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Melodie

  • Autorenbild: Walter Gasperi
    Walter Gasperi
  • vor 9 Minuten
  • 3 Min. Lesezeit
"Melodie": Anka Schmid spürt der beruhigenden und stärkenden Kraft des Singens nach.
"Melodie": Anka Schmid spürt der beruhigenden und stärkenden Kraft des Singens nach.

Vom Schlaflied für ein Neugeborenes bis zum gemeinsamen Singen mit Demenzkranken: Anka Schmid spürt in ihrem Dokumentarfilm der beruhigenden und stärkenden Kraft des aktiven Singens und von Gesang nach.


Lange blickt die Kamera von Stéphane Kuthy und Patrick Lindenmaier auf ein Neugeborenes, das durch ein Schlaflied offensichtlich beruhigt wird. Dieser Auftakt stimmt schon auf die Erzählweise von Anka Schmids Dokumentarfilm ein. Viel Raum lässt die Regisseurin in langen, meist unbewegten Einstellungen den Sänger:innen und ihrem Gesang. So verstärkt der langsame Erzählrhythmus die Wirkung der Musik und überträgt sie auf die Zuschauer:innen.


Von den Erinnerungen Jugendlicher unterschiedlicher Kulturen an Schlaflieder spannt Schmid bei ihrer Spurensuche den Bogen über die Sennerin Mina Inauen, die im Alpstein jeden Abend durch einen Holztrichter den Alpsegen singt, bis zur alten Griechin Panagiota Georgila und ihrem Klagelied, mit dem sie ihres verstorbenen Mannes gedenkt.


Schmid selbst hält sich zurück. Sie verzichtet auf jeden Kommentar, bleibt unsichtbar und ist nur durch wenige Zwischenfragen präsent. Sie überlässt den Raum ihren Protagonist:innen und deren Gesang. Diese sprechen dabei aber nicht nur über die Musik, sondern auch über die Ruhe und Stille auf der Alp, die nichts mit Einsamkeit zu tun hat, oder über das Verschwinden der Tradition der Klagelieder.


Etwas zu viel packt die 65-jährige Zürcherin in "Melodie" hinein, wenn sie mit der Nonne Schwester Veronika, die von der Verbreitung einer Pilzerkrankung im Klostergarten aufgrund der milden Winter erzählt, oder dem Imker Karl Reinhart, der über den Rückgang des Honigs aufgrund des häufigen Mähens der Felder klagt, auch den Klimawandel und Umweltprobleme ins Spiel bringt.


Doch der großartige Gesang der Klosterschwestern lässt darüber ebenso hinwegsehen wie der Auftritt Reinharts mit dem Thurgauer Männerchor Salmsach-Langrickenbach. Mit Gegensätzen arbeitet Schmid dabei nicht nur, wenn dem Klostergesang zum Bild der leeren Tribüne eines Stadions auf der Tonspur Gesänge von Fußballfans gegenüberstehen.


Auch Generationen lässt die Dokumentarfilmerin aufeinanderprallen. Während der Frühgeburt mit einem Monochord die Klangwelt im Mutterleib vermittelt werden soll, bietet die Schottin Heather Edwards, eine Pionierin der Musiktherapie, in einer Bibliothek sowie in Pflege- und Altersheimen Singnachmittage mit Demenzkranken an. Gesang wirke nämlich nicht nur beruhigend, sondern erleuchte auch Zonen im Gehirn.


Der kurdische Flüchtling Ilyas Soyal, der kurz vor seiner Hochzeit verhaftet wurde und sieben Jahre im Gefängnis verbrachte, und seine Frau Hülya wiederum wollen mit ihren vielfach schwermütigen Volksliedern ihrer kleinen Tochter die kurdische Kultur und Sprache vermitteln.


Aber auch die Bedeutung des Gesangs als Mittel des Widerstands und Protests wird nicht ausgespart. So hat die aus Benin stammende Joanna Kora im Zuge der Beschäftigung mit der Black Lives Matter-Bewegung den Gesang als Möglichkeit entdeckt, ihre Gedanken auszudrücken. Während sie im Chor GoAndSing, der mit seiner ethnisch, alters- und geschlechtermäßig gemischten Besetzung auch einen markanten Gegenpol zu den von älteren weißen Herren dominierten Thurgauer Männerchor bildet, mitreißend "Stand Up" singt, verarbeitet die junge Tessinerin Natalia Beretta alias Jhon Riot in ihren Rapsongs ihre Jugenderfahrungen. Geschickt setzt Schmid auch mit Trommlerinnen bei einer Frauendemonstration am Schluss einen kraftvollen Gegenpol zum leisen Schlaflied am Beginn.


Nicht um sachliche Information geht es so bei diesem Kaleidoskop, sondern Schmid lässt die Zuschauer:innen mit ihrer ruhigen Erzählweise in die Welt des Gesangs eintauchen und dessen vielfältige Wirkungen durch die zahlreichen und sehr unterschiedlichen Beispiele erfahren. So lässt "Melodie" nicht nur mit neuen Augen auf die faszinierenden Möglichkeiten des einfachsten und ältesten Musikinstruments blicken, sondern entwickelt auch anregende Kraft.



Melodie Schweiz 2025

Regie: Anka Schmid

Dokumentarfilm mit: Joanna Kora, Friederike Haslbeck, Mina Inauen, Karl Reinhart, Schwester Veronika, Ilyas Soyal, Heather Edwards

Länge: 87 min.



Läuft ab 5.3. in den Schweizer Kinos, z.B. im Kinok St. Gallen.



Trailer zu "Melodie"


 

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