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  • AutorenbildWalter Gasperi

Filmbuch: Fritz Lang in Amerika


Robert Zion zeichnet in Text- und Bildband dicht und spannend die Karriere Fritz Langs in Amerika, dessen Kämpfe mit den Produzenten, wiederkehrende Themen und den Inhalt seiner 22 Filme nach: Ein Buch, das große Lust auf Wiederentdeckung eines wenig beachteten Werks weckt.


Im deutschsprachigen Raum wird Fritz Lang vor allem als Stummfilmregisseur der Weimarer Republik geschätzt. "Der müde Tod", "Die Nibelungen", "Metropolis" bis hin zu seinen ersten Tonfilmen "M – Eine Stadt sucht einen Mörder" und "Das Testament des Dr. Mabuse" zählen zu den Klassikern des Kinos. Ebenso spannend wie informativ zeichneten vor kurzem die Franzosen Éric Liberge und Arnaud Delalande in der Graphic Novel "Fritz Lang: Die Comic-Biographie" diese Phase des 1890 in Wien geborenen Regisseurs nach.


Das weit umfangreichere amerikanische Werk, das sich über 20 Jahre spannt und 22 Filme umfasst, wird dagegen kaum gewürdigt. Der deutsche Publizist und Politiker Robert Zion, dem schon eindrückliche Bücher unter anderem über Roger Corman und die Schauspielerin Rhonda Fleming gelungen sind, legt nun den Fokus genau auf diese Phase im Schaffen Langs.


Ausgehend von der Emigration von Deutschland über Frankreich in die USA im Jahr 1933 zeichnet Zion in fünf Teilen Langs Entwicklung und dessen Filme weitgehend chronologisch nach. Einleitend legt der Autor die Wechselbeziehung von Gesellschaft und Individuum, die die Protagonist:innen immer wieder in Abgründe stürzen lässt, als zentrales Thema vor, das sich durch die amerikanischen Filme Langs zieht.


Auf der formalen Ebene sieht Zion den dokumentarischen Blick Langs, der mit "M" einsetzte, als zentrales Kennzeichen. An die Stelle des kritischen Blicks auf die deutsche Gesellschaft tritt dabei der auf die US-Gesellschaft vom bissigen Blick auf die Lynchjustiz in seinem ersten US-Film "Fury" (1936) bis zur Kritik an der Todesstrafe in seinem letzten US-Film "Beyond a Reasonable Doubt" (1956).


Bestechend fügen sich bei den jeweils sechs- bis achtseitigen Filmbeschreibungen Inhaltsangaben und Blick auf die Produktionsgeschichte mit Langs häufigen Kämpfen mit den Produzenten sowie die Schilderung formaler und inhaltlicher Besonderheiten zu einem runden Ganzen.


Immer wieder arbeitet Zion dabei auch die Vorreiterrolle Langs heraus. Denn mit der Arbeit mit Hell-Dunkel-Kontrasten und Low-Key-Fotografie schuf er mit "You Only Live Once" (1937) einen Film noir schon vor Entstehen dieser filmischen Richtung, besetzte in seinem Western "Western Union" (1941) die Rollen von Indigenen schon lange, bevor es üblich war, mit Indigenen und nicht mit Weißen und thematisierte die Mythenbildung über den amerikanischen Westen schon 20 Jahre vor John Fords "The Man Who Shot Liberty Valance".


Eindrücklich arbeitet Zion auch heraus, wie Lang in Filmen wie "Fury" und "House by the River" (1950) den amerikanischen Rassismus kritisieren wollte, daran aber von den Produzenten gehindert wurde und wie ihn seine entschieden antifaschistische Haltung ins Visier des HUAC (House Committee on Un-American Activities) und des Verdachts der kommunistischen Gesinnung brachte.


Am Rand wird auch Einblick in Langs Perfektionismus und seine zahlreichen Affären geboten, im Zentrum stehen aber immer seine Filme, für die Zion vielfach in der klassischen griechischen Tragödie das Vorbild sieht. Denn wie dort werden auch in den Filmen Langs für Zion die Menschen immer wieder schuldlos schuldig und die Katharsis soll nicht Furcht erzeugen, um zur Tugend zurückzukehren, sondern Jammer und Schauder über ein unverdientes Übel hervorrufen.


Während der Autor bei dem schwierigen "Secret Beyond the Door" (1947) auf Langs Umgang mit der Psychoanalyse, die damals in Hollywood en vogue war, blickt, arbeitet er beim Spionagefilm "Cloak and Dagger" (1946) heraus, dass dies der erste Film übers Atomzeitalter sei.


Zunehmend bissiger wurde dabei der Blick dieses Frauenverehrers auf die US-Männergesellschaft, deren Degradierung der Frauen zu Objekten er in "The Blue Gardenia" (1953) und "The Big Heat" (1953) kritisierte. In diesem Pessimismus, der in seinen letzten beiden US-Filmen "While the City Sleeps" (1956) und "Beyond a Reasonable Doubt" gipfelte, sieht Zion auch schon Vorläufer von New Hollywood-Filmen wie Sidney Pollacks "The Shoot Horses, Don´t They" ("Nur Pferden gibt man den Gnadenschuss", 1969).


Die Qualität dieses Buchs besteht einerseits in der spürbaren Leidenschaft Zions für die einzelnen Filme, andererseits in der Souveränität, mit der er die vielfältige Literatur vom Fritz Lang-Band der legendären Blauen Hanser-Reihe (1976) über Norbert Grobs große Biographie (Fritz Lang: "Ich bin eine Augenmensch", 2014) und die Werke Lotte Eisners (Fritz Lang; 1976; Ich hatte einst ein schönes Vaterland – Memoiren, 1984) bis zu Cornelius Schnaubers "Fritz Lang in Hollywood" (1986) und Peter Bogdanovichs "Fritz Lang in Amerika" (1967) und "Wer hat denn den gedreht?" (2000) mit seinen eigenen Überlegungen verbindet und zu einer bruchlosen Darstellung fügt.


Durch zahlreiche Fußnoten und Quellenangaben bestens belegt sind so die Ausführungen, dennoch bleibt das Buch immer leicht lesbar und spannend. Ganz in die Vergangenheit lässt dabei auch die Verwendung von Schreibmaschinenschrift und alter Rechtschreibung eintauchen.


Abgerundet wird der Textband, der mit seinen präzisen Filmanalysen große Lust auf eine (Wieder)entdeckung der teilweise nur wenig beachteten Filme weckt, durch eine Zeittafel zu Fritz Langs Leben in Amerika, eine Filmographie mit ausführlichen Credits, ein umfangreiches Literaturverzeichnis und ein Register zu Filmen, Personen und wichtigen Begriffen.


Der auf Fotopapier gedruckte 112-seitige Bildband bietet hochwertige Schwarzweißfotos nicht nur von den Filmsets und den Stars, sondern auch zahlreiche Filmstills, auf die im Textband immer wieder verwiesen wird.


Robert Zion, Fritz Lang in Amerika, 35 Millimeter – Das Retro-Filmmagazin, Saarbrücken 2023, 224 S. (Textband) + 112 S. (Bildband), € 24,50, ISBN 978-3-00-072012-3

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