• Walter Gasperi

Diego Maradona


Diego Maradona (1960 - 2020)

Mit einer Fülle an Archivmaterial zeichnet Asif Kapadia in seinem Dokumentarfilm Aufstieg und Fall des argentinischen Fußballstars während seiner Zeit beim SSC Napoli (1984 – 1991) nach.


„Mit Diego würde ich bis ans Ende der Welt gehen, mit Maradona aber keinen Schritt“. Die Aussage von Maradonas Fitnesstrainer Fernando Signorini bringt prägnant die Zerrissenheit des Porträtierten auf den Punkt: Auf der einen Seite steht der junge Mann aus einfachsten Verhältnissen, auf der anderen der Fußballstar, der an seinem Ruhm zerbricht. – Auch der Titel „Diego Maradona“ – und eben nicht nur „Diego“ oder „Maradona“ – soll auf diese Ambivalenz hinweisen.


Wie in seinem mit dem Oscar ausgezeichneten Dokumentarfilm über die 2011 im Alter von 27 Jahren an einer Alkoholvergiftung verstorbene britische Pop-Ikone Amy Winehouse („Amy“) erzählt Kapadia auch hier von einem schnellen Aufstieg und einem tiefen Fall. Gleichzeitig schließt der britische Dokumentarfilmer damit eine Trilogie ab, die er 2010 mit dem Porträt des dreifachen Formel 1-Weltmeisters Ayrton Senna („Senna“) begonnen hat.


Auf Interviews verzichtet Kapadia, er vertraut ganz auf das grobkörnige Archivmaterial, dem teilweise rückblickende Kommentare von Zeitzeugen und Maradona selbst unterlegt sind. Man kann ahnen, welch akribische Arbeit dahinter steckte rund 500 Stunden Film zu sichten, zu sortieren und schließlich zu montieren, bis daraus eine schlüssige und über weite Strecken mitreißende 130-minütige Erzählung wurde.


Nur kurz streift Kapadia die Herkunft Maradonas aus einem Armenviertel von Buenos Aires, seinen Aufstieg bei Boca Juniors und die erfolglosen zwei Jahre bei Barcelona. Der Fokus liegt ganz auf seiner Zeit beim SSC Napoli, zu dem der 1960 geborene Argentinier 1984 für die damalige Rekordablösesumme von umgerechnet 13 Millionen Euro wechselte. Quasi Gott und Erlöser war er dort für die Bevölkerung Neapels, führte er doch den bis dahin wenig erfolgreichen Club, der von den Fans der reichen norditalienischen Mannschaften verlacht und als schmutzige Süditaliener und Afrikaner Europas verspottet wurde, 1987 und 1990 zu seinen ersten beiden und immer noch einzigen italienischen Meistertiteln und 1989 zum Sieg im UEFA-Pokal.


Kapadia vermittelt dabei nicht nur mit zahlreichen Fußballszenen das fußballerische Genie Maradonas und die Begeisterung, die er in Neapel auslöste, sondern schneidet auch die Verbindung des Clubs zur Camorra und Maradonas exzessives Leben mit Partys, zahlreichen Affären und einem unehelichen Kind an, das er bis 2017 verleugnete.


Parallel dazu zeichnet der Film auch nach, wie Maradona die argentinische Nationalmannschaft 1986 zum WM-Titel führte. Zentral ist dabei nicht das Finale gegen Deutschland, sondern das Viertelfinale gegen England, das der begnadete Fußballer quasi im Alleingang zunächst mit der „Hand Gottes“, dann mit dem „WM-Tor des Jahrhunderts“ entschied und zur Revanche für die militärische Niederlage im Falklandkrieg hochstilisierte.


Vier Jahre später sollte allerdings gerade ein Sieg den Sturz vorbereiten, denn nie verziehen ihm die Neapolitaner, dass er bei der WM 1990 ausgerechnet in ihrer Stadt Italien im Elfmeterschießen aus dem Bewerb schoss.


Aus dem Liebling der Massen wurde über Nacht einer der meistgehassten Männer Italiens. Weil die Mächtigen nicht mehr die Hand über ihn hielten, begann die Polizei gegen ihn zu ermitteln und er wurde des Drogenhandels und des Dopings überführt. „85.000 jubelten mir zu, als ich kam, allein war ich, als ich Neapel verließ“, kommentiert Maradona seinen Aufstieg und Fall.


Neue Informationen bietet der mit 130 Minuten etwas zu lange Dokumentarfilm kaum, räumt insgesamt auch den Fußballszenen zu viel Platz ein, während das Privatleben und die Skandale eher kurz abgehandelt werden. Prägnant auf den Punkt bringt aber eine finale Montagesequenz nochmals die Doppelgesichtigkeit von Diego Armando Maradona, wenn Bilder aus der Jugendzeit dem vom Partyleben und der Drogensucht Gezeichneten gegenübergestellt werden.


Trailer zu "Diego Maradona"