• Walter Gasperi

Die Hand Gottes - È stata la mano di Dio


Ein Coming-of-Age in den 1980er Jahren in einem Neapel, das im Maradona-Fieber liegt. – Paolo Sorrentino verarbeitet in der Netflix-Produktion seine eigene Jugend, blickt mit viel Empathie auf die Protagonist*innen und schlägt nach komödiantischem Beginn nach einem tragischen Ereignis ernstere und leisere Töne an.


Kurz tauchte Diego Maradona – oder vielmehr dessen Double – mit einem schwer übergewichtigen, einstigen Fußballstar schon in Paolo Sorrentinos "Youth – Ewige Jugend" auf. Zentrale Bedeutung hatte für den 1970 in Neapel geborenen Filmregisseur in seiner Jugend der argentinische Fußballgott, der den SSC Neapel 1987 erstmals zum italienischen Meistertitel führte.


Im Hintergrund präsent ist so in dieser Aufarbeitung Sorrentinos seiner eigenen Jugend Diego Armando Maradona ständig und am Beginn steht mit dem Insert "Ich tat, was ich konnte, und ich glaube, es war nicht so schlecht" auch eine Aussage des begnadeten Fußballers. Auch der Titel bezieht sich zunächst auf das legendäre Tor mit der Hand, mit dem Maradona Argentinien bei der WM 1986 in Mexiko im Viertelfinale gegen England den Weg ins Semifinale öffnete, den er mit dem folgenden "WM-Tor des Jahrhunderts" endgültig fixierte, erhält dann aber auch eine ganz andere Interpretation in Bezug auf das Leben von Sorrentinos Alter Ego, des 15-jährigen Fabietto (Filippo Scotti).


Mit einer spektakulären Plansequenz, in der sich die Kamera im Hubschrauberflug übers Meer der Küstenstadt nähert und dann der Uferpromenade entlang einem alten schwarzen Rolls Royce folgt, lässt Sorrentino "Die Hand Gottes" beginnen. An die grandiosen Bilder seines Welterfolgs "La Grande Bellezza" scheint er damit anzuknüpfen, doch in der Folge wird der visuelle Überschwang, der die letzten Filme des Italieners kennzeichnete, zurückgenommen. Dass erstmals nicht Luca Bigazzi die Kamera führte, sondern Dario D´Antonio, der bei "La Grande Bellezza" als Assistent Bigazzis fungierte, mag dazu beigetragen haben.


Weniger auf große Bilder als vielmehr auf pralle Typenzeichnung setzt Sorrentino. Nicht nur mit der schwer übergewichtigen und stets fluchenden Großtante Signora Gentile, die auch im Sommer einen Pelzmantel trägt, um diesen zu präsentieren, und einer skurrilen Baronin, durch die Fabietto eine wichtige Erfahrung machen wird, will der Neapolitaner offensichtlich seinen Ruf als Nachfolger Fellinis festigen.


Eine Fülle schräger Figuren präsentiert Sorrentino bei einem Gartenfest, lässt auch Fabiettos Sippe gespannt auf den neuen Freund einer Verwandten warten, der sich bald als alter Mann, der aufgrund eines Halsleidens nur mittels einer Maschine reden kann, auftauchen. Problematisch ist dabei zweifellos, wie auf Kosten dieses kranken Mannes oder auch einer psychisch labilen Tante Witze gemacht werden, doch andererseits entwickelt "Die Hand Gottes" in diesem ersten Teil mit den zahlreichen Mitgliedern der Sippe und schnellen Dialogen einen Schwung, der mitreißt.


Im Zentrum stehen aber Fabietto und seine Familie. Ein Einzelgänger ist dieser Teenager, weiß noch nicht so recht, was er im Leben machen soll, fühlt sich aber geborgen in der Familie. Mit viel Wärme spielen Sorrentinos Stammschauspieler Toni Servillo und Teresa Saponangelo die Eltern, sodass sie einem rasch ans Herz wachsen.


Wichtiger als alles scheint aber, ob Maradona von Barcelona zum SSC Napoli wechselt. Ob mit Bruder, Vater oder Verwandten – ständig ist dies Gesprächsthema. Glücklich scheint auch die Ehe der Eltern, auch eine langjährige Affäre des Vaters kann diese nicht auf Dauer erschüttern, doch dann bringt ein tragisches Ereignis von einem Tag auf den anderen eine Wende.


Abrupt wechselt "Die Hand Gottes" damit auch die Tonlage, wird nach der quirligen ersten Hälfte ruhig und nachdenklich. Auf mehreren Ebenen setzt damit auch eine Wandlung oder ein Coming-of-Age Fabiettos ein, denn nicht nur sein Interesse an Mädchen wächst, sondern er entdeckt auch in der Filmregie seinen großen Berufswunsch.


In jeder Szene spürt man die Leidenschaft und das persönliche Engagement Sorrentinos, der erstmals seit seinem Langfilmdebüt "L´uomo in più" (2001) in seiner Heimatstadt drehte. Er lebt mit diesem Fabietto sichtlich nochmals seine Jugend, den realen schmerzlichen Verlust, aber auch die Maradona-Begeisterung dieser Zeit durch. Emphatisch evoziert er diese Hysterie, wenn die ganze Verwandtschaft beim WM-Spiel Argentiniens gegen England gebannt vor dem Fernseher sitzt und bei Maradonas Tor Familie und Nachbarn auf den Balkonen der Straße begeistert jubeln.


Weniger an einem stringenten Handlungsaufbau als an prallen Szenen und Figuren ist Sorrentino dabei interessiert. Folgenlos bleibt so ein Scherz mit einer Nachbarin, der vorgetäuscht wird, dass Franco Zeffirelli ihr die Hauptrolle in einem Film über Maria Callas geben wolle, oder die Schwärmerei Fabiettos für eine junge Theaterschauspielerin. Auch mit der historischen Chronologie hält er es nicht so genau, sondern löst sie auf, wenn auf der einen Seite der Eindruck vermittelt wird, dass der Film während eines Sommers spielt, sich andererseits aber aufgrund der Karriere Maradonas die Handlung zumindest vom Vertragsabschluss 1984 bis zum Meistertitel 1987 erstrecken muss. Ganz plausibel ist das freilich nicht, denn dem von Filippo Scotti stark gespielten Fabietto sieht man nicht an, dass er sich vom 15-Jährigen zum 17- oder 18-Jährigen entwickelt.


Nicht um eine durchgetaktete Handlung geht es Sorrentino so, sondern um die leidenschaftliche und bewegende Evokation einer Jugend mit ihrer Unsicherheit und langsamen Identitätsfindung – und eine große Liebeserklärung an Neapel, sein Idol Maradona und schließlich auch ans Kino, dessen Kraft "Die Hand Gottes" großartig beschwört.


Läuft derzeit in den Schweizer Kinos, z.B. im Kinok St. Gallen und im Skino in Schaan

LeinwandLounge in der Remise Bludenz: Mi 16.3., 19 Uhr


Filmbuch zu Paolo Sorrentino: Paolo Sorrentino - Das Werk eines Ästheten


Trailer zu "Die Hand Gottes - È stata la mano di Dio"