• Walter Gasperi

Ninjababy


Baby – nein danke! – Mit viel Einfallsreichtum, unbekümmert und frech erzählt die Norwegerin Yngvild Sve Flikke von einer 23-Jährigen, die sich mit dem Gedanken Mutter zu werden überhaupt nicht anfreunden will. – Für eine spezielle Perspektive sorgt, dass der Fötus in Animationsszenen selbst zur Situation Stellung bezieht.


Jason Reitmans 2007 entstandene Tragikomödie "Juno" kann inzwischen als Klassiker zum Thema Teenager-Mütter gelten. Die Protagonistin von Yngvild Sve Flikkes zweitem Spielfilm mag zwar schon über 20 sein, doch die 48-jährige Norwegerin erzählt in ihrem zweiten Spielfilm eine ganz ähnliche Geschichte, verleiht ihr aber doch einen ganz eigenen Dreh. Zunächst einmal sorgen Licht, Farben und Setting für einen ungeschminkten, realistischen Look, Clou des auf Inga Sætres Graphic Novel "Fallteknikk" basierenden Films ist aber zweifelsohne, dass Flikke den Fötus immer wieder in Animationsszenen die Situation und Rakels Verhalten kommentieren lässt.


Passend zu diesen Szenen kann sich die 23-jährige Rakel (Kristine Kujath Thorp) auch vorstellen Comiczeichnerin zu werden, aber auch als Astronautin, Globetrotterin, Bierverkosterin oder Waldaufseherin sind für sie Optionen. Nur Platz für ein Baby gibt es in ihrem Leben zumindest derzeit nicht. Rasch wechselnde Männerbeziehungen hat sie zwar, aber sie nimmt ja die Pille. Nicht zu leugnen sind allerdings die körperlichen Veränderungen von großen Brüsten über seltsame Geruchsempfindungen bis zu einem komischen Gefühl im Bauch.


Auf Drängen ihrer Freundin und Mitbewohnerin macht sie deshalb einen Schwangerschaftstest und will das positive Ergebnis kaum glauben. Nur loswerden will sie den ungewollten inneren Begleiter, doch in der Klinik muss sie erfahren, dass eine Abtreibung nicht mehr möglich ist, da sie schon im sechsten Monat ist. – Babybauch muss ja nicht jede werdende Mutter bekommen.


So muss zunächst einmal der Kindsvater ausfindig gemacht und mit der Realität konfrontiert werden, dann die Möglichkeit der Freigabe zur Adoption geprüft werden. Auch der kinderlosen Schwester könnte ja das Baby übergeben werden, auch wenn diese als Musikproduzentin beruflich ausgelastet ist.


Durchgängigen Drive entwickelt "Ninjababy" nicht, lebt weniger von einer stringenten Handlung als vielmehr von einzelnen Szenen. Die unverbrauchten Schauspieler*innen, treffsichere Dialoge und der genaue Blick für die Gefühlswelt der Charaktere sorgen hier für hinreißende Momente. Großartig ist nicht nur Kristine Kujath Thorp, die Rakel als selbstbewusste Mittzwanzigerin spielt, die sich von dieser Schwangerschaft nicht aus der Bahn werfen lässt, sondern ihr Leben leben will, sondern auch Nader Khademi als ebenso zurückhaltender und höflicher wie herzensguter Aikido-Trainer Mos und potentieller Vater.


Gesteigert wird die unbekümmerte und frische Erzählweise, die "Ninjababy" immer ehrlich und echt wirken lässt, durch die Perspektive des Fötus. Ganz schön frech und offen kommentiert dieses schwarzweiße Männchen mit schwarzer Augenmaske das Verhalten von Rakel, äußert unverblümt seine Meinung zum potentiellen Vater "Pimmeljesus" und seine Ablehnung gegen die potentiellen Adoptiveltern. Mal krabbelt er über den Tisch, mal hängt er an der Wand. Rakel mag ihn unter einer umgedrehten Kaffeetasse einsperren, zum Schweigen bringen lässt er sich dennoch nicht.


Kein selbstverliebter witziger Einfall ist freilich dieser sprechende Fötus, sondern die personifizierte innere Stimme Rakels. Mit ihr kommt ebenso bewegend wie witzig die Zerrissenheit der jungen Schwangeren zum Ausdruck und treffend wird so der Widerstreit von Ablehnung und dem Wunsch die beste Lösung für das Kind zu finden visualisiert.


So lässt "Ninjababy" mit seiner Originalität und seinem Einfallsreichtum immer wieder schmunzeln oder auch laut lachen und bietet gleichzeitig einen einfühlsamen Einblick in die schwierige Gefühlswelt einer ungewollt Schwangeren. Auch das Ende ist gelungen, wenn die Animationsszenen in einem klugen Schachzug der Regisseurin ein Weiterleben auf einer anderen Ebene erfahren.



Ninjababy Norwegen 2021 Regie: Yngvild Sve Flikke mit: Kristine Kujath Thorp, Arthur Berning, Nader Khademi, Tora Christine Dietrichson, Silya Nymoen, Herman Länge: 103 min.


Läuft derzeit in den Schweizer Kinos, z.B. im Kinok St. Gallen und im Skino Schaan


Trailer zu "Ninjababy"