• Walter Gasperi

Men


Eine Frau zieht sich nach dem Tod ihres Mannes in ein englisches Landhaus zurück, sieht sich dort aber bald mit zunehmend aggressiveren Männern konfrontiert: Alex Garland gelang ein visuell brillanter und auch verstörender Horrorfilm über Geschlechterverhältnisse und toxische Männlichkeit.


Traumatisch ist der Beginn für die Mittdreißigerin Harper (Jessie Buckley): Während sie aus der Nase blutet, stürzt in Zeitlupe ein Mann vor ihrem Londoner Wohnungsfenster in den Tod. Was genau passiert ist, wird Alex Garland erst sukzessive in fragmentarischen Rückblenden preisgeben, offen lässt er aber, ob der Mann, der Harpers Ehemann ist (Paapa Essiedu), Selbstmord beging oder verunfallte.


Beunruhigende Stimmung entwickeln diese Londoner-Szenen dadurch, dass sie konsequent in rotes Licht getaucht sind. Das lässt sie nicht nur aggressiv wirken, sondern die angespannte Stimmung zwischen Harper und ihrem Mann, der nicht nur mit emotionalem Druck, sondern auch mit physischer Gewalt die von Harper gewünschte Scheidung verhindern will, wird damit auch nach außen gekehrt. Dazu kommt in diesen Rückblenden auch schon die christliche Motivik, die sich durch den Film zieht, wenn der Mann auf die Unauflösbarkeit der in der Kirche geschlossenen Ehe hinweist und damit auch wieder Druck auf Harper ausüben will.


Nach dem Tod ihres Mannes zieht sich Harper auf ein englisches Landhaus zurück. Mit ihrem leuchtenden Grün steht diese Landschaft in scharfem Kontrast zum Rot in London. Gleichwohl sorgen auch hier die blutrot bemalten Wände der Küche für einen starken Farbakzent und wecken zudem Assoziationen an die Räume in Kubricks "Shining".


Wenn Harper in diesem vermeintlich grünen Paradies sogleich im Garten einen Apfel pflückt und in ihn beißt, weckt dies schon Assoziationen an die biblische Eva. Verstärkt werden diese durch den schrulligen Vermieter Geoffrey (Rory Kinnear), der von der verbotenen Frucht spricht, dies aber sogleich wieder als Scherz abtut.


An die Bibel erinnert aber auch, wenn Harpers Mann nach seinem Sturz wie der gekreuzigte Jesus an einem Metallzaun hängt. Gezielt will Garland mit solchen Bildern an die durch die Bibel geprägten Geschlechterverhältnisse erinnern: Die Frau erscheint als Sünderin, der Mann muss dagegen für die Vergehen der Frau mit dem Leben bezahlen, sich für sie opfern, um Erlösung zu ermöglichen.


Garland treibt diese Abrechnung mit einer aggressiven und toxischen Männlichkeit in der Folge souverän weiter. Denn Harper wird bald nicht nur von einem nackten Waldmenschen bedroht, sondern auch ein Priester legt übergriffig seine Hand auf ihr Knie und gibt ihr die Schuld am Tod ihres Mannes. Dazu kommt ein Junge, der sie zwingen will, mit ihr Versteck zu spielen, und bald taucht auch ein unsympathischer Polizist in ihrem Garten auf, der das Stalking des Waldmenschen als harmlos abtut und die Ängste der jungen Frau nicht ernst nimmt.


Nur Männer scheint es in diesem Dorf geben, einzige weibliche Figur ist Harpers Freundin, zu der sie aber nur per Smartphone Kontakt hat. Auf kleiner Flamme köchelt Garland dabei, steigert sukzessive die Bedrohung und Spannung, setzt weitgehend auf eine dichte Atmosphäre und lässt erst ganz am Ende exzessiven Bodyhorror losbrechen.


Wie ins Unterbewusste scheint Harper dabei abzutauchen, wenn sie in einen stillgelegten Eisenbahntunnel geht und das Echo erprobt und Schuldgefühle scheinen sie zu plagen, wenn sie in der leeren Kirche laut aufschreit.


Doch Garland macht klar, dass Harper keine Schuldgefühle haben muss, stellt sich entschieden auf ihre Seite und prangert die toxische Männlichkeit an, die sich schließlich immer wieder aus sich selbst reproduziert. Auch in dem scheinbar harmlosen Vermieter schlummert dabei ein längst überholtes Männlichkeitsbild, wenn er in Erinnerung an den Ausspruch seines Vaters, dass er wie ein Soldat in einer verlorenen Schlacht wirke, nun Harper beweisen will, was für ein echter Mann er ist.


Die Botschaft mag insgesamt recht platt sein, doch verstörend ist "Men" nicht nur dadurch, dass Garland mit Ausnahme von Harpers Mann alle Männerrollen mit Rory Kinnear besetzt und dieser somit nicht für Figuren, sondern für den Mann an sich steht. Auch die brillante visuelle Gestaltung und der starke Soundtrack, bei dem auch ein sakraler Choral eine wichtige Rolle spielt, sorgen für große atmosphärische Dichte und Spannung. Wunderbar ist auch, mit wie wenig Dialog Garland insgesamt auskommt und weitgehend mit Bildern und Musik erzählt.


Und immer wieder stellt er mit seinen Bildeinfällen die Misogynie in einen religions- und kulturhistorischen Kontext. Denn zu den biblischen Verweisen kommt auch die Referenz auf den mythischen "Grünen Mann", der sich bis auf den griechischen Waldgott Pan zurückverfolgen lässt, zuletzt filmisch in David Lowerys "The Green Knight" vorkam und für das Animalisch-Männliche schlechthin steht. Diese bedrohliche männliche Kraft wird aber auch in einem Taufbecken mit einem vorchristlichen Steinrelief (Sheela-na-Gig) spürbar, das auf der einen Seite eine männliche Fratze, auf der anderen übersteigerte weibliche Sexualität zeigt.


Wie in der Ehe von Harper treffen so auch in diesen Bildern immer wieder männliche Aggression und Machtstreben auf den weiblichen Wunsch nach Selbstbestimmung, aber auch Sinnenfeindlichkeit auf weibliche Selbstverwirklichung und Lust, die in der patriarchalen Männergesellschaft über Jahrtausende konsequent unterdrückt wurde und immer noch wird.


Nach "Ex Machina", in dem aufregend Fragen künstlicher Intelligenz und der Condicio humana verhandelt wurden, und nach "Annihilation", in dem mit Anleihen bei Tarkowskis "Stalker" ein Trupp von Frauen in eine geheimnisvolle Zone geschickt wurde, beweist sich Garland somit auch mit seinem dritten Kinofilm als großer Stilist, der ebenso bildmächtige wie kunstvolle Gestaltung und aktuelle Themen so zu verbinden versteht, dass aufregendes modernes Genrekino entsteht, das so zu packen und zu verstören vermag, dass man das Gesehene nicht so schnell vergisst.

Men Großbritannien / USA 2021 Regie: Alex Garland mit: Jessie Buckley, Rory Kinnear, Paapa Essiedu, Gayle Rankin Länge: 100 min.


Läuft derzeit in den Kinos, z.B. im Cineplexx Hohenems und im Skino Schaan


Trailer zu "Men"