und ekelhaft", Derek Hill empfahl in The Tribune "die einzige befriedigende Art und Weise 'Peeping Tom' zu beseitigen, wäre, ihn zusammenzukehren und so schnell wie möglich in der nächsten Toilette hinunterzuspülen. Selbst dann würde der Gestank zurückbleiben." Und der deutsche Film-Dienst schrieb von einem "von einigen formalen Qualitäten ummäntelten Grruselfilm, selber krankhaft abwegig und peinlich geschmacklos. Abzuraten." (Quelle: Stefan Volk, Skandalfilme).


Die Karrieren von Michael Powell und seinem Hauptdarsteller Karlheinz Böhm wurden mit diesem Film für Jahre beendet. Nie mehr konnte Powell wieder in England drehen, nur noch in Deutschland und Australien erhielt er vereinzelt Aufträge. Immerhin konnte der Brite die Wiederentdeckung seines Films Ende der 1970er Jahre noch erleben.


Der Zeit voraus war "Peeping Tom" wohl Anfang der 1960er Jahre und zudem war man wohl auch geschockt, dass Powell, der zusammen mit Emeric Pressburger gefeierte Meisterwerke wie "The Life and Death of Colonel Blimp" (1943), "Black Narcissus" (1947), "The Red Shoes" (1948) und "The Tales of Hoffman" (1951) gedreht hatte, nun mit dieser Soloarbeit einen so abgründigen Thriller vorlegte.


Schon der Auftakt mit der Detailaufnahme eines sich langsam öffnenden Auges irritiert, gibt aber schon das Sehen, die Schaulust und Voyeurismus als Themen vor. Nicht weniger verstörend ist die anschließende Szene, in der die Zuschauer:innen in die Perspektive des Täters versetzt werden. Mit seinem Kameraauge, das durch ein Fadenkreuz noch betont wird, blicken sie auf eine Prostituierte an einer Straße im berüchtigten Londoner Viertel Soho, folgen ihr in ihre Wohnung, schauen zu, wie sie sich auszieht, bis sich die Kamera ihr nähert und der Blick der Frau angstverzerrt wird.


Zuhause wird der Mann, den man nun erstmals sieht, diesen nun schwarzweißen 16mm-Film in seinem privaten Vorführraum anschauen. Zurückhaltend und schüchtern ist dieser junge Mark Lewis (Karlheinz Böhm), der als Kameraassistent in einem Filmstudio arbeitet und daneben pornographische Fotos von Prostituierten für einen Kioskbesitzer macht.


Freundlich und harmlos wirkt er, doch birgt er ein dunkles Geheimnis, das er nur seiner Nachbarin Helen (Anna Massey), zu der er eine zarte Beziehung entwickelt, offenbaren wird. Ihr zeigt er die schwarzweißen Filme, die sein Vater, der als Psychologe über die Angst forschte, von frühester Kindheit an von ihm machte. Nachts weckte er ihn mit Lichtreflexen oder warf eine Eidechse in sein Bett, um die Reaktionen des Kindes zu filmen.


Nie war Mark unbeobachtet von der Kamera, entwickelte sich dabei aber auch früh selbst zum Voyeur, der im Park Liebespaare beobachtete. Nun muss er die Kamera fast immer bei sich haben, filmt alles, doch die größte Lust bereitet es ihm, die Angst von Frauen einzufangen.


Indem er einen Fuß seines Stativs zum Bajonett umgebaut hat und zudem einen Spiegel auf der Kamera fixiert hat, kann er so unmittelbar das Sterben der Frauen filmen, während die Frauen sich gleichzeitig selbst im Spiegel sehen. Lust bereitet ihm dabei aber auch selbst stets in Gefahr zu sein, entdeckt zu werden.


Auch die Farbdramaturgie, für die Powell und Pressburger immer berühmt waren, sorgt mit leuchtenden Rot-, Blau- und Grüntönen für Irritation und schafft eine Atmosphäre der Künstlichkeit, die vor allem bei der Straßenszene am Beginn Francis Ford Coppolas "One From the Heart" beeinflusst haben dürfte. Dazu kommt die Besetzung des psychisch kranken Killers, der in seiner Sanftheit an Anthony Perkins´ Norman Bates in Alfred Hitchcocks nur vier Monate später in den Kinos angelaufenen "Psycho" erinnert, mit dem aus den kitschigen "Sissi"-Filmen bekannten Karlheinz Böhm.


Wie der Protagonist das Kind eines Übervaters ist, so ist es freilich auch Böhm mit dem weltberühmten Dirigenten Karl Böhm als Vater. Aber Powell bringt auch seine eigene Familie ins Spiel, wenn er in den "Angstfilmen" des Vaters selbst den Vater und sein Sohn Columba den kleinen Mark Lewis spielt.


Gleichzeitig spielt Powell in dieser virtuosen Reflexion über Voyeurismus und die Lust der Zuschauer:innen an der Angst auch mit verschiedenen Filmstilen. Denn während die 16-mm-Filme, die Mark dreht, an die britische Dokumentarfilmbewegung anknüpfen, werden im satirischen Blick auf die Arbeit im Filmstudio die harmlosen britischen Komödien dieser Zeit durch den Kakao gezogen. Aber auch das scheinbar so biedere Bürgertum bekommt sein Fett ab, wenn ein ehrenwerter Herr in einem Kiosk vorgibt, Zeitungen kaufen zu wollen, in Wirklichkeit aber nur an den unter dem Ladentisch gehandelten Sex-Fotos interessiert ist.


Kein bisschen gealtert ist dieser Thriller, der mit seiner Auseinandersetzung mit dem Voyeurismus unübersehbar auch die Filme von Brian De Palma wie "Dressed to Kill" oder "Body Double – Der Tod kommt zweimal" beeinflusst hat, in den letzten 60 Jahren, wirkt auch durch die digitale Restaurierung, durch die die Farben wieder richtig leuchten, wie neu.


An Sprachversionen bieten die bei Studiocanal erschienene DVD, Blu-ray und 4K Ultra HD die englische Originalfassung sowie die französische und die deutsche Synchronfassung. Dazu gibt es deutsche und französische Untertitel sowie englische Untertitel für Hörgeschädigte.


Die vielfältigen, deutsch untertitelten Extras umfassen ein 25-minütiges Gespräch mit dem Historiker Christopher Frayling, der den Film anschaulich analysiert, ein 35-minütiges Gespräch zwischen zwei Filmkritikerinnen über "Peeping Tom", ein kurzes Intro von Martin Scorsese und ein 20-minütiges Interview mit Scorseses Editorin Thelma Schoonmaker, die an der digitalen Restaurierung des Films mitarbeitete.


Dazu kommen neben dem originalem Kinotrailer, einem neuen Trailer von Studiocanal und einer Bildergalerie ein 15-minütiges Feature über die Restaurierung des Films, die 20-minütige Dokumentation "The Eye of the Beholder", in der auch die Einflüsse von "Peeping Tom" auf spätere Regisseur:innen beleuchtet werden, sowie ein sehr informativer und fundierter Audiokommentar des Filmwissenschaftlers Ian Christie.



Trailer zu "Peeping Tom - Augen der Angst"



 

 

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