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  • AutorenbildWalter Gasperi

Mon crime - Mein fabelhaftes Verbrechen


(c) Filmcoopi Zürich

François Ozon macht aus einem Boulevardstück der 1930er Jahre eine von einem lustvoll aufspielenden Ensemble getragene, spitzzüngige Screwball-Komödie, die weibliches Aufbegehren gegen die Macht der Männer feiert.


Schon mit "8 femmes" (2002) und "Potiche" ("Das Schmuckstück", 2010) hat François Ozon mit Erfolg zwei Boulevardstücke verfilmt. Für "Mon crime" hat sich der Franzose nun Georges Berrs und Louis Verneuils 1934 entstandenes gleichnamiges Theaterstück vorgenommen. Schon 1937 hat Wesley Ruggles unter dem Titel "True confession" ("Ein Mordsschwindel") diese Vorlage erstmals als Screwball-Komödie verfilmt. Ozon knüpft nun einerseits an diese Kinotradition an, schließt seinen Film aber auch souverän mit der aktuellen MeToo-Bewegung kurz.


Wenn sich am Anfang der Vorhang hebt, dann erhält die ganze folgende Handlung schon Bühnencharakter. Und tatsächlich geht es nicht nur um eine erfolglose Schauspielerin und später auch um einen verblassten Stummfilmstar, sondern immer werden hier auch - ein vielfach wiederkehrendes Element im Werk Ozons - im Filmleben Rollen gespielt.


Mit einem Schuss in einer noblen Villa und der flüchtenden Madeleine Verdier (Nadia Tereszkiewicz) setzt die Handlung ein. Offen bleibt, was im Haus wirklich passiert ist. Gleichzeitig wird Madeleines Freundin und Mitbewohnerin Pauline (Rebecca Marder) vom Vermieter heimgesucht, der die Zahlung der ausstehenden Miete für die kleine Mansardenwohnung einfordert. Doch den Freundinnen fehlt das nötige Geld, denn wie Madeleine als Schauspielerin erfolglos ist, so mangelt es auch der Rechtsanwältin Pauline an Klienten.


Doch nun wird Madeleine auch noch des Mordes an einem berühmten Filmproduzenten beschuldigt. Wieder kommt die Macht der Männer ins Spiel, wenn sie von einem nicht besonders intelligenten Polizisten (Fabrice Luchini) verhört wird. Pauline aber rät ihr, den Mord zu gestehen, denn im Prozess kann sie die Tat als Notwehr gegen den übergriffigen Produzenten darstellen und ganz allgemein die Herrschaft der Männer über die Frauen anprangern.


Gefeiert vor allem von den Frauen erreicht sie so nicht nur einen Freispruch, sondern mit der medialen Berühmtheit stellen sich auch zahlreiche Schauspielangebote für Madeleine und Anwaltsaufträge für Pauline ein. Was ist aber, wenn sich die tatsächliche Mörderin (Isabelle Huppert) meldet und erklärt, dass sie auch ein Stück vom Kuchen möchte oder aber die Täuschung publik machen werde?


Verstaubt könnte der Stoff sein, doch Ozon haucht ihm mit rasanter und vor Esprit sprühender Inszenierung und spitzzüngigen Dialogen, die an die amerikanische Screwball-Komödie anknüpfen, Leben und Frische ein. Lustvoll spielt er mit dem Boulevardesken und kann dabei auf ein groß aufspielendes, auch in den Nebenrollen exzellentes Ensemble vertrauen. Da zieht Isabelle Huppert als ehemaliger Stummfilmstar alle Register ihres Könnens, Fabrice Luchini verkörpert genüsslich den Inspektor, André Dussolier brilliert als vor dem Ruin stehender Großindustrieller und in den Hauptrollen reißen die beiden bestens harmonierenden Jungstars Nadia Tereszkiewicz und Rebecca Marder mit.


Doch nicht nur mit den Dialogen orientiert sich Ozon am klassischen Kino, sondern erweist auch mit in Schwarzweiß- und im klassischen 4:3-Format gehaltenen Rückblenden dem Film der 1930er Jahre ebenso seine Reverenz wie dem Stummfilmstar Max Linder. An die Komödien von Ernst Lubitsch erinnert so diese funkelnde Komödie und ist mit der Abrechnung mit der Macht der Männer und sexueller Übergriffigkeit im Filmgeschäft gleichzeitig auch auf der Höhe der Zeit.


Auf allen Ebenen liegen hier nämlich die Machtpositionen bei den Männern vom Filmgeschäft über das Wirtschaftsleben und die Polizei bis zum Vermieter und dem Gericht, wo eine rein männlich besetzte Geschworenenbank über das Vergehen einer Frau urteilen soll. Mit Verve deckt Ozon diese gesellschaftliche Schieflage auf und feiert die beiden Protagonistinnen, die mit ihrer Aktion auch bei anderen Frauen Gedanken an Widerstand gegen die männliche Vorherrschaft und für Gleichberechtigung wecken.


Leichthändig und wie aus dem Ärmel geschüttelt kommt diese Kriminalkomödie daher, bereitet mit seinen zahlreichen Wendungen und seinen markanten Figuren pures Vergnügen, setzt einen lebensfrohen Gegenpol in einer von Krisen bestimmten Zeit und verhandelt doch gleichzeitig auch souverän gesellschaftliche Missstände: Ein Glanzstück im Schaffen des 56-jährigen Franzosen, der mit 22 Filmen in 25 Jahren nicht nur zu den produktivsten Regisseuren Gegenwart gehört, sondern mit dem permanenten Changieren zwischen so ernsten Filmen wie dem nüchternen Missbrauchsdrama "Grâce a Dieu" ("Gelobt sei Gott", 2018), einem sommerlichen Liebesfilm wie "Été 85" (2020), dem Sterbehilfedrama "Tout sést bien passé" ("Alles ist gut gegangen", 2021) und dieser spritzigen Boulevardkomödie wieder einmal seine beeindruckende Vielseitigkeit beweist.


Mon crime – Mein fabelhaftes Verbrechen Frankreich 2023 Regie: François Ozon mit: Nadia Tereszkiewicz, Rebecca Marder, Isabelle Huppert, Fabrice Luchini, Dany Boon, André Dussollier, Édouard Sulpice, Régis Laspalès Länge: 102 min.



Läuft derzeit in den deutschen und Schweizer Kinos, z.B. im Kinok St. Gallen und im Skino Schaan. In Österreich ab 30.8.


Trailer zu "Mon crime - Mein fabelhaftes Verbrechen"


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