top of page

28 Years Later: The Bone Temple

  • Autorenbild: Walter Gasperi
    Walter Gasperi
  • vor 2 Tagen
  • 3 Min. Lesezeit

So düster und brutal war eine postapokalyptische Welt im Kino wohl noch nie: Nia DaCosta stellt in ihrer Fortsetzung des Endzeit-Thrillers "28 Years Later" eine Gruppe gewalttätiger Satanisten einem menschenfreundlichen Arzt gegenüber. Die von einem Virus infizierten Zombies spielen dagegen eine Nebenrolle.


Nachdem Danny Boyle beim ersten Teil der "28 Years Later"-Trilogie, mit der die Geschichte der Endzeit-Thriller "28 Days Later" (2002) und "28 Weeks Later" (2007) fortgeschrieben wird, selbst Regie geführt hatte, überließ er diese bei der Fortsetzung der Afroamerikanerin Nia DaCosta. Konstante ist aber Drehbuchautor Alex Garland, der zuletzt vor allem als Regisseur mit "Men" (2022), "Civil War" (2024) und "Warfare" (2025) von sich reden machte.


Direkt an "28 Years Later" (2025) knüpfen DaCosta und Garland an, wenn der Teenager Spike (Alfie Williams), der nach der Flucht von der abgeschotteten Insel seine Mutter durch eine Krebserkrankung verloren hat, in die Fänge einer Bande von Satanisten gerät. Unübersehbar von den Droogs in Stanley Kubricks "Clockwork Orange" haben sich DaCosta und Garland bei der Zeichnung dieser ultrabrutalen Gang, deren Mitglieder in Jogginghosen und mit blonden Perücken auftreten, inspirieren lassen.


Kubricks Anführer Alex DeLarge entspricht hier Sir Jimmy Crystal (Jack O´Connell), der sich als Sohn Satans ausgibt. Wie er als Gegenbild zum Gottessohn Jesus erscheint, so ist seine kleine Gruppe von Gefolgsleuten ein Spiegelbild der zwölf Apostel. Christliche Bilder kehren DaCosta / Garland aber auch ins Gegenteil, wenn die Bande auf Jamies Aufruf zur Nächstenliebe ihre Gefangenen häutet oder ausweidet.


Schon der Auftakt setzt einen blutigen Akzent, wenn die Satanisten teilnahmslos zusehen, wie einer der Ihren verblutet, nachdem Spike ihn in die Oberschenkelarterie gestochen hat. Immer noch gibt es zwar die durch den "Wut-Virus" zu Zombies mutierten Menschen, doch diese spielen eine Nebenrolle.


In den wenigen Szenen ihres Auftretens evozieren DaCosta / Garland aber immer noch drastisch und schockierend ein Bild ihrer Brutalität und Grausamkeit. Keine Zurückhaltung kennt das Duo hier, vermittelt nicht nur durch Großaufnahmen, sondern auch durch die entfesselte Kamera von Sean Bobbitt und den rasend schnellen Schnitt von Jake Roberts intensiv die Gewalttätigkeit des Geschehens, wenn der hünenhafte Alpha-Zombie Samson (Chi Lewis-Parry) einem Mann den Kopf samt Wirbelsäule ab- und herausreißt, anschließend dessen Schädel zerlegt und das Hirn isst.


Gerade der blutrünstige Samson – eine explizite Bezugnahme auf den alttestamentarischen Riesen – entwickelt aber wieder menschliche Züge, als ihn der Arzt Ian Kelson (Ralph Fiennes) zunächst betäubt und dann seine Wunden versorgt.


In zwei Erzählsträngen entwickeln DaCosta / Garland die Handlung, wenn sie den Satanisten die Menschlichkeit Kelsons, der mit seinen Türmen aus Knochen die Erinnerung an die Verstorbenen aufrecht halten will und sich wehmütig an die untergegangene Ordnung erinnert, gegenüberstellen. Seiner Fürsorge um Samson, der durch seine Bemühungen wieder Sprache und Erinnerungsvermögen entdeckt, stehen die Gemetzel der Satanisten gegenüber, denen sich Spike entziehen will.


Nicht die Zombies, die durch den Virus getrieben werden, sondern die bewusst handelnden Menschen erscheinen hier als größte Gefahr. Wenn sie von einem fanatischen Anführer gelenkt und manipuliert werden, rechnen DaCosta auch mit Fanatismus und Extremismus ab und fordert zum kritischen Blick auf Führungspersönlichkeiten auf.


Atmosphärisch ungemein dicht wird das Chaos und die Abwesenheit von Menschlichkeit in dieser postapokalyptischen Welt beschworen. Markanten Kontrast zu den drastischen Gewaltexzessen stellt nicht nur Kelson, sondern auch die immer wieder eingestreuten ruhigen Bilder der leuchtend grünen Wälder und Felder dar. Unberührt scheint die Natur vom Zerfall der Zivilisation, deren Reste – wie zum Beispiel einen Zug – sie schon wieder überwuchert.


Vorhersehbar ist, dass die beiden Erzählstränge im Finale zusammengeführt werden. Einen wahren Satanstanz führt der von Ralph Fiennes mit Leidenschaft gespielte Kelson dabei auf, wenn er zu Iron Maidens "The Number of the Beast" bei Kerzenlicht zwischen seinen Türmen aus Gebeinen entfesselt tanzt. Gezielt hetzt er dabei auch die Satanisten zu Kritik an ihrem Anführer auf, die in eine Szene mündet, die wiederum explizit auf die christliche Passionsgeschichte Bezug nimmt und diese im wahrsten Sinne des Wortes auf den Kopf stellt.


Sicher nicht jedermanns Sache ist dieser wilde Trip, der im Finale schon den abschließenden Teil der Trilogie vorbereitet, aber bildmächtiges und einfallsreiches Kino, das trotz aller drastischen Gewaltdarstellungen im Kern ein Plädoyer für Menschlichkeit ist, ist DaCosta und Garland mit "28 Years Later: The Bone Temple" unbestritten gelungen.



28 Years Later: The Bone Temple

USA / Großbritannien 2026

Regie: Nia DaCosta

mit: Ralph Fiennes, Jack O’Connell, Alfie Williams, Erin Kellyman, Chi Lewis-Parry, Emma Laird

Länge: 110 min.



Läuft derzeit in den Kinos, z.B. im Cineplexx Hohenems.



Trailer zu "28 Years Later: The Bone Temple"



Kommentare


bottom of page