• Walter Gasperi

19. Crossing Europe filmfestival linz: Eine Vorschau

Aktualisiert: 1. Mai


Vom 27. April bis 2. Mai 2022 steht Linz wieder im Zeichen des Films: Neu ist mit der Doppelspitze Sabine Gebetsroither und Katharina Riedler die Leitung, bewährt die Fokussierung auf dem jungen europäischen Autorenfilm, in dessen Vielfalt mit 148 Spiel-, Dokumentarfilmen ein Einblick geboten werden soll.


Nachdem 2020 die 17. Auflage des Linzer Filmfestivals aufgrund der Corona-Pandemie nur als online-Veranstaltung durchgeführt werden konnte und man 2021 in den Juni auswich, wird heuer Crossing Europe wieder in bewährter Form inklusive Nightline mit musikalischem Abendprogramm stattfinden. Festivalgründerin und langjährige Leiterin Christine Dollhofer ist zwar zum Filmfonds Wien abgewandert, doch die neuen Leiterinnen Sabine Gebetsroither und Katharina Riedler scheinen den Weg ihrer Vorgängerin konsequent fortzusetzen.


So wird das nach der Viennale und der Diagonale drittgrößte Filmfestival Österreichs auch heuer mit vier Filmen eröffnet, die auf die unterschiedlichen Programmschienen einstimmen. Neben Nicolette Krebitz´ Berlinale-Beitrag "AEIOU – Das schnelle Alphabet der Liebe" wird so die Dokumentarfilmschiene mit dem portugiesischen Film "Viagem ao Sol" eröffnet, in dem Susana de Sousa Dias und Ansgar Schaefer anhand von Kindern, die aus dem zerbombten Nachkriegswien nach Portugal "verschickt" wurden, die traumatischen Auswirkungen von Krieg und Vertreibung thematisieren.


Der Tribute, der heuer dem Belgier Fabrice du Welz gewidmet ist, wird mit der Österreichpremiere seines Thrillers "Inexoable" gestartet und auf die vom Filmjournalisten Markus Keuschnigg kuratierte "Nachtsicht" stimmt das schaurige finnische Debüt "Pahanhautoja – Hatching" ein.


Als wiederkehrende Themen der Festivalfilme nennen Gebetsroither und Riedler Krieg, Flucht, Migration und Integration, mehrere Filme widmen sich aber auch der Zeitgeschichte des 20. Jahrhunderts. Auf dem Thema Care wiederum fokussiert die Programmsektion "Arbeitswelten", in der vier Dokumentarfilme über Menschen gezeigt werden, in deren Hände die Verantwortung für das Leben Anderer gegeben wird.


In der Programmschiene Architektur und Gesellschaft werden Filme präsentiert, die sich mit unterschiedlichen Modellen des gesellschaftlichen Zusammenlebens im Zusammenspiel mit Architektur auseinandersetzen. Nicht zu kurz kommen beim Programm, zu dem 53% der Filme Frauen beisteuern, auch das Thema weibliche Selbstermächtigung, Geschichten von bzw. über Frauen, LGBTIQ+-Lebensrealitäten sowie Lebenswelten europäischer Jugendlicher und junger Erwachsener.


Elf Filme konkurrieren im Competition Fiction um den mit 5000 Euro dotierten Crossing Europe Award. Der Bogen der Beiträge spannt sich von Griechenland bis Island und von Polen bis Belgien. Einlassen muss man sich hier auf Entdeckungen, denn wenig bekannt oder unbekannt sind die Filmemacher*innen angesichts der Fokussierung auf erste und zweite Spielfilme bislang. Auf große Beachtung beim letztjährigen Filmfestival von Locarno stieß aber schon Sabrina Sarabis "Niemand ist bei den Kälbern".


Bislang unbekannte Namen dominieren auch den Competition Documentary, in dem ebenfalls elf Filme um den mit 5000 Euro dotierten Crossing Europe Social Awareness Award konkurrieren. In Wettbewerb der Jugendschiene YAAS! Findet sich dagegen mit dem einfallsreichen "Ninjababy" ein Spielfilm, der schon in den Schweizer Kinos lief, und mit "Une historie d´amour et désir" ein neuer Film der Tunesierin Leyla Bouzid, deren "Kaum öffne ich meine Augen" vor einigen Jahren auch in den heimischen Programmkinos lief.


Bekanntere Namen finden sich im European Panorama Fiction. Mit "La Ligne" läuft hier Ursula Meiers im Wettbewerb der heurigen Berlinale uraufgeführter Nachfolgefilm zu ihrem starken Drama "Sister – Winterdieb" ebenso wie Jan P. Matuszynskis bei den letztjährigen Filmfestspielen von Venedig vielbeachteter "Leave no Traces". Doch auch diese Sektion ist ebenso wie das European Panorama Documentary in erster Linie ein Ort für spannende Entdeckungen. – Dass Crossing Europe dafür ein idealer Platz ist, beweisen unter anderem Ruben Östlund, Alice Rohrwacher, Joachim Trier oder Joanna Hogg, deren erste Filme in Linz präsentiert wurden, ehe diese Regisseur*innen international bekannt wurden.


Aufregende Alternative zum vielfach gesellschaftskritischen Programm dieser Programmschienen bietet die "Nachtsicht" mit fünf ungewöhnlichen europäischen Horror- und Fantasyfilmen abseits des Mainstreams. Der Tribute für Fabrice du Welz macht dagegen mit dem Schaffen eines noch wenig bekannten 50-jährigen belgischen Regisseurs vertraut, während in den Local Artists mit einem umfangreichen Programm Einblick ins aktuelle oberösterreichische Filmschaffen geboten wird. – Einer vielfältigen und inspirierenden Festivalwoche sollte damit nichts im Wege stehen.


Weitere Berichte zu Crossing Europe 2022:

Zwischenbericht - Crossing Europe 2022: "La Ligne" + "Beautiful Beings" Schlussbericht - Crossing Europe 2022


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